Morgenandacht, 20.05.2020

von Ute Eberl, Berlin

Du lebst von dem, was Du gibst

Drei Tenöre, alles Musikstudenten, schmettern im Hof des Altenheims ein Schlagerrepertoire vom Feinsten. „Pack die Badehose ein“, die „Caprifischer“,  „Mendocino“ und  die „Tulpen aus Amsterdam“ sind auch zu hören. Das macht Laune!

Und das ist großartig! Da gehen drei junge Leute spendabel mit ihrer eigenen Zeit um, verschenken, was sie können an andere. Na, ich würde mal sagen: Das sind einfach großzügige Menschen! 

Großzügige Menschen haben ein Geheimnis. Es lautet schlicht: ‚Du wirst reicher, wenn Du etwas gibst. Du lebst nicht nur von dem, was Du hast und ängstlich behältst, sondern vor allem von dem, was Du großzügig gibst.‘

Wer etwas gibt kann erfahren, dass er nicht weniger wird, sondern kompletter. 

Das Geheimnis großzügiger Menschen ist keineswegs das Eigentum religiöser Leute. Die haben zwar eine Sprache dafür – ich nenne es Nächstenliebe -  aber gehören, gehören tut es ihnen nicht. Denn das Gefühl unbändiger Freude ist allen gemein, die die Lebenslage anderer verbessern: Wie zum Beispiel die der Senioren an ihren Fenstern, die den Tenören lauschen, und klatschen, so gut sie können. Die Sänger haben die Idee geboren, Absprachen mit der Heimleitung getroffen, und dann – natürlich mit dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand – einen Riesenspaß beim Singen im Hof des Altenheims erlebt. Der Alltag im Seniorenheim wurde für eine halbe Stunde unterbrochen, die Senioren freuen sich über die Unterbrechung und vor allem, dass in der Welt da draußen jemand an sie denkt.

Das schreit nach Fortsetzung. Die Heimleitung fragt bei den Sängern nach, ob das nicht regelmäßig passieren kann, weil es ihren Leuten so gut täte, die Vorfreude zu spüren. Die Tenöre überlegen nicht lange und sagen zu. Es hat sie ja selbst reicher gemacht! Auch für sie heißt es: ‚Du lebst von dem, was Du gibst.‘

Wer dem Reichtum der Großzügigkeit nichts abgewinnen kann, der wird schnell sagen: ‚Das ändert ja nichts am Besuchsverbot in den Altenheimen, ja und die Sänger, die hätten halt gerade nichts anderes zu tun.‘

Das ist auch eine Sichtweise, allerdings eine Miesepetrige. Eine, die nicht anerkennen will, dass da ein Stück Lebensfreude mitten im schwierigen corona-Alltag möglich wird.

Die Tenöre sind öffentlich zu hören. Genauso großartig ist der Einsatz so vieler, die nicht zu hören sind, von denen übrigens auch nichts in der Zeitung steht. Ich meine die, die unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle großzügig geben: Die genau wissen, welche drei Leute sie heute anrufen, weil die sehnlichst darauf warten. Die sich nicht beschweren, dass die Kinder über ihnen jetzt einfach mehr trampeln. Die bei der Nachbarin anklopfen, die keinen Garten hat, und einen Pfingstrosenstrauß vorbei bringen.

Es dauert ein bisschen, bis man merkt, dass man die Warmherzigen braucht, die großzügig ihre Zeit, ihre Ideen und ihre Aufmerksamkeit verschenken – auch dann noch, wenn in der öffentlichen Debatte schon längst wieder die wirtschaftlichen Fragen im Vordergrund stehen.

Es dauert ein bisschen, bis man merkt, dass der Klebstoff unserer Gesellschaft geschenkte Großzügigkeit ist, die weit über eineinhalb Meter Distanz hinausreicht. Und dass die Großzügigkeit überhaupt nichts mit einer von-oben-herab-Geste zu tun hat, sondern schlicht mit der Erfahrung: Du wirst reicher, wenn Du gibst.

Ich wünsche Ihnen heute, dass Sie sich an Ihrer eigenen Großzügigkeit freuen. Auch, dass Sie großzügig mit sich selbst sind, wenn sich die Mutlosigkeit bei Ihnen einschleicht. Und dass Wunder geschehen, weil Sie nicht aufhören, an das Gute zu glauben.


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Dieser Beitrag wurde am 20.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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