Morgenandacht, 23.05.2020

von Ute Eberl, Berlin

Scrum-Management

Beruflich sei sie „scrum-Managerin“, und sonst in ihrer Kirchengemeinde sehr engagiert. Also - ich war nicht die einzige in der Runde, die mit „scrum-Managerin“ nichts anfangen konnte und so erklärte sie uns kurz und knackig ihre Arbeit in der IT-Branche.

Scrum – aus dem englischen – bedeutet „Gedränge“, so wie man es von Rugby-Spielen kennt. Was von außen betrachtet auf dem Rugby-Spielfeld wie ein wildgewordener Haufen aussieht, folgt allerdings sehr genauen Regeln. Die sind auch unbedingt nötig, wenn eine Mannschaft gemeinsam ein Ziel erreichen will.

Ihr Schlusssatz lautete:

„Meine Aufgabe im Team ist es, die Steine wegzuräumen, damit alle gut arbeiten können.“

Das saß! Leuchtende Augen allerorten! Das klingt ja fast wie eine Verheißung: jemand, der mir die Steine aus dem Weg räumt! Paradiesische Zustände.

Dem Begeisterungsschwapp setzt sie allerdings gleich Grenzen: Nein, es sei weder ihr Job, die Kaffeetassen wegzuräumen, noch nach Feierabend die liegengebliebene Arbeit von Säumigen zu erledigen. Ihre Aufgabe ist es, auf die Stolpersteine zu achten: dass es im Team stimmt, sowohl zwischenmenschlich als auch organisatorisch, dass jeder die Informationen bekommt, die er braucht und vor allem: dass das gemeinsame Ziel nicht aus dem Blick gerät.

Wir saßen nicht bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit, wir saßen mit Engagierten aus vielen Kirchengemeinden zusammen. Unser Thema hieß schlicht: Wie geht’s mir mit meinem Ehrenamt. Die scrum-Geschichte inclusive Rugby und Steine-wegräumen hat uns begleitet. Unserer scrum-Frau war es schon fast unangenehm, denn die Bilder, die da in den Köpfen aufblitzten, hatten zuallererst mit weggeräumten Steinen zu tun – weniger mit der Arbeit, die dahinter steckt.

Aber dass Stolpern weh tut, und es manchmal nicht so ohne weiteres klappt, sein Krönchen zu richten und wieder aufzustehen – davon konnten alle ein Lied singen.

„Er befiehlt seinen Engeln dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“

(Ps 91, 11f)

So heißt es in einem Psalm der Bibel. Also die Sehnsucht, dass Steine weggeräumt werden, die hat es schon in sich. Gilt für ehrenamtlich Engagierte in der Kirche, gilt für alle, die zusammen etwas erreichen wollen. Macht Gott das? Räumt er Steine weg? Und wieviel Engel-Kompetenz traut er uns, seinen Menschen, zu?

Stolpersteine liegen nun mal herum und manchmal hat man den Eindruck, dass die Steine-in-den-Weg-Leger in der Überzahl sind. Da tut es ziemlich gut, wenn jemand da ist, der beim Aufstehen hilft. Geduld mitbringt,  wenn Kränkungen - ob absichtlich oder unabsichtlich -  ganz tief sitzen. Dafür sorgt, dass es wieder gut weitergehen kann.

Viele haben in unserer Ehrenamtsrunde erzählt, dass sie genau diese scrum-Management-Position einnehmen, auch wenn sie das scrum-Wort bislang noch gar nicht kannten. Sie dafür sorgen, dass Informationen weitergegeben werden, darauf achten, dass Abhilfe geschaffen wird, wenn sich jemand in seinem Engagement überfordert. Und vor allem, dass die Frage, ‚Wie geht’s Dir?‘ nicht zur Floskel wird.

Und eine sagte: „Ist ja nicht auszuschließen, dass ich selbst zum Stolperstein für andere werde. Seit wir uns regelmäßig ein feedback zu unserer Arbeit geben, läuft es viel besser miteinander!“ Das sei zwar eine harte Schule gewesen, aber es lohne sich, meint sie. „Es verringert zumindest die Stolperfrequenz. Und es wäre ja blöde, wenn wir uns gegenseitig im Weg stehen.“

Zum Glück gibt es welche, die Stolpersteine auf den Tisch packen und sagen: wir müssen reden!

Und das, finde ich, hat durchaus „Engelsqualität“!


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Dieser Beitrag wurde am 23.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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