Am Sonntagmorgen, 26.04.2020

von Gunnar Lammert Türk, Berlin

„Als das Herz Europas brannte…“ Ein Jahr nach dem Brand der Notre Dame in Paris

Rund 16 Stunden lang brannte Notre-Dame vor einem Jahr. Damit stand nicht nur eine Kathedrale in Flammen, sondern ein Stück von Frankreichs historischem Selbstverständnis.

© Adrienn / Pexels

„Es ist, als würde unser Familienhaus brennen! Dieser anonyme Seufzer verdeutlicht die Fassungslosigkeit. Aber, wie soll man das ‚unser‘ hören, in einer Verzweiflung, die als kollektives Drama erlebt wird? Von welchem ‚Haus‘, von welcher ‚Familie‘ reden wir?"                 

(Dominique Iogna-Prat: Notre maison brûle, in Études Juni 2019)

Diese Worte stammen von dem französischen Historiker Dominique Iogna-Prat. Er schrieb sie angesichts des Brandes, der die Kathedrale Notre-Dame de Paris gefährlich in Mitleidenschaft gezogen hat. Vom Herz von Paris und Frankreich war die Rede. Ja, vom Herzen Europas.

Notre-Dame: Ein Ort für alles

Notre-Dame ist Frankreich und ist Paris. Wie der Louvre, der Eiffelturm oder Versailles. Ein allseits bekanntes Sinnbild der faszinierenden Stadt, in dessen ältestem Siedlungskern prominent gelegen. Aber die Kathedrale ist weit mehr.

Ein Jahrhundertgedächtnis Frankreichs und Europas ist die Kathedrale Notre-Dame de Paris. Ein Ort, an dem Politik und Religion, Geschichte und Gegenwart, das Geschick und die Gefühle des Volkes und die Inszenierung der jeweiligen Herrscher und Regenten miteinander verflochten waren und sind. Bis heute. Der französische Historiker Etienne Francois gibt ein Beispiel:

„Ich habe noch ziemlich präzise in Erinnerung die Trauerfeiern für de Gaulle und für Mitterand, die im Übrigen beide nicht da waren. Das waren wieder einmal total symbolische Trauerfeiern. Denn der Leib des Verstorbenen war nicht da, aber da es sich um die Kathedrale der Hauptstadt handelt, war er im übertragenen Sinne da. Und ich würde fast sagen, insofern war und ist immer noch heute Notre-Dame eine Kathedrale der symbolischen Repräsentation.“

Erste Anlaufstelle seit Jahrhunderten 

De Gaulle, für den am 12. November 1970 ein Requiem im Beisein ausländischer Staatschefs in Notre-Dame gehalten wurde, er hatte der Kathedrale schon einige Jahre zuvor in der Öffentlichkeit besondere Referenz erwiesen. Als er im August 1944 in Paris einmarschierte und die Champs-Élysées herunterzog, ging er nicht zum Élysée-Palast, dem Regierungssitz, sondern nach Notre-Dame, um an einer Messe zum Dank für die Befreiung teilzunehmen. Es ist möglich, dass ihm dabei ein Jahrhunderte zurückliegender Prozessionszug vor Augen stand.

1239 hatte König Ludwig der Heilige die Dornenkrone Christi, die bedeutendste Reliquie der Christenheit, erworben. In einer Prozession ließ er sie nach Paris bringen. Der Kunsthistoriker Thomas Gaehtgens nennt Details:

„Er ist dem Zug entgegen gereist und dann über die Stadt Sens, wo sie zum ersten Mal richtig ausgestellt wurde, ist sie dann von ihm nach Paris begleitet worden. Er hat sie auch getragen, barfüßig und nur in einem Büßerhemd, und dort, in Paris angekommen, hat er sie erst nach Notre-Dame gebracht.

König Ludwig gab so dem Volk von Paris Gelegenheit, dem heiligen Gegenstand Andacht zu widmen, bevor er ihn in seinem Schloss aufbewahrte. Im Bußgewand, die Dornenkrone auf dem Kopf, hatte der mildtätige und asketisch lebende König seiner persönlichen Frömmigkeit entsprochen und zugleich deutlich gemacht, wie intensiv er sich als Christ und als Beschützer der Christenheit verstand. Und hatte dafür die Bischofskirche von Paris, Notre-Dame, gewählt.

Notre Dame wird zum „Tempel der Vernunft“

Die Verbindung der französischen Könige mit Notre-Dame bestand weit über das Mittelalter hinaus. Im 17. Jahrhundert wurde sogar der Fortbestand der Königsfamilie, die Stabilität der dynastischen Folge der Bourbonen, mit Notre-Dame in Verbindung gebracht.

