Morgenandacht, 19.05.2020

von Ute Eberl, Berlin

Bleib‘ behütet

Wenn ich als Kind über die Haustürschwelle ging, hat meine Mutter mir ein kleines Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Mal mit einem „Bleib behütet“ oder „In Gottes Namen“, mal auch ohne Worte. Sie hat mich gesegnet. Ich mochte das sehr, es war so ein Moment, der nur uns beiden gehörte: Ich werde angesehen, mir wird Gutes gewünscht – das lässt wachsen. Auch wenn es mir später dann peinlich wurde, vor allem wenn Freunde dabei waren: meine Mutter hat es immer geschafft, mir ein hingehuschtes Kreuz auf die Stirn zu zeichnen.

Ich mach‘ das bis heute auch bei meinen längst erwachsenen Kindern. Seit Corona allerdings per whatsapp, also in digitaler Form. Ein emoji, so ein kleines Bildchen, gibt’s auch dafür: Zwei erhobene Hände, zwischen denen es funkelt. Ein Klick – und schon fliegt der Segen über den Äther. Segenswünsche auf digitalem Weg gibt’s zurzeit in Hülle und Fülle: Zum Beispiel in virtuellen Gemeindetreffs oder ganz öffentlich bei Twitter. Die Eine wünscht sich hier einen Segen, weil sie ein wichtiges Gespräch vor sich hat, der Andere, weil er zwischen homeoffice und Kindern einfach einen kräftigen Zuspruch braucht. Keiner muss da lange warten: es dauert nicht lange und eine Fülle von Segenswünschen landen in der timeline.

Meine Mutter hat mich gesegnet, wenn ich morgens das Haus verließ. Eine kleine Geste, die den Schritt über die Schwelle markiert – aber noch viel mehr: verbunden mit Aufmerksamkeit und dem Wunsch, dass ich gut wieder nach Hause komme. Das habe ich gespürt.

Wer einen lieben Menschen über eine Schwelle begleitet, weiß, dass  es nicht in seinem Vermögen steht, dass alles gut geht. Deshalb der Wunsch: „Bleib behütet“: da soll jemand auf dich aufpassen.

Da geschieht etwas Seltsames: Wer „Bleib‘ behütet“ oder “Gott schütze Dich“ sagt, muss sich  eingestehen, dass er selbst beim besten Willen nicht darüber verfügen kann, dass das Kind wohlbehalten wieder zuhause ankommt, sich eine Depression in Luft auflöst oder die Abiturprüfung bestanden wird. Nein, Segnen hat nichts mit magischen Kräften zu tun.

So sehr ich wünsche, dass „alles gut geht für Dich“, so wenig liegt es in meiner Macht.

Wer segnet gibt etwas, was er gar nicht hat. Was ich mit einem „B--leib behütet“ jedoch mache: Ich bringe meinen Glauben ins Spiel. Erinnere an eine Kraftquelle, an etwas, das weit größer ist, als ich selbst es bin. Ich bringe Gott ins Spiel. Ich kann Gott nicht in die Knie zwingen, dass er meine Wünsche erfüllt. Aber ich kann den Menschen, dem ich Gutes wünsche, in ein besonderes Licht stellen – in das Licht Gottes. Gott übersieht niemanden. Jeder ist ihm wichtig. Ob gesund oder krank, ob mit oder ohne Job, zutiefst verzweifelt oder überglücklich.

Jedem spricht Gott zu: Du bist mein geliebter Mensch.

Das glaube ich. Ja, ich glaube, dass Gott uns eine zärtliche Umarmung auf all unseren Wegen mitgibt.

Auf meine genaue Wortwahl kommt es gar nicht an. Bleib behütet, ich zünde eine Kerze für dich an, ich bete für Dich, … . Eher ist es die Melodie in der Zuwendung, die sagt, dass es sich um mehr als einen alltäglichen Wunsch handelt. Das geht digital genauso wie von Angesicht zu Angesicht.

Als Seelsorgerin frage ich auch Menschen, ob ich sie segnen darf, wenn sie mit Religion gar nichts zu tun haben. Das irritiert dann schon oder provoziert ungläubiges Staunen, ja manchmal auch herzhaftes Lachen. Aber: „Lassen Sie das mal lieber“, nein, das hat noch niemand zu mir gesagt. Eher so in die Richtung „ na, wenn Sie glauben, dass es nützt …“.

Ich glaube, dass es einfach guttut: mir wird zugesprochen, dass es etwas Größeres gibt als meine eigene Anstrengung.

Ob ein großer Glaube dazu nötig ist oder ob eine kleine Hoffnung reicht? Gott weiß schon etwas damit anzufangen.


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Dieser Beitrag wurde am 19.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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