Am Sonntagmorgen, 10.05.2020

von Marion Sendker, Köln

Nahtoderfahrung: Vorschau auf's Ewige Leben oder Fantasiegespinst?

Wie geht es weiter nach dem Tod? Mit Sicherheit lässt sich diese Frage wohl nicht beantworten. Es gibt aber Menschen, die dem Tod sehr nahe waren. Viele berichten von einem noch nie gefühlten Glück oder dass sie durch einen Tunnel auf ein warmes, helles Licht zugegangen sind. Was steckt dahinter?

© Elina Krima / Pexels

„Als ich dann meinen Körper verlassen hab, war plötzlich alles wunder wunderschön. Es war nicht im Ansatz ein negatives Gefühl dabei. Also diese Angst war weg, diese Atemnot war weg, Schmerzen waren weg, diese seltsamen Gerüche von verbrannter Haut und all dieses Negative war plötzlich weg. Ich habe nichts mehr gespürt, ich habe nicht mal mehr diese Muskelspannung gespürt. Ich war wie eine Wolke, das beschreibt es am besten. Total schwerelos, völlig frei, völlig glücklich und das letzte, was ich wollte, war wieder zurück.“

Serkan stirbt. Der Körper des jungen Mannes befindet sich in einem Helikopter, irgendwo in der Luft zwischen Freiburg und Stuttgart auf dem Weg in ein Krankenhaus. Ein Unfall auf der Autobahn, wie er in Deutschland täglich passiert. Neben ein paar kleineren Verletzungen hat sich Serkan vier Rippen gebrochen. Eine davon steckt in der Nähe seines Herzens, durchbohrt die Aorta, die größte Schlagader des Körpers. Während die Ärzte im Helikopter um Serkans Leben kämpfen, ist der längst woanders.

„Ich bin einen Weg entlanggegangen, von dem ich wusste, dass es richtig war. Also ich wusste, dass ich sterbe. Aber es war richtig. Es war nicht so, dass ich mich dagegen gewehrt habe, im Gegenteil: Es war sogar so, dass ich mich dagegen wehren wollte, wieder zurückzugehen. Weil ich kam von diesem schlimmsten Gefühl, dass ich jemals erlebt habe zu diesem schönsten Gefühl, dass ich je erlebt habe und wahrscheinlich erleben werde.“

Sterben, ohne tot zu sein

Serkan hat etwas erfahren, das zahlreiche Menschen in Deutschland auch schon gefühlt haben: Ein Nahtoderlebnis. Auch wenn die Ärzte ihn später „wiederbelebt“ haben, ist die Terminologie irreführend. Denn Serkan war nie wirklich tot – genau wie alle anderen Menschen, die eine Nahtod-Erfahrung gemacht haben. Der Theologe und Hirnforscher Christian Hoppe von der Klinik für Epileptologie in Bonn erklärt warum:

„Der Tod ist medizinisch definiert als der irreversible Verlust aller Hirnfunktionen. Das bedeutet, dass jemand, der vor Ihnen steht und Ihnen von irgendeiner Todeserfahrung berichtet, nicht tot gewesen sein kann, da er ja seine Hirnfunktionen offensichtlich jetzt besitzt und damit niemals unwiderruflich verloren hatte.“

Das formulierte schon der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 220 Jahren. In seinem Werk „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ schrieb er:

„Das Sterben kann kein Mensch an sich selbst erfahren, denn eine Erfahrung zu machen, dazu gehört Leben.“

Die moderne Hirnforschung sieht das wie der Philosoph. Ihre Leitidee ist, dass das Gehirn in irgendeiner Weise aktiv sein muss, um etwas zu erleben – sogar das Sterben. Für Serkan bedeutet das: Als er den warmen hellen Weg entlangging, war er wohl noch bei Bewusstsein.

„Die grundlegende Auffassung der modernen Hirnforschung wäre zunächst einmal, dass es keine psychischen Phänomene unabhängig von Hirnfunktionen geben kann. Alles, was der Mensch erlebt, setzt eine Gehirnaktivität voraus. Das ist die Leitidee.“

Alles Halluzinationen?

