6. Sonntag der Osterzeit

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Stephan in Mainz-Gonsenheim

Predigt von Pfarrer Hans-Peter Weindorf

Seit mehr als neun Wochen verfolge ich gespannt -Abend für Abend - die Nachrichten: Wie geht es uns hier in Deutschland - wie geht es den Men-schen weltweit - mit diesem kleinen, unscheinbaren Virus, das unser Leben von jetzt auf gleich zum Stillstand gebracht hat?

Und interessiert verfolge ich Abend für Abend die Zahlen, die uns vom Robert-Koch-Institut präsentiert werden.

Bis vor einer Woche standen diese Fachleute Tag für Tag den fragenden Journalisten Rede und Antwort.

‚Einem anderen Rede und Antwort stehen’, das ist oft gar nicht so einfach; denn ich weiß ja überhaupt nicht, mit welchen Fragen er mich konfrontieren wird und ob ihn meine Antworten überzeugen werden.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die Euch erfüllt,“

(1 Petr 3,15)

- diesen Auftrag gibt der Apostel Petrus an die Christen weiter.

Aber - mal ehrlich: Gibt es Hoffnung in diesen schwierigen, belasteten, ungewissen Zeiten? Was hat dieses Corona-Virus mit uns nicht schon alles angestellt?

-   Fabriken - ja, ganze Industriezweige - wurden von jetzt   auf gleich lahmgelegt …

-   Da sind die wochenlangen Ausgangsbeschränkungen,   unter denen vor allem kleine Kinder und ältere Menschen   zu leiden hatten …

-   Nicht zu vergessen Familienväter und -mütter, die um ihre Lebensgrundlage fürchten …

Wie viele Lebenspläne sind in den vergangenen Wochen zerstört worden?
Nein - von Hoffnung und Zuversicht ist in diesen Wochen nicht viel zu spüren. Und wer kann schon sagen, wie es in den kommenden Wochen weitergeht?

Wir alle leben weltweit mit der Angst im Nacken, dass dieses kleine Virus nicht so schnell in den Griff zu kriegen ist, wie manche hoffen. Und da sind noch die vielen Falschmeldungen, die Menschen verunsichern. Darunter Scharlatane, die angeblich wissen, wie man mit diesem Virus fertig werden kann … Und andere - darunter - man höre und staune - sogar kirchliche Würdenträger -, die diese Pandemie herunterspielen, als sei es nichts anderes als ein etwas außergewöhnliches Grippe-Virus …Und eine weitere Gruppe, die sich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlt und mit Demonstrationen auf die Straßen geht.

Was trägt uns in dieser unsicheren Zeit? Woran können wir uns halten und festhalten?

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die Euch erfüllt,“

(1 Petr 3,15)

Hier geht es nicht um eine Auskunft über ein krank machendes Virus und seine Folgen. Aber vielleicht doch um ein „Virus“, mit dem sich Menschen im guten Sinn haben anstecken - ja: begeistern - lassen. In den Abschiedsreden Jesu - im Johannes-Evangelium - wir haben heute einen kurzen Teil daraus gehört! - verspricht Jesus seinen Jüngern einen verlässlichen Beistand:

Seinen Geist - den Geist der Wahrheit, der uns für immer geschenkt ist, der bei uns bleibt und in uns wirkt.

Wenn wir uns auf diese Gottes-Kraft verlassen,
wenn wir uns von ihr anstecken und begeistern lassen,
wenn wir sie in uns und durch uns wirken lassen,
können wir - im wahrsten Sinn des Wortes - „Abenteurer-Gottes“ werden -

Menschen, die bereit sind, Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, wenn nötig, „Kopf und Kragen zu riskieren“ - ähnlich wie die Helden in den Abenteuerromanen von Karl May, die ich als Schüler regelrecht verschlungen habe - lang ist’s her!

Ja, wir dürfen heute „Abenteurer Gottes“ sein, weil Jesus uns als seinen Jüngerinnen und Jüngern seinen Geist geschenkt hat - ein Geschenk, das uns niemand mehr wegnehmen kann.

Sein Geist ist nicht kaputt zu kriegen, die Liebe kann keiner mehr ersticken, die Hoffnung auf eine bessere Welt ist nicht mehr fort zu denken. Was damals nach Ostern seinen Anfang genommen hat, gilt bis heute. Durch alle Jahrhunderte hindurch hat es Menschen gegeben, Frauen und Männer, Gelehrte und solche, die nie eine Schule besucht haben, die bezeugen, dass sie Gottes Geist in ihrem Herzen erfahren haben. Die Verheißung „Ihr seid in mir, und ich bin in Euch“ lebt fort bis zum heutigen Tag. Es liegt mit an uns, ob wir dem Geist, dem Beistand, der uns geschenkt ist, eine Chance zum Wirken geben. Tag für Tag gibt es viele Gelegenheiten, wo wir diesen Geist bezeugen können, wo wir für unsere christlichen Ideale und Überzeugungen eintreten können. Ich denke nur an solche Werte wie „Verlässlichkeit und Treue“, „Ehrlichkeit und Offenheit“, „Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft“.

Die Worte, die wir in der heutigen Lesung gehört haben, die Petrus an seine Gemeinde schreibt, machen uns dafür Mut:

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die Euch erfüllt!“

(1 Petr 3,15)

Wir können es auch mit dem bekannten Satz des französischen Philosophen Paul Claudel (1868 - 1955) sagen:

„Rede nur, wenn Du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man Dich fragt!“

So zu leben, dass man uns Christen nach unserem Glauben fragt, so zu leben, dass man uns nach Christus fragt, das scheint mir gelebtes christliches Zeugnis zu sein. Dass uns das gelingt und wir uns wirklich darauf einlassen, das wünsche ich uns allen.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 17.05.2020 gesendet.





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