2. Sonntag der Osterzeit

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Vom Guten Hirten in Berlin Marienfelde

Predigt von Pfarrer Harry Karcz

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

vor einigen Jahren konnte ich in New York in der St. Patrick‘s Cathedral bei einem ganz besonderen Ereignis mit dabei sein. Mehr als 100 Erwachsene und Jugendliche - gekleidet in weißen Gewändern - zogen in die Kirche zu einem Gottesdienst ein. In ihren Gesichtern spiegelte sich Freude, Dankbarkeit und auch etwas Stolz wider. Sie wurden umjubelt von den Menschen, die in den Bankreihen standen und auf sie warteten. Man winkte und klatschte, wenn jemand Bekanntes vorbeikam. Es war eine unbeschreiblich mitreißende Atmosphäre.

Eine Woche davor hatten die „Weiß-Gekleideten“ in irgendeiner der zahlreichen New Yorker katholischen Kirchen während der Osternachtfeier das Sakrament der Taufe empfangen. Dabei bekamen sie das weiße Gewand überreicht, das sie jetzt so selbstbewusst trugen - ihr Taufkleid. Und nun feierten sie dieses Ereignis noch einmal, gemeinsam mit ihrem Bischof und all den vielen anderen Neugetauften in dieser Großstadt, zusammen mit ihren Freunden und Verwandten.

Ich erlebte einen Gottesdienst, der mich echt ergriffen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Seitdem erinnere ich mich jedes Osterfest gern daran. Ich fühlte mich hineinversetzt in die Anfänge der Kirche. Damals vor 2000 Jahren war es üblich eine Woche lang die Taufe zu feiern. Es heißt, man habe das Festgewand sieben Tage lang getragen, bis es dann feierlich unter dem Jubel der versammelten Gemeinde abgelegt wurde. Genau deshalb heißt der erste Sonntag nach Ostern bis heute „Weißer Sonntag“.

In diesem Jahr aber schaue ich mit großer Betroffenheit und Wehmut nach New York. Die Bilder der letzten Wochen, die wir ja alle über die Medien verfolgen konnten, haben mich tief erschüttert: Massengräber auf Hart Island. Tote, die der Corona Krankheit zum Opfer fielen, werden in aller Eile begraben - ohne Abschied und Feier. Es gab kein Gedenken und würdevolles Beerdigen, oftmals auch weil das Geld für die Bestattung fehlte. Die St. Patrick‘s Cathedral ist heute nur zum stillen Gebet geöffnet. Der so beliebte Gottesdienst am Weißen Sonntag kann nicht wie gewohnt gefeiert werden.

Ein Virus hat uns fest in der Hand. Es bestimmt unser Leben in allen Bereichen. Niemand ist davon ausgenommen - weltweit.

Auch in Deutschland sollte heute in den meisten unsere katholischen Kirchengemeinden traditionell ein ganz besonderes Ereignis gefeiert werden - die Erstkommunion. Die Feier ist verschoben bis zu einem neuen Tag, den wir jetzt noch nicht kennen. Auf diesen Sonntag - den Weißen Sonntag - hatten sich Kinder und Familien lange und intensiv vorbereitet. Die gegenseitige Rücksichtnahme und Verantwortung füreinander schließen nun das gemeinsame Feiern vor Ort aus.

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn auch unsere Pläne und Vorbereitungen durchkreuzt wurden, sollten wir uns nicht so leicht entmutigen lassen: Gerade in schwierigen Zeiten, in denen uns Angst und Sorge beschweren und der Verlust des Gewohnten schmerzt, helfen gerade die gute Erinnerungen. Sie können Mut machen, inspirieren und Kraft zum Aushalten geben. Deshalb möchte ich in den Vordergrund rücken, was diesem Tag seinen Namen gegeben hat – das weiße Taufkleid:
Es wird dem Neugetauften nach der Taufe überreicht mit den Worten:
„Du hast jetzt Christus angezogen, bewahre diese Würde für das ewige Leben!“

Was uns in der Taufe zugesagt wird, symbolisiert das weiße Gewand. Bei den Taufen von Jugendlichen und Erwachsenen spüre ich jedes Mal, wie sehr sie dieses Zeichen verstehen und überzeugt annehmen. Es ist das, was auf den Gesichtern der Menschen in der St. Patrick’s Cathedral für mich erkennbar war - Freude und Stolz.

In der frühen Kirche hatte die Bedeutung des weißen Gewandes eine solch starke Aussagekraft, dass die ersten Christen sogar ihre Toten im weißen Taufkleid bestattet haben. Im katholischen Beerdigungsritus wird bis heute der Sarg oder die Urne mit dem Taufwasser besprengt und dabei gebetet: „Was Gott in der Taufe begonnen hat, das vollende er nun im ewigen Leben.“

Diakone, Priester und Bischöfe tragen das weiße Gewand - die Albe - unter ihrer liturgischen Kleidung. Über einen Talar wird es als weißes Rochette - zum Beispiel beim Ministrieren - sichtbar nach Außen gezeigt. Frauen und Männer, die eine Wort-Gottes-Feier leiten, dürfen sich heutzutage ebenfalls mit einer Albe bekleiden. Weil ich getauft bin, stehe ich hier und darf Gott in meinem Tun danken und die Ehre geben. Mein Vertrauen auf Gott, meine Beziehung zu Christus zeige ich selbstbewusst.

Das war es, was ich bei meinem Besuch in der St. Patrick‘s Cathedral gefühlt habe: Wer sich als Erwachsener taufen lässt, vollzieht einen Neuanfang, nimmt die Botschaft des Glaubens mit Überzeugung an. Als Kleinkind haben meine Eltern, die Paten, andere mich liebende Menschen für mich diesen Weg durch die Taufe geebnet, der zum Empfang der Erstkommunion und Firmung führt. Der jährliche Höhepunkt ist dann die Osternacht, in der ich jedes Mal neu mein Taufversprechen selbst bekräftigen kann.

Liebe Schwestern und Brüder! In diesen Tagen werden uns vielen Ratschläge gegeben, wie wir die Quarantänezeit am besten zu Hause gestalten können. Eine Idee ist sicher sinnvoll: Die Schränke aufräumen, Überflüssiges aussortieren, Papiere und Unterlagen sichten und gegebenenfalls ordnen. Vielleicht suchen Sie einmal nach ihrer Taufurkunde! Wissen Sie eigentlich, wann und wo Sie getauft wurden? Schauen Sie sich die alten Bilder der Tauffeier an. Suchen Sie bewusst nach den Erinnerungsstücken. Und wenn Sie das Taufkleid finden, waschen Sie es und erneuern Sie dabei ihr Taufversprechen. Das kann man auch machen, wenn unsere Kirchen für die Gottesdienste in der Osterzeit geschlossen bleiben müssen.

Ich wünsche Ihnen in dieser schwierigen Situation Kreativität, Mut und Glaubenskraft!


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Dieser Beitrag wurde am 19.04.2020 gesendet.





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