„Ludwig XIII. hatte ja ein großes Problem, dass die Anne dAutriche nicht sofort einen Nachfolger gebar und er musste viele, viele Jahre darauf warten. Vermutlich ist es so gewesen, dass dann doch ein Kind sich ankündigte und in dem Moment erst hat er den sogenannten „Vœu“, das heißt, ein Gelübde getan, indem er Frankreich, das Land Frankreich, die Nation Frankreich dem Segen der Madonna unterstellte.“ 

Ludwig XIII., der den spät erlebten Kindersegen und das Wohlergehen Frankreichs dem Beistand der Gottesmutter zuschrieb, hatte dies durch ein frommes Mahnmal verdeutlichen wollen. Es entstand unter seinem Sohn Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, als marmorne Figurengruppe. Links des Hochaltars von Notre-Dame kniet er, sein Vater rechts. Zum Zeichen, dass er das Geschick Frankreichs unserer Lieben Frau, Notre Dame, anvertraut, streckt er ihr, die mit ihrem Kind über dem Altar zu sehen ist, Zepter und Krone entgegen.

Die Verbindung zu Frankreichs Königen verhalf Notre-Dame mit zu seiner Bedeutung, traf die Kirche aber auch schmerzlich während der Französischen Revolution. Aus Hass auf die Königsherrschaft stürzten die Revolutionäre die 28 Königsfiguren von der Galerie über den Portalen der Eingangsfront. Aus Hass auf den Klerus verwüsteten sie den Innenraum. Dann machten sie aus der Kathedrale einen temple de raison, einen Tempel der Vernunft für einen pseudoreligiösen Ritus: eine Mischung aus einem Volksfest und einer theatralisch inszenierten Liturgie, bei der die Göttin der Vernunft von einer schönen Frau in blauem Mantel und roter phrygischer Mütze dargestellt wurde.

Napoleon macht Notre Dame zur Nationalkirche

Die Umnutzung von Notre-Dame als Tempel der Vernunft hielt nicht lange an. Zu tief waren das Christentum und der katholische Glaube im Volk verwurzelt. 1795 wurde Notre-Dame wieder ein Ort katholischer Zeremonien. Nur ein paar Jahre später fand ein spektakuläres Ereignis in der Kathedrale statt: eine Mischung aus sakralem und politisch-zeremoniellem Akt.

Napoleon Bonaparte krönte sich vor dem Hochaltar am 2. Dezember 1804 selbst zum Kaiser der Franzosen – im Beisein von Papst Pius VII., der ihn salbte. Danach empfing Napoleon in der Notre Dame die Huldigung des Adels und des Militärs.

„Am Eingang der Kirche von Notre-Dame war eine große Treppe aufgebaut und ein Thron. Er stieg diese Treppe hoch und stand erst vor dem Thron, allgemeine Akklamation, setzte sich auf den Thron und dann kamen alle, um ihm die Ehrerbietung zukommen zu lassen. Diese Akklamation des Kaisers ist ein profaner zeremonieller Akt, kein kirchlicher Akt. Seit der Französischen Revolution und ganz sicher seit Napoleon hat die Kirche diese Doppelfunktion immer behalten bis heute.“

Nicht mehr die Kathedrale von Reims, die Krönungskirche der französischen Könige, war nun der Ort, an dem sich die Weihe des sakralen Raums mit den zeremoniellen Akten der Regenten verband. Davon gab es auch zuvor schon Ansätze in Notre-Dame. Aber erst mit Napoleons Selbstkrönung wurde Notre-Dame die Nationalkirche Frankreichs.

„Das Kolossalwerk eines Mannes und eines Volkes“

Die Glocken von Notre-Dame. Seit Napoleon läuten sie für ganz Frankreich, unter anderem bei den Requien für die verstorbenen Staatspräsidenten. Viele von ihnen waren der Revolution zum Opfer gefallen. Auch die große „Marie“ im Südturm der Eingangsfront, die Lieblingsglocke Quasimodos, des Glöckners in Victor Hugos „Notre-Dame de Paris“. Erschienen im Jahr 1831. Ein Roman, dessen Hauptperson die Kathedrale selbst ist, die Hugo filigran beschreibt und enthusiastisch preist. Er sieht in ihr:

„Lauter Glieder eines prächtigen, harmonischen Ganzen, aufgebaut in fünf mächtigen Lagen, mannigfaltig und dennoch übersichtlich, reich ziseliert, mit Statuen durchsetzt und mit Bildwerk durchwoben, und dies alles fest in die ruhige Größe des Ganzen eingefügt. Eine machtvolle Symphonie aus Stein, das Kolossalwerk eines Mannes und eines Volkes; das wundervolle Ergebnis der vereinten Kräfte eines Zeitalters.“

(Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“)

Hugo schmerzten die Schäden, die der Kathedrale zugefügt worden waren. Er beklagte ihre Vernachlässigung. Als er seinen Roman schrieb, schien sie nur noch wenig beachtet worden zu sein. Ihr Zustand war erbärmlich. Paris befand sich in einer Art Gründertaumel. Unternehmergeist und Erneuerung waren angesagt. Viel wurde abgerissen.

