Morgenandacht, 05.05.2020

von Sören Callsen, Seevetal

Die Macht des Wortes

„Dunkel ist die Welt und Licht ist kostbar. Komm näher, lieber Leser, vertraue mir, ich werde dir eine Geschichte erzählen.“

Mit diesen Worten beginnt das moderne Märchen „Despereaux - Von einem, der auszog das Fürchten zu verlernen“ von Kate DiCamillo. Es erzählt das Leben einer Maus, die ihr Leben meistert inmitten einer seltsam fremden Welt. In Kommentaren zu diesem Buch begeistern Eltern sich, wie ihre Kinder Kraft aus der Lektüre gezogen haben und dabei gelernt haben, gut mit Ängsten umzugehen.

Ich meine: Bücher können wirklich helfen, sie können heilen. Es gibt sogar Experten dafür, die Menschen therapieren, indem sie ihnen einfach das Richtige zum Lesen raussuchen. Bibliotherapie nennt sich das. Ich finde das absolut faszinierend. Und kann aus eigener Erfahrung als Leser und Autor sagen, dass Worte tatsächlich eine heilende Wirkung haben können. Wie kann das funktionieren?

Lese ich ein Buch, dass ein Problem von mir berührt, bilden die Gedanken des Dichters zusammen mit meinen eigenen, oft festgefahrenen Überlegungen etwas Neues. Dieses Neue ist größer als mein Altes. Und es enthält manchmal eben auch eine mögliche Lösung für mein Problem. Schon weil die Gedanken des Dichters mich fühlen lassen, dass auch andere Menschen solche Schwierigkeiten durchleben und auch überwinden können. Ich bekomme eine andere Sicht auf meine Lage. Dieses Wissen um mögliche neue Lösungen ändert nun meine Gedanken und Gefühle. Es fördert meine Bereitschaft, mich auf Neues einzulassen. Ich kann mein Gefühl der Ausweglosigkeit loslassen. Und manchmal lösen sich schon dadurch die Symptome auf, die mir vorher so zu schaffen gemacht haben.

Das richtige Buch zur richtigen Zeit kann also tatsächlich einen heilsamen Prozess auslösen. Wie aber finde ich das für mich passende Buch? Es gibt wie gesagt Bibliotherapeuten. Oder Sie versuchen mal, der eigenen Intuition zu vertrauen. Bücherhallen und Buchläden bieten genug Auswahl. Lassen Sie sich treiben, nehmen Sie Bücher in die Hand, lesen und spüren Sie in sich hinein, was die Worte in Ihnen auslösen. Es muss ja auch nicht immer ein 300-Seiten-Roman sein. In den Regalen finden sich Sammlungen schöner Gedichte, die das Gleiche bewirken können.

Und es gibt noch eine weitere wunderbare Möglichkeit, die heilsame Wirkung des Wortes kennenzulernen. Denn diese besondere Macht von Worten erlebe ich, wenn im Gottesdienst aus der Bibel vorgetragen wird. Bei der Ausbildung zum Gottesdienstleiter habe ich gehört: Stell dir bildlich vor, was du liest. Dann entsteht eine Brücke vom Text zum Zuhörer. Und die ist wichtig, denn auch die uralten biblischen Worte haben die Kraft, uns zu helfen und uns zu heilen. Sie verbinden uns mit uralten Fragen der Menschheit. Es wird von Schlüsselszenen berichtet, die zeigen, wie die höhere Macht, die den Menschen geschaffen hat, ihm immer wieder auch zu Hilfe kommt, selbst in scheinbar ausweglosen Situationen. So entsteht ein Gefühl des Begleitet-Seins und Getragen-Seins.

Ich persönliche empfinde diese Erfahrung der biblischen Texte als etwas so Schönes, dass ich es jedem ans Herz legen möchte.

Lassen Sie sich also führen, liebe Hörer, zum nächsten Buch oder vielleicht auch mal wieder zu einer biblischen Lesung in der Kirche. Denn Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht. 


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Dieser Beitrag wurde am 05.05.2020 gesendet.


Über den Autor Sören Callsen

Sören Callsen, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet als Lerntherapeut mit seiner Familie in Seevetal bei Hamburg. Spirituell wirkt er neben dem katholischen Ehrenamt in seiner Gemeinde mit viel Freude in Print und Hörfunk an der Verkündigung des Glaubens mit. Kontakt:
scallsen@web.de Wittenberger Weg 3, 21218 Seevetal

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