Am Sonntagmorgen, 24.05.2020

von Andreas Brauns, Schellerten

„Ohne Worte.“ Wie ein Gebet gelernt wird

In der Ruhe liegt die Kraft – das gilt auch für das Ruhegebet: Gläubige setzen sich still mit Gott auseinander, suchen das von Ihm erfüllte Schweigen. Ruhegebet bedeutet Hingabe von allem, was der Betende ist und hat – um so von Gott neu empfangen zu werden.

© Ricardo Esquivel / Pexels

So klingt Beten im Kloster: Seit Jahrhunderten werden die Worte beim Gebet nicht gesprochen, sie werden gesungen: „Wer singt, betet doppelt!“, heißt es.

Ganz anders ist es beim Ruhegebet, einem Gebet ohne Worte. Das Ruhegebet überliefert hat der „Wüstenvater“ Johannes Cassian in seinen Schriften aus dem vierten Jahrhundert. Es geht bei dieser Art zu beten darum, aus der Routine des Alltags auszuscheren – durch Nichtstun.

Dieser Ansatz inspiriert später den bedeutendsten Ordensgründer des Abendlandes, Benedikt von Nursia, seinen Mönchen zu empfehlen, die Werke des Johannes Cassian zu studieren.

Doch nicht nur die Ausführungen zum Ruhegebet geraten mehr und mehr in Vergessenheit. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts ist das Ruhegebet nur wenigen geistlichen Lehrern bekannt. Peter Dyckhoff, heute Seelsorger und selbst geistlicher Lehrer, hat das Gebet vor 50 Jahren für sich entdeckt in einem Gebetskurs. Damals war er in einer großen Krise.

„Mein Vater war tödlich verunglückt, ich musste sein Geschäft übernehmen, einen Textilbetrieb, und hab natürlich keine großen Gewinne gemacht, was auch sehr belastend war, und begann etwas mehr zu trinken. Ich war mehr oder weniger in eine Sackgasse geraten – einfach aus Unfähigkeit.

Und da begegnete mir das Ruhegebet durch einen Professor der Pädagogischen Hochschule in Münster. Und dann habe ich natürlich als erstes gedacht: ‚Oh, wieder beten… ich hab´s doch versucht…‘ Und habe aber trotzdem diesen Kursus absolviert, und gedacht, wie ein Mensch, der ertrinkt, der nach einem Strohhalm greift: ‚Vielleicht bringt es doch etwas.‘

Und das war eben kein Strohhalm, es war auch nicht nur ein Rettungsbalken, sondern das war wirklich ein Rettungsschiff, auf das ich aufsteigen konnte und in dem ich mich jetzt noch befinde. Das Schiff, das sich mit mir auf der Überfahrt befindet von diesem Land in das jenseitige Land.“

Wie geht das Ruhegebet?

Inzwischen hat Peter Dyckhoff viele Bücher geschrieben über das Ruhegebet. Doch der heute 82-jährige Priester hat nicht nur geschrieben, er hat auch andere Menschen in das Ruhegebet eingeführt. Diese Art zu beten unterscheidet sich von Lob-, Dank- oder Bittgebeten dadurch, dass der Betende sich ohne konkretes Anliegen oder inneres Formulieren in Stille mit geschlossenen Augen Gott aussetzt. Er sucht nicht das Gespräch mit Gott, er sucht das von Gott erfüllte Schweigen. Er gibt sich in gewisser Weise selbst hin, um verwandelt zu werden. Das geschieht nicht von heute auf morgen, das Ruhegebet ist ein Gebetsweg, zu dem Tag für Tag zwei Gebetszeiten von jeweils gut zwanzig Minuten gehören.

Bei allem Schweigen gibt es beim Ruhegebet doch auch ein kurzes Gebetswort: etwa „Komm, Herr Jesus“ oder auch „Herr, erbarme dich“. Der Betende wählt es einmal aus und wiederholt es dann während der Gebetszeiten in Gedanken. Es hilft, um zur erforderlichen Ruhe und Sammlung zu kommen.

Auch Angelika Oehlke lehrt das Ruhegebet. Vor 15 Jahren ist sie ihm zum ersten Mal begegnet, als Suchende. Sie, die keine Theologin ist, versteht sich bei den Kursen als Instrument des einen Lehrers Jesus Christus. Sie weiß: Das Ruhegebet ist zunächst eine Begegnung des Suchenden mit sich selbst. Und es kann durchaus irritieren, wenn es am Anfang darum geht, die eigenen Gedanken zuzulassen.

„Die Menschen, die sagen dann: ‚Ich habe tausend und noch mehr Gedanken!‘ Das ist ja klar, das ist am Anfang ganz, ganz viel. Dass man also viele Gedanken noch hat, die an die Oberfläche kommen, das ist auch gut so.

