Morgenandacht, 18.05.2020

von Ute Eberl, Berlin

Gottesdienst in besonderen Zeiten

Waren Sie schon bei einem Gottesdienst in der Kirche? Ist ja jetzt wieder möglich, zumindest Schritt für Schritt.

In den letzten Wochen wurde kräftig darum gerungen wie die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in Corona- Zeiten Gottesdienst feiern können. Ob es überhaupt verantwortbar ist. Was alles bedacht und in Schutzkonzepte gepackt werden muss und wer dafür zu sorgen hat, dass das auch ordnungsgemäß umgesetzt wird. Desinfektion und Mindestabstand, Gesichtsmasken und Gesangsverbot -  na Sie wissen schon, die Ausübung der Religionsfreiheit in besonderen Zeiten. Gilt für alle Religionsgemeinschaften.

Die Debatten darüber wurden nicht hinter verschlossenen Türen geführt, sondern öffentlich. Viele haben sich zu Wort gemeldet und – das sage ich jetzt für die katholische Kirche –auch vielfältige bischöfliche Stimmen, keineswegs immer einer Meinung.

Jetzt wird es ruhiger. Die Schutzkonzepte sind geschrieben, Gottesdienste können unter hohen Sicherheitsauflagen stattfinden und ich bin mir sicher, dass sich viele riesig freuen.

Ich bin Christin und ja, für mich gehört der Gottesdienst am Sonntag dazu. Ganz wunderbar, dass das immer, und besonders auch in diesen Zeiten im Radio oder Fernsehen jeden Sonntag möglich ist. Für viele Menschen, die sich schon lange nicht mehr auf den Weg zur Kirche machen können, ist das übrigens Normalität. Das lebt mir mein Vater im Altersheim vor.

Er erzählt mir genauso begeistert von der Predigt des Papstes wie von den Worten von Bischof Bedford-Strohm, von der viel zu modernen Musik oder den wunderbaren Marienliedern: „Du weißt schon, die auch Deine Mutter so gern hatte“. Und die Gottesdienstübertragungen aus dem Wallfahrtsort Wemding, die sind ihm heilig. Das ist der Ort, den meine Eltern früher oft zusammen besucht haben.

Als ich ihm am Telefon von dem Hickhack rund um die Möglichkeit von öffentlichen Gottesdiensten erzählte, sagt er: „Aber ich feiere doch auch Gottesdienst hier. Das ist doch gut so“. „Ja“, sage ich, „ja, das ist gut so!“

Innerkirchlich wurden die Debatten um öffentliche Gottesdienste – na, ich würde mal sagen in „passiv-aggressivem Tonfall“ geführt.  Ich lebe allerdings in einer Stadt, in der sich über die Hälfte der Menschen keiner Religion zuordnet und viele mit dieser Debatte so gar nichts anfangen können. Allerdings habe ich hier erlebt, wie in den letzten Wochen die biblische Aufforderung „ei ner trage des anderen Last“ umgesetzt wurde - jenseits der Frage, ob hier jemand religiös ist oder nicht, sondern einfach in großer Solidarität. 

Als Christin sage ich: Ja sicher, Gottesdienst findet in der Kirche statt, aber doch beileibe nicht nur dort! Einsame anrufen ist Gottesdienst. Kinderdienst ist Gottesdienst. Anlächeln ist Gottesdienst. Eucharistiefeier ist Gottesdienst. Zuhören ist Gottesdienst und Nächstenliebe ist Gottesdienst. Manches geht gerade, manches nicht.

Unbenommen, mir fehlt die Gemeinschaft mit Alten und Jungen in der Kirche. Miteinander feiern, das laute Gotteslob aus vielen Mündern, das so wunderbar stärkt und Kraft gibt, die Fürbitten, die aus den Bänken gerufen werden. Gottesdienst feiern heißt für mich zuallererst: Gott lädt ein, Gott heißt Willkommen. Alle. Kein ausgewähltes Grüppchen.

Für mich ist „Du bist Willkommen“ ein Name Gottes. Ohne Teilnahmebedingungen, ohne Liste, auf der abgehakt wird. Ein Willkommen, in dem sich Menschen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – miteinander verbinden und Großartiges miteinander feiern.

Das geht zurzeit nicht. Aus sehr gutem Grund. Und deshalb schwappt bei mir die Freude über Gottesdienste unter Corona-Bedingungen nicht so sehr über.

Aber wie gesagt: „Einer trage des anderen Last“ – das geht an ganz vielen Orten und ganz ohne Teilnahmebeschränkung.


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Dieser Beitrag wurde am 18.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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