Wort zum Tage, 11.05.2020

von Sabine Lethen, Essen

Was ist wichtig?

Erich Kästner eröffnet seinen Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ damit, dass er sich selbst beim Schreiben beschreibt. Er sitzt mitten im heißen Sommer am Fuße der Zugspitze und immer, wenn der Schreibfluss stockt und es ihm einfach nicht gelingen will, sich in die winterliche Atmosphäre seiner Geschichte hinein zu fühlen, dann schaut er hoch auf die Schneefelder – und schon läuft’s wieder.

Als Seelsorgerin erlebe ich das ähnlich. Immer wieder bereite ich Gottesdienste, Feiern oder Gruppentreffen mit einem Vorlauf von einigen Wochen oder Monaten vor und bin herausgefordert, mich vorab in das Thema hineinzuversetzen, in das Fest oder die erwartete Stimmung. Für vieles habe ich inzwischen meine persönlichen „Zugspitzen-Ausblicke“ entwickelt.

Aber dieser Rundfunkbeitrag hier … schon im April bringe ich zu Papier, was Mitte Mai über den Sender geht. Und es fällt mir unglaublich schwer, diesen Mai „voraus zu fühlen“, denn durch die Corona-Pandemie ist alles anders. Derzeit können wir schwer abschätzen, wie es in ein paar Wochen sein wird … Die Welt wird gerade eine andere.

Auch wenn Obstbäume blühen und Maiglöckchen mit Waldmeister und Flieder um die Wette duften werden – ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie sich dieser Mai anfühlen wird. Ob ich noch immer zuversichtlich bin? Mir meine Ruhe bewahrt habe? Wird mein Geduldsfaden noch halten? Was wird aus meinem Gottvertrauen geworden sein – ist es gewachsen oder kommt es ins Wanken?

Ich habe schon einige Male erlebt, dass mir das Schicksal einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht und meine Welt unangemeldet aus den Angeln gehoben hat; dass von einem Tag auf den anderen alles Kopf stand. Aber, das hat bislang immer nur mich und mein direktes Umfeld betroffen.

Derzeit erleben wir eine kollektive Krise. Die Menschheit macht eine neue Erfahrung – betroffen sind irgendwie alle. Ich denke, dass dieses Erleben jede und jeden von uns verändern wird. Werde ich – werden wir Lehren aus dem Erlebten ziehen – und wenn ja, welche?

Ein Unglück geschieht nicht vorherbestimmt, damit irgendjemand irgendetwas daraus lernt. Aber, wenn  ein Unglück geschieht, dann ist es doch wohl viel besser, daraus zu lernen, als alle Kraft allein ins Hinnehmen zu stecken, ins Aushalten und Ertragen.

Was lerne ich, was lernen wir also aus der Pandemie und was werden wir wohl daraus machen? Ich hoffe, ich bitte Gott, dass wir die Krise nutzen um herausfinden, was wirklich „wirklich wichtig“ ist für mich, für uns und für alle.


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Dieser Beitrag wurde am 11.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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