Sterbeerfahrungen passieren demnach in einer ganz kurzen Zeit. Wissenschaftler rechnen mit 20 Sekunden bis eineinhalb Minuten. Der Nahtod tritt an der Schwelle zur Bewusstlosigkeit ein. Das Bewusstsein verändert sich bereits und es kommt zu außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen.

Doch wie kommt es dann, dass manche Menschen berichten, wie sie während ihrer Nahtoderfahrung quasi aus dem Körper gefahren sind und sahen, wie die Ärzte an ihnen operierten oder was ihre Familien gerade machten? Der Psychiater und Leiter der deutschen Sektion der "Internationalen Vereinigung für Nahtod-Studien“, Michael Schröter-Kunhardt, erklärt die außerkörperlichen Erlebnisse mit der Quantenphysik:

„Es gibt sozusagen Zustände, bei denen möglicherweise der Beginn des Lebens nach dem Tod mit dem außerkörperlichen Erlebnis anfängt und eigentlich könnte man es auch so erklären, dass damit belegt ist, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat, die im Sterben den Körper verlässt und dann Zeit und Raum auch überschreitet.“

Neurowissenschaftler machen dafür eher Funktionsstörungen im Gehirn verantwortlich: Aufgrund einer Desintegration vor allem im Bereich des rechten Scheitellappens würden Körpersignale dann nicht mehr richtig verbunden mit anderen Signalen, die etwa das Sehen und den Gleichgewichtssinn steuern. Es fühlt sich dann so an, als gäbe es keinen Körper mehr. Die Folge: eine Art isoliertes Sehen und das Gefühl, zu schweben.

Der Hirnforscher und Diplomtheologe Hoppe glaubt darum nicht, dass die Seele durch die Welt wandert, während der Körper im Sterben liegt. Er spricht eher von einer sehr realitätsgeladenen Halluzination, die das Gehirn aus allen verfügbaren Informationen produziert. Das können Geräusche von der Operation sein, die das Gehirn noch wahrnehmen kann, Erinnerungen, Jenseitsvorstellungen oder Weltwissen.

Das heißt für Hoppe aber nicht, dass es außerkörperliche Erlebnisse nicht gibt. Möglich machen es zum Beispiel auch esoterische Experimente oder Drogen:

„Dann gibt es experimentelle Verfahren, mit denen Sie das Körpergefühl aus dem Körper selbst herausziehen können, sodass die Personen in diesem Experiment das Gefühl haben, neben sich zu stehen. Und das ist sehr real. Es gibt also auch auf der Ebene der taktilen Wahrnehmung Täuschungsmöglichkleiten, wo wir uns an einem anderen Ort fühlen, als wo wir gerade tatsächlich sind.“ 

Auch das sei in der Regel ein subjektives Erleben, das in der Psychiatrie und in den Neurowissenschaften als Halluzinationen beschrieben wird. Hirnforscher Hoppe aber:

„Ich möchte damit keine Wertung verbinden, dass es also Ausdruck von etwas Idiotischem ist, ich will zu der Inhaltlichkeit eigentlich gar nicht viel sagen, weil es meiner Meinung nach nicht der wesentliche Gegenstand neurowissenschaftlicher Betrachtung dieser Phänomene ist.“

Wie das Gehirn auf den Tod vorbereitet

Was Menschen bei einer Nahtoderfahrung erleben, wird laut der modernen Hirnforschung vom Gehirn selbst produziert. Das belegt auch eine aktuelle Studie, in der Wissenschaftler herausgefunden haben: Im Sterben kommt es nicht zu einem allmählichen Versiegen der Hirnfunktionen, sondern bestimmte Teile im hinteren Bereich fahren hoch. Beim Sterben wird also eine Art Programm im Gehirn aktiviert. Für den Psychiater Schröter-Kunhardt könnte darin ein Hinweis auf das ewige Leben liegen:

„Wenn das ein Programm ist, also eine Software des Gehirns, dann muss das ja einen Sinn haben. Das heißt, dieser Programmierer hat sich überlegt, dass wir damit unsere Angst vor dem Tod verlieren und sagen: Es ist nicht das Ende. Und die Zunahme von außersinnlicher Wahrnehmung im Sterben belegt, dass es wahrscheinlich ein Leben nach dem Tod gibt, bei dem das Bewusstsein nicht mehr an das Gehirn gebunden ist.“

Der Jesuit und Philosophieprofessor Godehard Brüntrup war dem Tod selbst einmal sehr nahe. Auch er glaubt an ein Leben nach dem Tod und dass eine Nahtoderfahrung lehren kann, dass der Tod nicht das letzte Wort habe. Aber der katholische Priester betont auch: Das alles sei noch lange kein Beweis für die Existenz von Himmel und Hölle:

„Die Nahtoderfahrung lehrt uns, dass der Tod nicht einfach ein langsames Ausgeistern unseres Bewusstseins ist, dass langsam das Licht ausgeht, sondern wir trotzdem ein intensives, geistiges Erlebnis haben, das alle unsere normalen, wachen Bewusstseinsvollzüge übersteigt. Und das ist rätselhaft. Wir können es mit den bekannten neurophysiologischen Modellen nicht befriedigend erklären und daher ist es zumindest ein Indiz dafür, dass bestimmte reduktionistische, materialistische Weltsichten vielleicht in der Weise nicht stimmen.

Ein Indiz für die Existenz des Himmels würde ich die Nahtoderfahrung nicht nennen, weil das vielleicht eine Vereinnahmung wäre oder eine vorschnelle Interpretation.“

„Nahtoderfahrene sind Mystiker des Alltags“

Ob und wie es nach dem Tod weitergeht: Fegefeuer und dann ewiges Leben in Himmel, Hölle oder ein Erlöschen im Nirwana: Über all das könnten auch Nahtoderfahrene nichts sagen, weil sie ja nie tot waren. Es werde der Erfahrung an sich auch nicht gerecht, sie vorschnell mit religiösen Inhalten aufzuladen.

„Viele Nahtoderfahrene beschreiben die Nahtoderfahrung ähnlich wie die Mystiker eine mythische Erfahrung beschreiben. Und so gehen viele aus der Nahtoderfahrung mit der unerschütterlichen Gewissheit heraus, dass es eine letzte Kraft der Liebe und der Geborgenheit gibt, die über den Tod hinaus geht und alles irdische Dasein in ihren Händen hält. Von daher ist die Nahtoderfahrung oft implizit eine Gotteserfahrung, aber sie ist kein Beweis. Aber eine Erfahrung, die subjektiv überzeugt.“ 

Und eine Erfahrung, die das Leben nachhaltig prägt – unabhängig von Religion. Das war auch bei Serkan so. Er war weder vor noch nach seinem Unfall ein besonders religiöser Mensch. Trotzdem hat die Nahtoderfahrung seine Weltanschauung verändert.

„Ich war schon immer ein sehr wissenschaftlicher Typ. Wenn Du mir was nicht bewiesen hast, dann hab ich es Dir nicht geglaubt und davon bin ich ein bisschen weggekommen. Weil auch Nahtoderfahrung waren für mich immer so eine Sache wie: ‚Das haben die Leute sich eingebildet‘ oder: ‚Das ist mit Sicherheit medizinisch irgendwie erklärbar.‘ Aber Nein. Es war einfach so real und ich hab das alles so bewusst wahrgenommen, dass ich heute eben weiß, dass man nicht alles wissenschaftlich erklären kann.“

Die Nahtoderfahrung ist ein Urerbe der Menschheit, wovon in allen Kulturen berichtet wird. Trotzdem gelten die Erlebnisse als Tabu. Allein in Deutschland haben Schätzungen zufolge Hunderttausende diese Erfahrung gemacht. Wie viele es genau sind, ist schwer zu sagen, meint der Hirnforscher Hoppe. Denn es werde nur wenig darüber gesprochen: 

„Im Zusammenhang mit Veranstaltungen in der Öffentlichkeit haben wir Leute gebeten, uns Nahtoderlebnisse zu schicken und da gab es einzelne Berichte, wie jemand sagte: ‚Ich habe seit 14 Jahren an jedem Tag an dieses Erlebnis gedacht, aber habe darüber noch nicht mit meiner eigenen Frau gesprochen.‘“

Wie der Nahtod das Leben verändern kann

Dabei ist es wichtig, Menschen mit dieser Erfahrung Raum zu geben. Sie seien Mystiker des Alltags, sagt der Jesuit Brüntrup, und sie hätten eine wichtige Botschaft für die ganze Gesellschaft. Welche das ist, erklärt er anhand seiner eigenen Nahtoderfahrung:

„Das eigene Ich ist weniger wichtig. Liebe und Weisheit sind die wichtigsten Ziele, um die es im Leben geht. Man wird weniger machtbesessen, weniger aggressiv, mehr emphatisch, man hat ein größeres intuitives Erfassen von Situationen und befreit sich aus der Schale des eigenen Ichs zu einem mehr transpersonalem, interpersonalem Erleben.“

Auch Serkan hat die Erfahrung verändert. Er findet, er ist gelassener geworden. Außerdem hat er ein paar Jahre nach dem Unfall eine Hilfsorganisation gegründet: Stuttgart helps, also Stuttgart hilft oder kurz: Stelp. Aus einer am Anfang kleinen Idee ist mittlerweile eine Hilfsorganisation geworden, die auf drei Kontinenten aktiv ist. Ob Stelp etwas mit Serkans Nahtoderfahrung zu tun hat?

„Das wäre natürlich eine sehr runde Geschichte. Aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich das nicht weiß. Vielleicht im Unterbewusstsein, dass ich eben gemerkt habe, dass es wichtigere Dinge gibt, als sich über Kleinigkeiten zu ärgern.“

Den Toten ihr Glück gönnen

Sicher ist Serkan sich aber, dass die Nahtoderfahrung ihm eines genommen hat: Die Angst vor dem Tod. Wenn er heute erfahren würde, dass er noch eine Woche zu leben habe, dann wäre das nicht schlimm. Serkan würde sich sogar freuen, dass er noch Zeit habe, sich zu verabschieden. Und dann würde er eben sterben. Ohne Angst. Auch sein Verhältnis zum Tod von anderen hat sich verändert.

„Wenn in meinem Bekanntenkreis oder meinem Familienkreis in den letzten zehn Jahren jemand gestorben ist, war es natürlich dennoch schlimm. Aber es war nicht mehr das Gefühl: ‚Der Arme, der tut mir so Leid.‘ Es war eher ein egoistisches Gefühl, also: ‚Ich werde ihn jetzt vermissen, ich werde mit ihm nicht mehr ins Stadion gehen können, ich werde mit ihm nicht mehr das Feierabendbier trinken können.‘“

Diese Erkenntnis hat Serkan und Freunden, denen er davon erzählt hat, geholfen, anders mit ihrer Trauer umzugehen – und den Verstorbenen ihr Glück zu gönnen. Denn egal ob man religiös ist oder nicht, möglicherweise ist der Tod keine dunkle Angelegenheit und besser als sein Ruf.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

W.A. Mozart – Requiem. I. Introitus

Death is a Disease – Clint Mansell

Death is the Road to Awe – Clint Mansell

Insan Insan – Fazil Say

Death is the Road to Awe – Clint Mansell

Kumru. Op.12/2 – Fazil Say


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Dieser Beitrag wurde am 10.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Marion Sendker

Marion Sendker ist Diplom-Juristin und Journalistin. Sie ist in Westkirchen, in Westfalen, aufgewachsen und lebt heute in Köln und in Istanbul. Dort arbeitet sie als Autorin, Redakteurin und Korrespondentin beim WDR, SWR, Deutschlandfunk, für DOMRADIO.DE, Welt-Fernsehen und schreibt unter anderem für „Legal Tribune Online“ und „Lebenlang“. Außerdem bereitet sie sich auf eine juristische Promotion zur Vereinbarkeit von internationalem Recht mit der türkischen Verfassung vor. Kontakt:
www.twitter.com/Lamaridda

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