Wort zum Tage, 13.05.2020

von Sabine Lethen, Essen

Umarmungen

Kontaktsperre. Schon das Wort klingt sperrig. Und das, was es bedeutet, ist schrecklich. Seit fast zwei Monaten darf ich meine Lieben nicht mehr berühren, streicheln, umarmen, darf meinen alten Vater im Heim nicht besuchen. Social Distance – sozialer Abstand heißt die Maßgabe, die die Politik uns notwendigerweise derzeit verordnet. Es klingt für mich als Christin paradox: Liebe, Zuwendung zum Nächsten muss sich in diesen Zeiten durch Distanz erweisen. Weil ich dich lieb habe, komme ich dir nicht zu nahe.

Obwohl die Vernunft über das Gefühl siegt, macht mich dieses Erleben traurig und hilflos. Was mir aber hilft, sind Erinnerungen zum Beispiel an die ersten Begegnungen mit meinen damals gerade geborenen Enkelkindern. Die älteste ist schon acht. Und doch spüre ich noch heute ihren kleinen zarten, so zerbrechlich wirkenden Rücken in meiner Handfläche als ich sie zum ersten Mal berühre. Die Jüngste ist jetzt drei. Ihr kleines Köpfchen liegt – vermutlich für immer – in dieser Kuhle zwischen meinem Hals und der Schulter. Ich bin glücklich, mich so gut, so tief – ja körperlich – an diese Begegnungen zu erinnern.

Gerade jetzt, da ich lerne, was Kontaktsperre bedeutet, da ich lerne, Nähe zu zeigen, indem ich Distanz wahre, gerade jetzt, wo ich viel zu Hause bleibe oder zwei Meter Mindestabstand halte, da fällt mir auf, dass ich ein sehr gutes Umarmungsgedächtnis habe!

Wenn mich der Frust überkommt und ich einfach nur traurig bin, kann ich mir bei geschlossenen Augen sehr detailliert verschiedene Menschen und unsere Umarmungen vorstellen. Jede Begegnung hat ihren eigenen Charakter.

Ich kann in der Erinnerung empfinden, wer sich in meinen Armen wie zart, wie muskulös oder wie wohlgenährt anfühlt. Diese Erinnerungen sind körperlich in meinem Gedächtnis abgespeichert.

Ich finde: Das ist eine tröstliche Erfahrung in dieser Zeit, die tut gut. Das stärkt mich noch viel mehr, als liebe Worte oder vertraute Stimmen zu hören. Das geht viel tiefer, als alles, was Augen und Ohren aufnehmen können.

Unser Umarmungsgedächtnis gilt es unbedingt zu hegen und zu pflegen! Ich vermute, es ist eine der Komponenten, die unsere seelischen Widerstandskräfte stärken.


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Dieser Beitrag wurde am 13.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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