In dieser Situation mahnte Hugo: Vergesst eure Geschichte nicht! Die Verbindung zwischen dem Volk, der französischen Nation und den Zeugnissen ihrer langen und reichen Vergangenheit wollte er wiederbeleben.

Hugos Roman rückte Notre-Dame wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht nur der Pariser und Franzosen. Im Grunde der Welt. Und somit rettete er sie. Wie er sich in die gotischen Baumeister hineinversetzt hatte, tat dies auch der Architekt Viollet-le-duc, der Notre-Dame ab 1844 restaurierte.

Er schuf nicht nur die 28 Königsfiguren und andere Skulpturen der Eingangsfassade neu. Er errichtete auch den schlanken Glockenturm über der Vierung, der nun dem Brand zum Opfer fiel. Dass Notre-Dame derzeit nicht aufgesucht werden kann, schmerzt viele. Denn ihrer Aura kann sich kaum jemand anziehen. Victor Hugo hat sie gut eingefangen. Etwa, als er ihre Wirkung kurz nach Sonnenuntergang beschrieb:

Die Kathedrale war schon lichtlos und verlassen. Schatten füllten die Seitenschiffe, und in den Kapellen glänzten, Sternen gleich, die Ampeln, so finster waren die Gewölbe über ihnen. Einzig die große Rosette der Stirnseite, in deren tausend Farbsplittern das flach einfallende Sonnenlicht spielte, glühte noch im Dämmer wie ein Haufen durcheinander geworfener Edelsteine und warf seinen Widerschein bis ans hintere Ende des Schiffes.“

(Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“)

Noch heute Zufluchtsort der Franzosen

Notre-Dame bleibt ein Staunen erregendes architektonisches Wunder. Zugleich ein steinernes Jahrhundertgedächtnis. Ein Hinweis auf die einstige religiöse und kulturelle Bindekraft Europas. Und natürlich auf den christlichen Glauben. Und eine Aufforderung, ihn nicht zu vergessen. Die Flammen, die der Kirche zugesetzt haben, verdeutlichen wohl auch die Fragilität all dessen.

Notre-Dame ist zudem ein Ort der Zuflucht für die Pariser und die Franzosen. An dem sie Wünschen und Hoffnungen Ausdruck geben. An dem sie bei erschütternden Ereignissen Trost suchen. So 2015 nach den schweren Terrorattacken in Paris, als sie zum Gedenken an die Opfer zum Gottesdienst in die Kathedrale kamen und Kerzen entzündeten.

Wie sie sich in dieser Bedrängnis hier zusammenfanden, standen sie vereint in ihrer Nähe, als das Feuer sie bedrohte. Schweigend und weinend die einen, singend und betend die anderen. Gläubige und Agnostiker, auch religiöse Skeptiker und Sucher. Sie alle fühlen sich von Notre Dame, der Kirche unserer Lieben Frau im Zentrum von Paris, angezogen. Wie der Dichter Rainer Maria Rilke, der am 26. September 1902 an seine Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff, aus Paris schrieb:

„Diese Kathedralen wirken immer noch, seltsam lebendig, unverraten, geheimnisvoll, wirken mehr, als Worte erzählen können. Sie sind die Einsamkeit und die Stille, die Zuflucht und Ruhe im Wechsel und Wirrwarr dieser Gassen. Sie sind die Zukunft, wie sie die Vergangenheit sind; alles andere läuft, rennt und fällt, sie ragen und warten. Notre-Dame wächst mit jedem Tage, je öfter man hin zurückkommt, je größer findet man es.“

(Brief von Rainer Maria Rilke an vom 26. 9. 1902 aus Paris)

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

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Musik:

Arvo Pärt: Tabula Rasa II. Silentium

Edith Piaf: Notre-Dame de Paris

Franz Schubert: Symphonie Nr.5; II. Andante con moto

Ennio Morricone – Il Segreto del Sahara

Ennio Morricone – Thieves After Dark


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Dieser Beitrag wurde am 26.04.2020 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com

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