Ostermontag

Predigt des Gottesdienstes aus der Klosterkirche St. Anna im Lehel, München

Predigt von Pater Hans-Georg Löffler, OFM

Liebe Schwestern und Brüder,

anstelle der Predigt möchte ich mit Ihnen heute ein Lied singen und betrachten, das, wie ich finde, „das“ Osterlied schlechthin ist – nicht allein, weil es die Auferstehung Christi besingt, die zentrale Botschaft unseres christlichen Glaubens, sondern weil es uns, die Betrachter, entschlüsselt, was es heißt wenn ich sage: Ich bin Christ.

„Das ist der Tag, den Gott gemacht“

Singen wir die 1. Strophe vom Lied 329 im Gotteslob:

Das ist der Tag, den Gott gemacht,
der Freud in alle Welt gebracht.
Es freut sich, was sich freuen kann,
denn Wunder hat der Herr getan.

„Das ist der Tag“, liebe Schwestern und Brüder, der hohe Tag, das hochheilige Osterfest. Heute ist durch die Auferstehung Christi „Freude“ in die Welt gekommen.
Freude? Wie soll ich mich freuen angesichts all der Verbote und Gebote, die uns seit Wochen daran hindern, ein freies Leben zu führen, wie wir es jahrzehntelang wie selbstverständlich gewohnt waren?

Wie soll ich mich freuen, angesichts des Leids von Menschen in den Krisen-, Katastrophen- und Kriegsregionen weltweit, über die uns tagtäglich von den Medien berichtet wird?

Wie soll ich mich freuen, wenn ich mich selber in einer schwierigen Situation befinde, in der ich allein keinen Ausweg erkennen kann, der mich herausführen könnte?

Wenn wir singen: „Das ist der Tag, den Gott gemacht, der Freud in alle Welt gebracht, es freu sich, was sich freuen kann, denn Wunder hat der Herr getan!“, dann heißt das doch: Gott hat seine Hand im Spiel! Er wirkt auch in unserem Leben Wunder. Ich fühle mich erinnert an den Lobpreis der Gottesmutter Maria, „Großes hat an mir getan der Mächtige, sein Name ist heilig“(Lk 1,49) – gesungen in einer Situation, die alles andere als problemfrei gewesen ist.

Eine innere Erkenntnis, die sich darin ausdrückt – Gott geht alle Wege mit, Gott hat einen anderen Plan, der auch über die Wirklichkeit, die oft trostlose Realität des Alltags, hinausweist – wo menschliche Einsicht begrenzt ist, da „singt Gott ein Lied vom Leben!“ – wem es gegeben ist, das zu erkennen, der spürt eine tiefgehende Freude, eine  Zuversicht – das paulinische „dennoch“.

Wir singen die zweite Strophe vom Lied 329:

Verklärt ist alles Leider der Welt,
des Todes Dunkel ist erhellt.
Der Herr erstand in Gottes Macht,
hat neues Leben uns gebracht.

Wenn wir zuversichtlich an die Gegenwart Gottes glauben, dann wird unser Blick gewandelt – die innerweltliche Engführung wird aufgebrochen, denn das Lebensziel ändert sich. So sehr wir Menschen im hier und jetzt leben, wissen wir, dass es um mehr geht. Das schenkt uns Gelassenheit, Zuversicht, einen wohltuenden Optimismus, denn wir geben Gott die Chance auch in den Dunkelheiten des je konkreten Lebensabschnitts sein Licht aufleuchten zu lassen – ein neues Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, das hat auch mit einer Vision von Leben zu tun. Ich möchte meinen, wie keine andere Krise, die wir in den vergangenen Jahrzehnten miterlebt haben, stellt uns die Corona-Krise vor die Frage: wie wollt Ihr eigentlich zukünftig leben? Wie soll die Welt aussehen, die ihr euren Kindern und Kindeskindern einmal hinterlasst – wir brauchen ein entschiedenes und konsequentes Umdenken in unserem Konsumverhalten, in unserem Tourismusverhalten, in unseren Ernährungsgewohnheiten und vielem anderen mehr!

