Morgenandacht, 08.05.2020

von Martin Korden, Köln

Nie mehr Krieg!

Heute vor 75 Jahren endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Über 60 Mio. Menschen weltweit kamen dabei ums Leben.

Ich bin Jahrgang 1980. Wenn ich heute die Geschichte dieses Krieges nachlese, die Chronik der Ereignisse, dann kommt es mir zunächst jedesmal so vor, als könne das doch gar nicht wirklich passiert sein. Wie die Deutschen begannen 1939 ihre Nachbarländer mit präzise geplanter Brutalität und dem Willen der Eroberung zu überrennen. Innerhalb noch nicht mal eines Jahres waren Polen, Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Frankreich geschlagen – die überfallenen Länder schienen wie gelähmt angesichts des Ausmaßes der Gewalt, dem sie nichts entgegen zu setzen hatten.

So unfassbar mir das heute oft erscheint, so stelle ich mir vor, müssen die Betroffenen damals scheinbar ungläubig vor dieser Explosion des Terrors gestanden haben: Passiert das hier gerade wirklich?

Aus dem Krieg in Europa wurde der Krieg in der Welt. Aus dem Entsetzen und dem Erleben schrecklichster Ereignisse wurde schließlich die absolut entfesselte Gewalt von allen Seiten mit einer nicht fassbaren Anzahl an Todesopfern. Ich denke an den D-Day, die Landung der Alliierten in der Normandie oder die Atombombenabwürfe in Japan, die jeweils innerhalb nur weniger Augenblicke tausende von Toten forderten.

Die Zahl alleine erfasst das Unheil nicht. Als Zahl geht der Eine unter in der unvorstellbaren Masse – doch hinter jeder Zahl steht eine Geschichte, eine Sehnsucht, ein Leben, das leben wollte. Und hinter diesem Leben, wiederum Menschen, die liebten, ihm nahestanden und deren ganzes Leben fortan unter dem erdrückenden Schatten des Verlustes stand. Billy Joel hat das Schicksal auch der Angehörigen so ergreifend in seinem Lied „Leningrad“ verarbeitet, wenn er über das Kind, das 1944 geboren wird, singt: Ein weiteres Kind des Krieges, das seinen Vater niemals sah.

Wir begehen heute, ja wir feiern heute 75 Jahre Kriegsende. Der 8. Mai 1945 war ein Tag wie eine Erlösung für so viele, auch wenn alles am Boden lag und keiner so recht wusste, wie es weitergehen sollte. Von überall hörte man nur eins das zählte:

Nie wieder! Nie wieder Krieg!

Auch heute wird dieser Satz wieder oft genannt werden, er gehört sozusagen zum Protokoll der Gedenkveranstaltungen dazu.

„Doch wer wirklich Frieden will und dem Krieg entsagt, der muss eines haben: ‚Ehrfurcht vor dem Leben.‘“

Diese Formulierung stammt von dem deutsch-französischen Arzt und Theologen Albert Schweitzer, der damit nach dem Krieg Aufsehen erregte. Das Fordern einer „Ehrfurcht vor dem Leben“ klingt zunächst einfach und unspektakulär. Doch Schweitzer zielte damit auf eine Haltung, die jedes Denken und Handeln bestimmen sollte.

Ehrfurcht bedeutete für ihn: Das Leben an sich als heilig anzusehen. Und damit nicht nur das Eigene. Schweitzer fand alles Denken armselig und gedankenlos, wenn dabei nur der Blick auf das eigene Leben eine Rolle spiele. Er forderte, das zu tun, was der Mensch eigentlich könne: nämlich mit dem anderen Menschen mitleiden zu können, mitfühlen zu können, sich in ihn hineinzuversetzen – ja, Anteil zu nehmen daran und damit dem Leben an sich in all seinen Facetten in Ehrfurcht zu begegnen.

Der Mensch ist in der Lage, Leben zu erhalten und zu fördern. Was für eine Gabe!

Der Mensch ist aber ebenso in der Lage Leben zu hemmen und zu zerstören.
Den so schlichten wie tiefen Grundsatz der Ehrfurcht vor dem Leben fasste Albert Schweitzer in einer Erkenntnis zusammen:

„Ich bin Leben, das leben will – inmitten von Leben, das leben will.“

Wer bei diesem Satz Ehrfurcht empfindet, der kann gar nicht anders als zu sagen:
Nie wieder Krieg!  


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Dieser Beitrag wurde am 08.05.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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