Wort zum Tage, 30.04.2020

von Andrea Wilke, Arnstadt

Ich erinnere mich

Vor einigen Monaten hat mir jemand ein Buch empfohlen. Der Titel lautet: „Ich erinnere mich“. Dieses Buch ist voller Erinnerungen. Der Autor, Joe Brainard, erzählt seitenweise seine Erinnerungen; in der Regel bestehen sie aus nur einem Satz. Zum Beispiel: „Ich erinnere mich, dass ich nie vor anderen Leuten weinte.“ Oder: „Ich erinnere mich an den Geschichtslehrer, der uns damit drohte, aus dem Fenster zu springen, wenn wir nicht sofort ruhig wären.“ Und so geht das ungefähr 200 Seiten lang.

Ich habe dann selbst ein Erinnerungsexperiment gemacht. Stift und Papier geholt und meine Gedanken wandern lassen. Was soll ich sagen, ich kam mit dem Schreiben gar nicht hinterher. Ich erinnere mich, dass drei Kugeln Eis 50 Pfennige kosteten, Vanille, Erdbeer, Schoko, und dass dafür oft mein Taschengeld draufging. Ich erinnere mich an die weißen Strumpfhosen, die wir nur sonntags tragen durften, und die trotz allergrößter Vorsicht im Handumdrehen schmutzig waren.

Die Liste meiner Erinnerungen wurde immer länger und ist noch längst nicht zuende. Beim Schreiben wurde mir klar, dass es nicht einfach nur Erinnerungen sind. Sondern dass in jeder Erinnerung eine Geschichte steckt. Mal ist es eine fröhliche, mal eine peinliche, mal eine traurige. Sie erzählen, wie ich diejenige wurde, die ich jetzt bin.

Auch die Bibel ist voller Geschichten. Zum Beispiel die des Volkes Israel mit ihrem Gott. Damit die Erinnerung daran nicht verblasst, wird sie immer weitererzählt, von Generation zu Generation. Das ist wichtig für ihr Weiterleben und ihre Identität.

Geschichten erzählen – wer macht das heute noch, außer den vorgelesenen Gute-Nacht-Geschichten für die Kleinen?

Vor einigen Wochen sah ich in einer Fernsehsendung den 83jährigen Theologen Fulbert Steffensky. Es ging in dieser Sendung ums Älterwerden und Altsein. Im Hinblick auf die Aufgabe und die Verantwortung der älteren Generation sagte Fulbert Steffensky folgendes:

"Was ich mir wünsche von den Alten für die Enkelkinder ist, dass sie von sich erzählen, also von ihrem eigenen Leben, von den Gefahren des Lebens, was man falsch gemacht hat. Ich glaube, dass Hoffnung durch Erzählungen zustande kommt, nicht in Büchern gelesene Erzählungen allein, sondern man sieht ein Gesicht dabei, Augen und einen Mund, der erzählt – und das stärkt die Hoffnung.“

Soweit der Theologe Steffensky.

Unser Leben steckt voller Geschichten, und es macht Spaß, sie mal wieder hervorzukramen, auch wenn man noch jünger ist. Keine Erinnerungsgeschichte ist zu banal, als dass sie uns nicht ein Lächeln ins Gesicht zaubern könnte. Und jedes Lächeln, finde ich, ist auch ein Zeichen der Hoffnung.


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Dieser Beitrag wurde am 30.04.2020 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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