Wort zum Tage, 15.05.2020

von Sabine Lethen, Essen

In Deine Hände

Ich war acht, als meine Oma plötzlich starb. Ich hatte sehr an ihr gehangen und es tat mir gut, immer wieder ihr Grab zu besuchen. Da fühlte ich mich ihr doch noch irgendwie nahe. Da konnte ich erzählen – von dem was ich erlebt hatte, von dem, was mich bewegte.

Nach einigen Monaten wurde ein Grabstein aufgestellt. Da stand ihr Name. Da war nun in Stein gemeißelt, wann die Oma geboren und gestorben war. Und neben den Daten stand:

„Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende sei alles gelegt.“

Mit dem Inhalt dieser Worte konnte ich als Kind nicht viel anfangen, aber sie hatten eine beruhigende Wirkung, haben mich irgendwie getröstet. Immer wieder habe ich den Satz gelesen.

Später habe ich herausgefunden, dass der Satz aus dem Gedicht „Zum Neuen Jahr“ von Eduard Mörike (1804-1875)[1] stammt. Als Kind aber habe ich mir vorgestellt, diese Worte würden auf einer Kordel liegen. Und die Kordel wäre zu einem Kreis zusammengeknotet. Im Knoten trafen sich Anfang und Ende und es ging immer weiter und immer weiter.

Schließlich habe ich als Kind in meiner Vorstellung diese Kordel in eine große, ruhige Hand gelegt und dabei die Worte wie ein Mantra immer wieder wiederholt: „Dir in die Hände sei Anfang und Ende sei alles gelegt.“

Ich habe keine Ahnung, wie ich an diese Bilder gekommen bin, aber sie und das Gebet begleiten mich seit meiner Kindheit. Sie haben mich schon in vielen Situationen ruhiger gemacht: In mir macht sich dann das Gefühl tiefen Vertrauens breit, das Gefühl, wirklich aufgehoben zu sein – mit allem aufgehoben zu sein.

Heute denke ich mir: Der Grabstein meiner Oma ist zu einem Puzzlesteinchen meines religiösen Lebens geworden. Er hat mein Gottvertrauen nicht etwa begründet oder angelegt – aber er hilft mir, dieses Vertrauen zu erinnern.

Und er hilft mir loszulassen. Wenn ich nicht weiter weiß, einfach keine Lösungsidee mehr habe – dann taucht dieser lebensbegleitende Mörike-Satz auf und ruft mir ins Gedächtnis, dass ich das Problem vielleicht gar nicht alleine lösen muss.

Dann baue ich auf die Kraft, die mein Denken und Vermögen ganz erheblich übersteigt. Ich muss nur im entscheidenden Moment daran denken, ihr Raum zu geben. Abwarten, offen sein und aufmerksam. Die Füße einfach mal still halten. Und auf den bauen, der das Leben erfunden hat und es ohne Wenn und Aber liebt.
In deine Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.


[1] Zitiert nach: www.gedichtsuche.de/gedicht/items/Zum%20neuen%20Jahr%20-%20Mörike,%20Eduard.html


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Dieser Beitrag wurde am 15.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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