Wort zum Tage, 12.05.2020

von Sabine Lethen, Essen

Nettigkeitspunkte

Meine 8-jährige Enkelin Lele möchte mit mir Quartett spielen. Ein Pferde-Quartett. Jede von uns hält einen Stapel Karten in der Hand. In vier Kategorien können wir die Pferde miteinander vergleichen: welches ist das größere, welches das schnellere, mit welchem ist der höchste Preis zu erzielen und welches bekommt die meisten Punkte unter „Intelligenz“. Wer das jeweils bessere Pferd hat, bekommt beide Karten.

„So werden bereits Kinder mit der Maxime höher-schneller-weiter vertraut gemacht“, denke ich und mache meinem Unmut Luft. „Ach, Oma, das ist doch nur ein Spiel“, versucht Lele meine kritischen Anmerkungen vom Tisch zu wischen. Wir kommen dann aber doch ins Philosophieren. „Eigentlich finde ich es viel schöner, auf einem langsamen Pferd zu reiten. Da fühle ich mich sicherer. Das ist gemütlicher.“

Auch die Größe eines Pferdes ist nicht zwingend ein Pluspunkt. Wer klein ist, hat ordentlich Mühe, auf den Rücken eines großen Pferdes zu gelangen. Und ganz große Pferde machen sogar ein bisschen Angst.

Wir spielen weiter – nach den bekannten Spielregeln. Aber jetzt mit einem verschwörerischen Blick. Uns beiden ist klar: Das was hier als besser gilt, ist in Wahrheit gar nicht immer besser.

Irgendwann dann Leles Frage: „Was ist eigentlich Intelligenz?“ Wie erkläre ich das einer Achtjährigen? „Das meint, wie klug ein Pferd ist, was es von selbst kapiert und wie schnell es lernen kann.“ – „Und dafür bekommt es Punkte?“, fragt Lele. „Das ist nicht fair.“  – „Das ist doch nur ein Spiel“, rufe ich zwinkernd in Erinnerung.

Aber die Gedanken sprudeln weiter. Es ist nicht fair, andere nach dem zu beurteilen, was sie einfach mitbringen. Bei Pferden nicht und bei Menschen schon gar nicht. Aus der Schule weiß Lele, die Eine lernt leichter und der Andere muss sich viel mehr Mühe geben. Der Eine kann dies besser und die Nächste etwas anderes.

Aber es hat seinen Reiz, Vergleiche anzustellen und Punkte zu verteilen. So verabreden wir, Nettigkeitspunkte zu vergeben. Wer etwas für die Gemeinschaft tut, den Tisch deckt oder den Müll rausbringt, wer hilft ohne zu maulen, wer besonders freundlich ist oder einfach mal zurücksteckt, bekommt einen Punkt.

Am Abend, vor dem Schlafengehen tauschen wir beide uns aus. Wir kommen beide auf vier Punkte. „Ich liebe dich aber auch, wenn du nur ein oder zwei Punkte schaffst“, sage ich: „Und“ – ich kann es mir nicht verkneifen – „Gott liebt alle Menschen. Auch bei null Nettigkeitspunkten.“

„Das ist gut,“ sagt Lele. „Nacht, Oma.“


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Dieser Beitrag wurde am 12.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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