Wort zum Tage, 29.04.2020

von Andrea Wilke, Arnstadt

Und dann kam Corona

Es gab, und das ist noch gar nicht so lange her, eine Zeit, da habe ich mir gewünscht, dass wir mal alles etwas runterschrauben. Es ging mir alles zu schnell. Dieses immer mehr, immer höher, immer weiter. Diese Flut an Informationen, diese ständigen, scheinbar immer noch besseren Angebote, die das Leben schöner machen sollen. Da war diese Sehnsucht in mir nach einem einfacheren Leben. Nicht faul, aber geruhsamer, gelassener.

Und dann kam Corona. Unser so turbulentes Leben wurde Schritt für Schritt ausgebremst. Kino, Schwimmbad, Fitness-Studio ade. Stattdessen Spaziergänge an der frischen Luft, plötzlich viel Zeit mit den Kindern, vermutlich wird auch wieder viel mehr selbst gekocht, gespielt, gelesen. Statt des Anrufbeantworters hat man einen realen Menschen am anderen Ende der Leitung.

Um miteinander die Corona-Krise gut durchzustehen, rief Papst Franziskus zur „Kreativität der Liebe“ auf. Und ich sehe, die Liebe ist sehr kreativ geworden in diesen Wochen. Es gibt so schöne Ideen und Aktionen, die vor allem eins deutlich machen: es soll nicht nur mir selbst gut gehen, sondern auch den anderen. Das hat mich in positivem Sinne richtig  stolz gemacht. Dieser Zusammenhalt untereinander. Dieses Gute, was zutage getreten ist, sollten wir unbedingt beibehalten, wenn sich das alles mal erledigt hat mit Corona.

Inzwischen gab es die ersten Lockerungen, ganz behutsam. Ja klar, jetzt nichts übereilen. Doch ich merke die Ungeduld in mir. Dieses Wollen und nicht können oder dürfen, das beklemmt mich. Doch es gilt, tapfer durchzuhalten und vor allem nicht den Mut und die gute Laune zu verlieren. Da ist es schön, wenn man dann plötzlich einen Text zu lesen bekommt, der einem indirekt sagt: Dir geht es nicht allein so.

Der Text ist von Susanne Niemeyer, eine Autorin, die ich sehr mag. Sie hat es für mich sehr hilfreich auf den Punkt gebracht. Sie schreibt in ihrem Blog:

"Wann wir endlich wieder zur Normalität zurückkehren können, lese ich und denke: Wieso zurückkehren? Leben geht nur vorwärts. Außerdem wüsste ich ein paar Dinge, zu denen will ich gar nicht zurück. Ich habe mich so an den streifenfreien Himmel gewöhnt und an mein freizeitstressreduziertes Leben, und dass Spazierengehen ein neuer Trend ist und Höflichkeit auch. Dass auf einmal Berufe systemrelevant sind, die ich als Kind schon bewundert habe. Und dass introvertierte Menschen jetzt einen Daseinsbewältigungsvorsprung haben.“

Und am Schluss schreibt Susanne Niemeyer:

„Wir werden auch in diesem Zustand nicht verharren, und das ist für Viele existenziell wichtig. Die Frage ist: Wo wollen wir hin?"


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Dieser Beitrag wurde am 29.04.2020 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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