Morgenandacht, 07.05.2020

von Sören Callsen, Seevetal

Harmonie

Es gibt einen Begriff in unserer Sprache, der auf mich immer irgendwie verdächtig wirkt. Ich horche sofort auf, wenn er fällt: Es geht um das Wort: „Harmonie“. Misstrauisch schaue ich, ob damit jemand aus egoistischen Gründen eine Einigkeit verkünden möchte, bevor sie tatsächlich erzielt wurde.

Harmonie klingt für mich erstmal ein bisschen nach familiärem Weihnachts-Waffenstillstand, nach: „Wir wollen mal wissen, dass alles gut ist“, wie meine Oma zu sagen pflegte. Dabei ist die Sache musikalisch betrachtet eigentlich ganz einfach. Harmonie ist ein Klangbild verschiedener Töne. Und sie entsteht eben nicht, indem alle denselben Ton spielen. Denn Harmonie braucht die Verschiedenheit.

Diese Beschreibung gefällt mir insbesondere für das Miteinander von Leuten. Jeder hat da seinen ganz individuellen Ton und erst, wenn jeder Platz für seine Einzigartigkeit hat, entsteht für mich ein harmonisches Gesamtbild, das Tiefe und Bedeutung haben kann. Denn wenn ich immer darum besorgt sein muss, nicht akzeptiert zu werden, gebe ich mich eben nicht so, wie ich bin, sondern wie ich glaube, dass andere es gut finden. Da kann nur Oberflächliches bei herauskommen.

Harmonie zu schaffen ist natürlich besonders dann herausfordernd, wenn Menschen miteinander festsitzen, wie wir es in den letzten Corona-Wochen erlebt haben. Das wirkt dann wie ein Dampfkochtopf und wenn man es schon vor Corona nur so grade eben geschafft hat, miteinander klarzukommen, wird es jetzt buchstäblich eng. Die zunehmenden Fälle von häuslicher Gewalt zeigen, dass Harmonie sich gerade jetzt allzu oft nicht aufrechterhalten lässt.

Was aber kann ich selbst für ein harmonisches Miteinander tun?
Ich versuche mir dafür zunächst eine geeignete innere Haltung zu schaffen. Dabei hilft mir die Vorstellung, dass jeder Mensch auf dieser Erde aus derselben Quelle kommt. Jede Kultur hat dafür ihren eigenen Namen gefunden, am vertrautesten ist uns wahrscheinlich die Bezeichnung ‚Gott‘.

Diese Gemeinsamkeit kann mir helfen, den anderen zu respektieren. Ich weiß nicht, was mein Gegenüber für Lebensaufgaben hat. Deshalb ist es gut, wenn ich es schaffe, ihn einfach erstmal so lassen, wie er ist, ohne ihn zu beurteilen oder ihm meine eigenen Überzeugungen überstülpen zu wollen. Solange er meine Grenzen respektiert, bemühe ich mich, seine Grenzen zu respektieren. 

Mir vorzustellen, dass wir durch unsere gemeinsame Herkunft aus der Quelle im Geiste Eins sind, ist vielleicht erstmal ungewohnt. Aber es ist auch gefühlsmäßig eine erste Basis. Mit diesem Mit-Gefühl kann ich mich gnädiger zeigen. Ich muss dann nicht über alles jubeln, was meine Mitmenschen von sich geben. Aber vielleicht kann ich mich darin üben, auf vorschnelles Verurteilen zu verzichten. Und das tut mir auch selbst gut.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich insgesamt deutlich gelassener wurde, je weniger ich Leute verurteilte. Die Umstellung ist manchmal allerdings ganz schön schwierig. Wenn wir uns bei der Arbeit oder auch in der Clique daran gewöhnt haben, über andere abzulästern, fällt es erstmal schwer, davon abzulassen. Aber das ist der Preis für echte Harmonie. Die dann auch belastbar ist. Was nützt mir ein liebgewordener Freundeskreis, in dem aber keiner sagt, was eigentlich los ist, wenn es mir wirklich mal schlecht geht? Miese Kollegen und Mobbing haben einen großen Anteil an Burnout-Verläufen. Echte Harmonie bedeutet für mich, auch mal den Mund aufzumachen, wenn ich merke, dass jemand Hilfe braucht.

Denn erst, wenn ich meinen Mitmenschen wirklich vertrauen kann, darf der Spruch meiner Oma wieder aus der Schublade:

„Wir wollen mal wissen, dass alles gut ist.“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 07.05.2020 gesendet.


Über den Autor Sören Callsen

Sören Callsen, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet als Lerntherapeut mit seiner Familie in Seevetal bei Hamburg. Spirituell wirkt er neben dem katholischen Ehrenamt in seiner Gemeinde mit viel Freude in Print und Hörfunk an der Verkündigung des Glaubens mit. Kontakt:
scallsen@web.de Wittenberger Weg 3, 21218 Seevetal

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche