Wort zum Tage, 02.05.2020

von Andrea Wilke, Arnstadt

Gott und ich

Gott und ich, manchmal trinken wir einen Kaffee zusammen. Es ist nicht so, dass er mich immer einlädt. Manchmal frage ich ihn: "Hast Du Lust?" Ich habe noch nie erlebt, dass er gesagt hätte: "Ne, keine Zeit." Er hat einfach immer Zeit. Er mag seinen Kaffee mit Sahne. Wenn schon genießen, dann richtig, meint er. Manchmal ist er einfach da. Steht in der Tür und fragt, ob er einen Kaffee haben könnte. Klar, kann er immer. Am liebsten sitzt er in der Küche oder draußen auf der Gartenbank. Da spielt sich das Leben ab, findet er. Finde ich auch. Doch es ist auch schon vorgekommen, dass ich ihn ins Wohnzimmer lotsen wollte. Für den Garten war es zu kalt, und die Küche sah aus wie nach einer Küchenschlacht. Statt in der Spülmaschine stand das schmutzige Geschirr obendrauf. Das ist mir dann peinlich. Ich weiß, dass Gott ein Ästhet ist und die Harmonie liebt. Doch er lässt sich von ein paar schmutzigen Tellern nicht beeindrucken. "Lass mal", sagt Gott ohne irgendeinen vorwurfsvollen Unterton, "du bist mehr als eine aufgeräumte Küche".

Ich weiß, dass er das nicht nur so sagt, sondern ernst meint. Und wie er es sagt, fühle ich mich kein bisschen klein. Trotzdem nehme ich mir insgeheim vor, es das nächste Mal besser zu machen. Ich will ja, dass er sich wohl fühlt.

Es kommt auch vor, dass wir zusammen einfach nur unseren Kaffee trinken. Dann sitzen wir beide, gucken uns an oder auch nur in die Luft. Und ich genieße es, dass er nicht sofort wieder los muss. Denn manchmal brauche ich das, dass ich nicht rede und wir einfach nur miteinander schweigen. Auch dann fühle ich mich verstanden. Darin ist Gott einsame Spitze. Er gibt mir das Gefühl, dass ihm nicht langweilig wird.

Es gibt aber auch Tage, da rede ich gleich los wie ein Wasserfall. Da platze ich alles raus, was mich gerade umtreibt. Nicht alles ist freundlich, weil das Leben nicht immer freundlich zu einem ist. Dann kommen die Sorgen, Ängste und Nöte, die mich manchmal um den Schlaf bringen. Das auszuhalten ist schwer, denn auf meine Warum-Fragen höre ich keine Antwort. Und doch weiß ich, dass ihm das nicht egal ist.

Ich habe noch nie erlebt, dass Gott meinen Redeschwall unterbrochen hat. Komisch ist, dass ich dann trotzdem einhalte. Wenn ich ihn dann fragend anblicke, zieht er leicht die Schultern hoch und sagt fast entschuldigend: "Ich habe nichts gesagt". Ich glaube, das ist ein Trick von ihm. Denn so komme ich immer zur Besinnung.

Gott und ich. Ich kann mir ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen. Und ich bin froh, dass wir nicht nur eine Sonntagsbeziehung haben.


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Dieser Beitrag wurde am 02.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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