Wort zum Tage, 01.05.2020

von Andrea Wilke, Arnstadt

Die Macht der Freiheit

Knapp die Hälfte meines Lebens habe ich in der DDR gelebt. Ich bin dort geboren worden. Als die Mauer fiel, war ich 25 Jahre alt. Und so habe ich sie noch miterlebt, die alljährlichen Maidemonstrationen. Der Wonnemonat Mai begann in der DDR mit dem Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse, wie der 1. Mai offiziell genannt wurde. Meiner Erinnerung nach war immer schönes Wetter, und durch die Luft waberten schon am Morgen die Klänge der Marschmusik vom Zentrum der Stadt her, wo auch die Festtribüne stand. Egal auf welchen Wochentag der 1. Mai fiel, das Programm stand fest: Maidemonstration. Die war Pflicht.

Untrennbar verbunden mit dem 1. Mai war die rote Nelke. Es gab sie als Kunstnelke, die ans Revers geheftet wurde oder auch gebastelte aus Krepppapier, die man dann wie die Fähnchen schwenken konnte.  Alle Leute hatten bestimmte Treffpunkte, und von dort ging es dann los. Reihenweise zogen sie durch die Straßen, vorbei an der großen Festtribüne. Von oben winkten die Genossen der Parteileitung und der Bezirks- und Kreisräte.

Ich erinnere mich an eine Demonstration ganz besonders. Einige meiner Mitschüler und ich hatten vereinbart, dass wir zum festgelegten Treffpunkt kommen, unsere Teilnahme registrieren lassen, um dann bei nächstbester Gelegenheit die Biege zu machen. Keinesfalls wollten wir zur Festtribüne mitmarschieren. Plötzlich drückte mir ein wildfremder Mann einen Besenstiel in die Hand, an dem ein großes Foto befestigt war. Es war das Porträt von Horst Sindermann, der in dieser Zeit der Vorsitzende des DDR-Ministerrates war. Himmel hilf, nie im Leben wollte ich Horst Sindermann oder sonst wen durch die Gegend tragen. Also wehrte ich ab. Der Mann verstand keinen Spaß. Wie ich heiße und in welche Schule ich gehe, wollte er wissen. Das würde er melden. Als er außer Sichtweite war, stellte ich den Besenstiel an den nächsten Baum und verschwand früher als geplant. Bis in die Schule hat es sein Vorsatz der Beschwerde nicht geschafft, jedenfalls bin ich diesbezüglich nie zur Rechenschaft gezogen worden. Aber für einen kurzen Moment hatte er mir Angst gemacht, und wie schnell kann aus Angst Unterwürfigkeit werden. Doch wer unterwürfig ist, der ist nicht mehr frei.

Dabei gibt es nichts Größeres als die innere Freiheit. Doch sie hat viele Gegner. Auch heute noch. Andere als die damals in der DDR, aber nicht weniger vereinnahmend. Angefangen von Modediktaten, der Werbeindustrie bis hin zu politischen Vertretern menschenverachtender Gesinnung. Deshalb flößen sie gern Angst ein. Angstmacher wollen nicht, dass man frei entscheidet. Sie wollen, dass man nach ihrer Pfeife tanzt. Dass man es nicht tut, ist ihre größte Angst. Weil dann die Freiheit gewonnen hat.


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Dieser Beitrag wurde am 01.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
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