Denn das ist ein Zeichen dafür, dass in dem Beter, in der Beterin etwas in Bewegung gekommen ist. Da löst sich etwas, es kommt an die Oberfläche, ich nehme es wahr, ich bewerte es nicht. Ich gebe einfach den Gedanken in der Zeit des Gebetes ab und kehre zum Gebet zurück, und lasse das andere einfach geschehen, was geschehen soll. Und ich darf vertrauensvoll darauf schauen, dass das, was geschieht, in Verbindung mit Gott nur etwas Gutes sein kann.“

Ruhegebet heißt loslassen

Zu den Kursen, die für zwei oder drei Tage angeboten werden, kommen vor allem suchende Menschen, die sich angezogen fühlen vom Begriff „Ruhe“ bei den Ausschreibungen zum Ruhegebet.

„Wir sind sehr willkommen in den Klöstern, weil wir etwas sehr Ursprüngliches mitbringen, nämlich das Gebet in der Haltung, in der auch Jesus gebetet hat. Er ist immer in die Stille gegangen, hat sich zurückgezogen von der Menge und so tun wir es ja auch im Ruhegebet. Weil diese Gebetsform so wenig vertraut ist, braucht es gerade am Anfang so etwas Unterstützung, damit sich keine Fehler einschleichen, sprich, dass die Menschen, die plötzlich diese tiefe Ruhe erfahren in diesem Gebet, dann diese Gebetszeit überziehen, überdehnen.

Wir haben ja früher gelernt: ‚Du musst schön andächtig beten‘, also bei jedem Wort bleiben, das tun wir ja genau beim Ruhegebet eben nicht, weil wir ja alles bewusst auch loslassen. Und das ist so wenig vertraut. Und da braucht es oft vor allem Ermutigung, dabei zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass das ein Prozess ist.“

Doch dieses Vertrauen fällt nicht sofort vom Himmel, es ist nicht einfach so da. Es ist für viele eine völlig neue Erfahrung, auf die sie sich erst einlassen müssen, die sie tatsächlich üben müssen, da sonst die Gedanken, die im Alltag immer im Mittelpunkt stehen, alles blockieren.

„Diese Fülle der Gedanken, das baut sich mit der Zeit mehr und mehr ab. Deshalb ist es wichtig, das Ruhegebet möglichst zweimal am Tag zwanzig Minuten zu beten und das auch kontinuierlich. Also nicht mal heute und nächste Woche wieder. Das ist nicht ein Gebet, was ich mal hervornehme, sondern es ist ein Gebets-Weg. Dann kann Wandlung geschehen: Von der Dunkelheit zum Licht!“

Wandlung durch Hingabe

Zu einem reinen Herzen. Diese Wandlung ihrer selbst erleben Menschen, die das Ruhegebet üben und beten. Oft stellen sie es gar nicht selbst fest, andere weisen sie aber darauf hin, so Peter Dyckhoff. Manchmal verbunden mit der Frage, wie diese Wandlung möglich war. Die Antwort des geistlichen Lehrers:   

„Das Ruhegebet schaltet mehr und mehr das ´Ich´, meine Vorstellung, meine Gedanken, meinen Willen, mein Wollen, meine Wünsche vorübergehend aus, damit ich zu einem Empfangenden werde, zu einem Empfangenden der Gnade Gottes, die in mir Wandlung vollzieht. Wie die aussieht, das vermag ich nicht zu sagen.

Aber wir beginnen nicht, dass der Heilige Geist in mir die Grenze zum Intellekt überschreiten und mich in eine Seelentiefe führen möge, die ich bisher nicht kannte. Das sind schon alles religiöse Glaubensvorstellungen, die mich binden und die mich festhalten. Ich gebe auch die Vorstellung von Gott, die mir vielleicht injiziert wurde, die gebe ich auch ab. Es ist Hingabe. Hingabe all dessen, was ich bin und habe, um mich vom Schöpfer neu wieder zu empfangen. Das ist Wandlung.“

Ein Siebtel des Lebens für die göttliche Ruhe

„Also es ist uns ganz wichtig, dass die Menschen wissen, dass sie sich auf einem urchristlichen Weg befinden, den hat sich nicht irgendjemand ausgedacht, sondern es ist eine Tradition, die wirklich aus dem Evangelium geschöpft ist und eben für die heutigen Verhältnisse übersetzt worden ist.“

Angelika Oehlke betont in ihren Kursen zum Ruhegebet: Es kommt nicht darauf an, etwas zu machen, zu steuern, sondern alles aufzugeben, es ziehen zu lassen. Und – darauf weist auch Peter Dyckhoff hin – dem Ruhegebet zu vertrauen:

„Das unsere Aktivität ausschaltet und uns an die Hand nimmt und in die Nähe Gottes führt. Das ist die Sehnsucht, glaube ich, eines jeden Geschöpfes, die Sehnsucht oder die Unruhe des Herzens, bis es in Gott ruht wie Augustinus sagt. Auf der anderen Seite sagt Augustinus auch: Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch.

Und Gott hat die Sehnsucht, dem Menschen Liebe, Frieden und vor allen Dingen diese göttliche Ruhe zu schenken. Und wenn nicht ein Siebtel unseres Daseins der göttlichen Ruhe gewidmet ist, dann wird unser Leben nicht gelingen. Das ist eine Urgleichung, die viele Menschen aus dem Herzen verloren haben. Und ich habe das mal ausgerechnet: Wir kommen so ungefähr, wenn wir die Nacht abziehen und viele Kompromisse machen, auf zwei mal dreißig Minuten pro Tag.“

Wie Gott in der Schöpfungswoche am siebten Tag ruhte, so sollen auch die Menschen ein Siebtel ihrer Zeit dieser göttlichen Ruhe widmen.

