Morgenandacht, 06.06.2020

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Gürtet Euch!

Der Mundschutz ist das Kleidungsstück, das uns möglicherweise von den Trends dieses Jahres am meisten in Erinnerung bleiben wird. Was zunächst schlicht aus Papierflies zum Wegwerfen bekannt war, hat sich regelrecht zu einer Art Mode entwickelt.

Es geht zunächst um den Schutz anderer, diese Bedeckung gibt mir selbst aber auch ein Stück mehr Bewegungsfreiheit. Mit dem Mund-Schutz wurde der Zugang zu Geschäften wieder möglich. Die berühmt-berüchtigte Maske, vorher vielleicht sogar als Vermummungselement verboten, ist plötzlich zu einer Art Rüstzeug geworden für den respektvollen Umgang mit anderen Menschen.

Das erinnert mich an ein Wort, das in der Bibel an mehreren Stellen auftaucht: ich meine das Sich-Gürten. Da heißt es zum Beispiel in der Szene, als er den Jüngern die Füße wäscht:

„Jesus stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch.“

(Joh 13,4)

Das Umgürtet-Sein begegnet mir auch in der Geschichte vom Pascha-Mahl in der Nacht vor dem Auszug aus Ägypten:

„So sollt ihr es essen: Eure Hüften gegürtet, Schuhe an euren Füßen und euren Stab in eurer Hand. Esst es hastig!“

(Ex 12,11)

Hat nicht gerade etwas Feierliches, eher etwas von einem Essen to go, wie wir es über viele Wochen angeboten bekommen haben.

Was also hat es mit dem Gürten auf sich? Im Orient kleidete man sich einst in lange, weite Gewänder, die das Tragen eines Gürtels erforderten. Beim Verrichten einer Arbeit oder zum Gehen wurde er enger angezogen, um ungestört arbeiten oder frei ausschreiten zu können.

Wenn in diesen biblischen Texten vom Gürten die Rede ist, dann geht es darum, sich bereit zu machen – es geht um Entschiedenheit. Dabei denke ich an den Mundschutz: Es geht auch hier gerade nicht um Vermummung, sondern um Offenheit, um Bereitschaft für andere!

Wenn sich Jesus im Abendmahlsaal umgürtet, wird das zum Ausdruck seines Hirtendienstes für die Menschen: Pflege, Sorge für andere! Wenn der den Jüngern mit dem Leinentuch die Füße trocknet, könnte das sogar an das Trocknen von Tränen erinnern: es geht um Trost! Das Sehnen der Menschen nach dem Retter, dem Tröster, gelangt hier zur Erfüllung, wenn Jesus seine Freunde pflegt, sie tröstet!

Christliche Existenz bedeutet für mich, als Menschen zu leben, die sich gürten, die sich in Dienst nehmen lassen. Dazu gab es in unserer Kirche in Harting am Stadtrand von Regensburg in der Zeit vor Ostern ein interessantes Kunstwerk des Dresdner Künstlers Michael Merkel zu sehen: Hospitale Minus und Hospitale Maius, kleines und großes Krankenhaus heißen die beiden Tafeln, die aus ganz vielen übereinander gewickelten Binden bestehen, wie man sie zum Verbinden von Wunden oder zum Bandagieren von Gelenken verwendet.

Gebrauchte Binden mit Spuren von menschlichen Verletzungen! Es geht um das Verbinden von Wunden, von Verletzungen – und es geht um ein Verbindlich-Sein von Menschen gegenüber anderen, die in Not geraten und schutzbedürftig sind. Wer sich gürten, wer sich binden lässt, der steht in enger Verbindung zu dem, der den Auftrag gegeben hat, es ihm gleich zu tun, den anderen die Füße zu waschen bzw. im Namen seiner Liebe verbindlich in den Dienst anderer stellen zu lassen.

Der Mundschutz mag lästig sein. Und dennoch ist er für mich zum Symbol geworden, mich für andere zu gürten. Diesen Gedanken möchte ich über die Zeit des Ausnahmezustandes hinaus mitnehmen. Und ich lasse mich erfüllen von der Zuversicht, die aus dem Klagepsalm 30 spricht:

„Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mich geheilt und mit Freude umgürtet.“

(Ps 30,12)


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Dieser Beitrag wurde am 06.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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