Morgenandacht, 22.05.2020

von Ute Eberl, Berlin

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten

Gestern war gesetzlicher Feiertag. Für die einen war‘s Vatertag, je nach Landstrich auch  Herrentag, für andere war’s das Fest „Christi Himmelfahrt“, na und für manche auch beides zusammen.

Christi Himmelfahrt -  ich bin dann mal weg,  so hätte Jesus vielleicht heute gesagt. Aber so ganz weg jetzt auch wieder nicht. Denn er verspricht den heiligen Geist, die tröstende Kraft, die uns nicht alleine lässt. Das Kommen dieses Geistes feiert die Kirche dann nächste Woche an Pfingsten!

Salopp gesagt gilt also für heute: Jesus ist schon weg, aber der Heilige Geist noch nicht da.

Das ist ein bisschen so, wie wenn ein Kind laufen lernt. Erst an der Hand der Eltern, dann alleine und ja es dauert nicht lange, dann wird aus den tastenden Schritten ein flottes: ‚Ich bin dann mal weg‘. Das Kind lässt die schützende Hand der Eltern los, strahlt übers ganze Gesicht und schon geht’s auf Entdeckungstour.

Genauso sicher ist, dass es nicht lange dauert, bis sich das Kind umdreht und  zurück zu den Eltern läuft. Es weiß, dass hier der sichere Hafen ist, das Kind braucht diese Rückversicherung. Immer wieder. Bekommt bei den Eltern eine Umarmung und rennt wieder los. So geht das eine lange Zeit: loslassen, aber nicht so ganz. Die Eltern sind stolz: Unser Kind lernt laufen – das Kind freut sich: Ich kann’s jetzt – alleine.

Christi Himmelfahrt erzählt von einer ähnlichen – und doch ganz anderen Situation:

In der Bibel heißt es, dass Jesus vierzig Tage lang nach seiner Auferstehung immer wieder mit seinen Jüngern zusammen war. Das gibt Sicherheit und Kraft. Dann, nach diesen vierzig Tagen – so in der Apostelgeschichte –

„wurde er vor ihren Augen emporgehoben, eine Wolke nahm ihn auf, und entzog ihn ihren Blicken.“

(Apg 1,9)

Jesus ist weg. Seltsamerweise waren die Freunde Jesu weder traurig, noch enttäuscht. Die Bibel berichtet, dass sie „voll Freude“ waren. Ermutigt und ermächtigt zogen sie los, vielleicht sogar ein bisschen stolz, dass Jesus ihnen voll und ganz vertraut. Aber so ganz – so ganz  genau wussten sie auch nicht, wie’s weitergehen kann. Mich würde nicht wundern, wenn der eine oder die andere doch noch ganz gern eine Kehrtwende gemacht hätte … also lieber doch noch mal zurück in den sicheren Hafen, Rückversicherung sozusagen. Gestärkt hat er sie ja, jetzt gehen sie los, um in seinem Geist die Welt zu gestalten: Traurige trösten, Hungrige  sättigen, Fremde beherbergen - für ein Stück „Himmel auf Erden“  sorgen.

In den neun Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und dem Pfingstfest wird in den Kirchen oder zuhause kräftig um den Heiligen Geist gebetet, den Beistand und Tröster, den Jesus versprochen hat. Jedes Jahr aufs Neue: „Komm Heiliger Geist, besuch‘ das Herz deiner Menschen“ heißt es da.

Ich mag diese Zeit zwischen den großen Festen sehr. Sie ist nicht pompös und weihrauchgeschwängert, sondern, na, ich würde sagen, es ist eine Zeit, in der kleinere Brötchen gebacken werden. Eine Zeit, in der das Hin-und-Her der Sehnsucht genauso Platz hat wie der Zweifel. Wie bei den Kindern – doch noch mal rückversichern, oder trägt das unsichtbare Band schon, das ja durch und durch gestärkt ist vom Zutrauen der Eltern?

Da nimmt gern der liebe Bruder „Zweifel“ Platz. Der ist ja ein Bruder des Glaubens. Kein ungeliebter Verwandter, sondern ein Bruder. Nicht wegzudenken!

In einem alten Gebet aus dem 12. Jahrhundert, das in den Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten gesprochen wird, heißt es:

„Komm herab o Heiliger Geist, der die finstre Nacht zerreißt, …
in der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu,…
wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt“.

(GL 344)

Ich liebe dieses Gebet.


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Dieser Beitrag wurde am 22.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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