Das Ruhegebet in den Alltag integrieren

Doch im Alltag hat Ruhe oft genug nicht den angemessenen Platz. Und wenn sie da ist, beunruhigt sie. Dabei ist sie die Chance, sich auf den leisen Gott einzulassen. Darum setzt Angelika Oehlke auf das Ruhegebet, auf das Gebet ohne Worte.

„Wie geben wir es weiter? Natürlich ganz in der Strenge der Tradition der Wüstenväter. Wir haben über 30 Gebetsformeln, das sind kurze Gebetsworte: Vielleicht ein kurzer Satz: ´Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!´

Das Wesen ist: Es ist immer eine Anrufung des Namens Jesu Christi oder eine Anrufung Gottes. Ich trete in Verbindung, in Kontakt mit Gott.

Das Gebetswort wird wiederholt im Schweigen, also es wird mehr gedacht als gesprochen. Und wir lassen mehr und mehr auch gedanklich dieses Gebetswort los und geben uns so immer mehr in diese Situation des Daseins vor Gott.“

Dazu hilft es, sich still hinzusetzen, ruhig zu atmen, die Hände in den Schoß zu legen und damit alles aus der Hand zu geben. Das gelingt manchmal allerdings erst nach mehreren Versuchen, vor allem bei jenen Menschen, die sich innerlich dagegen wehren, etwas loszulassen. Der Priester Peter Dyckhoff sagt, das sind vor allem diejenigen, die in ihrem Leben viel Verantwortung tragen.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade bei Priestern, auch bei Lehrern es schwer ist, sie von ihrem ständig aktiven Wahrnehmungsprozess und Denkprozess abzuhalten und eine Gebetszeit einzuführen, die sie nicht selbst kontrollieren, sondern die mit Hingabe zu tun hat.

Dass eigentlich das, was das Eigentümliche des Christseins ist, die Wandlung, dass das schwerlich in der Wahrheit vollzogen wird. Ich kann nur etwas verwirklichen, wenn ich auch etwas habe. Insofern brauche ich oft das Wort: ´Gabe steht vor Aufgabe´. Ich muss erst etwas empfangen, um dann eine Aufgabe auch auszuführen. Das ist wahrhaftes Leben.“

Keine Wellnessruhe

Also zunächst die Ruhe, dann erst das Tun. Und alles das in einem ausgewogenen Verhältnis. Doch wir Menschen neigen dazu, zu übertreiben. Nicht nur beim Tun. Darum gibt es für das Ruhegebet mehr als nur Kurse für Anfänger.

„Es kann natürlich ein Mensch, der sich nicht an die Kriterien hält, die wir vermitteln, sondern es überzieht, die Zeit des Gebetes, das heißt: seinem Leben, seinem Körper zu viel Ruhe zufügt, – die kann dann auch zu viel Spannungen auf einmal lösen und es wird gefährlich, also das heißt: Diese Hinwendung zur Ruhe darf nur in einem bestimmten Verhältnis zu unserer Aktivität stehen, sie darf nicht überhandnehmen. Dann wird der Mensch genauso krank, als wenn er überaktiv ist. Aber wir leben in einer Zeit, in der wir eher an Überaktivität krank werden als an göttlicher Ruhe.“

Diese göttliche Ruhe ist nicht zu verwechseln mit der von vielen ersehnten Wellnessruhe. Nein, die göttliche Ruhe geht tiefer. Wenn Menschen sich im Ruhegebet absichtslos darauf einlassen, verändert es sie, so Angelika Oehlke, die sich seit Jahren in der Stiftung ´Ruhegebet´ engagiert.

„Das Leben gewinnt an Fülle, an Liebe, an Liebe zu mir selbst, an Selbstvertrauen und ich spüre mehr und mehr, dass ich geliebtes Kind Gottes bin. Und das ist wunderbar.“

Damit mehr Menschen diese Erfahrung machen können, hat der geistliche Lehrer Peter Dyckhoff die Stiftung „Ruhegebet“ gegründet. So hofft er, das Gebet ohne Worte auch in den kommenden Jahren zugänglich zu machen. Das Gebet, das Menschen zu den Menschen machen kann, wie Gott sie sieht. Der geistliche Lehrer möchte für alle, die in ihrem Leben nach einem Strohhalm suchen, das Rettungsschiff bereithalten, das ihn seit 50 Jahren trägt.   

„Es ist unendliche Dankbarkeit, dass das, was mich in dieser Welt vor dem Absturz gerettet hat, ich auch anderen Leuten anbiete mit unseren Mitteln, mit dieser Sprache. Da kann sich etwas Wesentliches verändern, was keines Aufwandes bedarf.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Hymnus „Nunc sancte nobis Spiritus“

„Tabarly“ von Yann Tiersen

„The Waves“ von Ludovico Einaudi


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Dieser Beitrag wurde am 24.05.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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