Morgenandacht, 15. 06. 2020

von Dr. Detlef Ziegler, Münster

Das große Klatschen

Wer ist eigentlich schlimmer: der, der Menschen mit Gewalt unterwirft, oder die, die sich freiwillig unterwerfen?

Gerade habe ich eine urkomische und zugleich bedrückende Erzählung von Michael Köhlmeier gelesen. Es beginnt wie bei einem Märchen: „Es war einmal ein Parteitag.“ Doch wird aus dem Märchen sehr schnell ein Albtraum. Es handelt sich um einen sowjetischen Parteitag in der Provinz, und zum Schluss verliest der Vorsitzende eine Grußbotschaft des Genossen Josef Stalin.

Und wie es sich gehört in solch einer totalen Diktatur: Alle stehen auf und klatschen dem abwesenden großen Vorsitzenden Stalin Beifall. Die Frage ist jetzt nur: Wie viel Beifall ist angemessen? Wann ist genug? Und wer entscheidet, dass es jetzt reicht? Alle beäugen sich misstrauisch. Jeder wird zum Spitzel des anderen. Keiner traut sich, als erster sich hinzusetzen, aus Angst, als Abweichler und Verräter angesehen zu werden. Und so steigert sich das Ganze ins Groteske.

Stundenlang wird geklatscht, unter Schmerzen in Händen und Gelenken, bis zur totalen Erschöpfung. Köhlmeier beschließt seine Erzählung mit dem Satz:

„Bis heute weiß niemand, wann das große Klatschen aufgehört hat und wie es beendet worden ist – oder ob es überhaupt je beendet wurde.“

Was hier erzählerisch ins Groteske gesteigert wird, hat die Philosophin Hannah Arendt die „Komplizenschaft der Unterworfenen“ genannt. Totale politische Diktaturen können sich auf diese Komplizenschaft verlassen. Man bespitzelt und denunziert sich gegenseitig, aus Angst und gegenseitigem Misstrauen. Wo alle sich wegducken und das eigene Denken einstellen, beginnt das große Klatschen.

Über der europäischen Aufklärung steht der Satz des Königsberger Philosophen Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Wenn es um Unmündigkeit und Unterwerfung geht, muss ich mich also zunächst an die eigene Nase fassen. Daraus folgt dann für die Aufklärungsphilosophen der grundsätzliche Imperativ:

„Sapere aude! Hab‘ Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

„Chapeau“ möchte man ausrufen: So könnte es gehen. Und doch wieder nicht. Das große Klatschen hat noch lange nicht aufgehört, es hat längst wieder dröhnend begonnen, auf unseren Straßen, in virtuellen Räumen, im Netz. Parolen und Verschwörungstheorien begegnen mir allerorten, keine Agitation, kein Fake ist zu dumm, als dass sie nicht doch noch den Beifall vieler finden. Erschreckend, dass das sogar in den Kirchen anzutreffen ist.

Manche Kardinäle und sonstige Würdenträger schrecken da mittlerweile vor keiner unwürdigen agitatorischen Dummheit zurück, um ihr vergiftetes kirchenpolitisches Süppchen zu kochen. Und viel zu viele stehen an dieser Suppenküche der Verblendung Schlange und klatschen Beifall….

Sapere aude!  Denk nach, mit deinem eigenen Kopf! Wer gedankenlos mitläuft und Beifall klatscht, hat das Geschenk der Freiheit längst verspielt. Dann geht das große Klatschen immer so weiter. Wir sind gut beraten, nicht Rattenfängern und Populisten resigniert das Feld zu überlassen, sondern uns an die zu erinnern, die in dunkler Zeit nicht geschwiegen, nicht Beifall geklatscht haben.

Ich denke etwa an Bonhoeffer, der vor 75 Jahren von den Nazis hingerichtet wurde, ein Märtyrer der Freiheit und des Widerstands. Einer, der sich nicht hat verbiegen lassen, der sich das freie und unbequeme Wort nicht nehmen ließ, der sich selbst treu blieb, weil er der Treue Gottes vertraute.

Oder ich denke an Petrus und die anderen Apostel, die wegen ihrer freimütigen Rede in der Öffentlichkeit verhaftet und eingekerkert wurden. Mir imponiert das Wort des Petrus, das er beim Verhör vor dem Hohen Rat in Jerusalem gesagt hat:

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

(Apg 5,29)

Nur Gott allein schulde ich als Mensch Gehorsam. Mir selbst schulde ich eine gehörige Portion Selbstkritik. Und meinen Zeitgenossen in Kirche und Gesellschaft eine kritische Aufmerksamkeit, damit das große Klatschen endlich mal aufhört.


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Dieser Beitrag wurde am 15.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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