Es ist ja nicht so, als wenn wir darauf nicht immer wieder hingewiesen worden wären – da muss erst eine Krise kommen und uns aufzeigen, worauf wir auch verzichten können, was alles geht, wenn vieles nicht mehr geht. Als österliche Menschen leben wir ja in einer ständigen Perspektive der Erneuerung. Denn in der Auferstehung Jesu hat Gott eine andere Lebensperspektive eröffnet, den Blick geweitet, der so sinnentleert auf uns selbst gerichtet war – eine Vision, die Leben eröffnet und zum Leben ermutigt.

Singen wir die dritte Strophe unseres Liedes:

Wir sind getauft auf Christi Tod
und auferweckt mit ihm zu Gott.
Uns ist geschenkt sein Heilger Geist.
Ein Leben, das kein Tod entreißt.

Mir ist diese Strophe sehr lieb, weil ich denke: genau darum geht es! Wenn wir Neugeborene taufen, dann ist es häufig der Wunsch der Eltern, ihr Kind unter den besonderen Schutz Gottes zu stellen oder, dass ihr Kind aufgenommen wird in die Glaubensgemeinschaft der Christen. Das sind alles legitime und gute Beweggründe. Aber Taufe meint doch noch mehr. Darüber bei einer Tauffeier zu sprechen ist nicht einfach – wer möchte schon angesichts neu erwachenden Lebens, an den Tod denken? Aber bei der Taufe werden wir symbolhaft hineingetaucht in den Tod und wieder heraufgehoben zum Leben. Damit nehmen wir die ganze Wirklichkeit des Lebens in den Blick.

Gott beruft die Schöpfung zum Leben – hier und auf der anderen Seite des Todes. Das ist für mich der ureigene Sinn des Christlichen. Um hineinzuwachsen in dieses Vertrauen, bekommen wir in Taufe und Firmung den Heiligen Geist vermittelt, „er wird euch in alle Wahrheit einführen“ heißt es im Johannesevangelium (Joh 16,13).

Für mich ist es tröstlich zu wissen, dass ich ein ganzes Leben Zeit habe, mich damit auseinanderzusetzen – was heißt das? Für mich und mein Konzept von Leben? Was uns da angeboten wird, kann selbst der Tod nicht zerstören – das Leben ist stärker als der Tod – die Liebe siegt.

Und deshalb „schauen wir auf zu Jesus Christ“ – wir singen die vierte Strophe:

Wir schauen auf zu Jesus Christ,
zu ihm, der unsre Hoffnung ist.
Wir sind die Glieder, er das Haupt;
Erlöst ist, wer an Christus glaubt.

Es ist die große Kunst, liebe Schwestern und Brüder, IHN, Jesus Christus, nicht aus dem Blick zu verlieren – immer wieder Ausschau zu halten nach ihm, wenn er die Hoffnung meines Lebens geworden ist. Auch hier ist für mich das Bild des Weges so wichtig – gerade die Emmausjünger stehen ja beispielhaft für die Erkenntnis, die auf dem Weg wachsen kann, durch Begegnung, durch Austausch, durch Fragen, auf die ich allein keine Antwort finde. Glauben-lernen, davon bin ich überzeugt, geschieht auf dem Weg, auf dem Lebensweg.

Ich selber durfte viel über das Glauben lernen durch Begegnung mit Menschen und die Begleitung von Menschen, die, obwohl sie keine Theologen waren – vielleicht: weil sie keine Theologen waren – zu einem tiefen, persönlichen Glauben gefunden hatten – manche davon waren nicht mehr in der Gemeinschaft der Kirche – aber für mich war deutlich spürbar: „du bist nicht fern vom Reich Gottes!“(Mk 12,34)

Das heißt also: Wenn aus Glaubenswissen Vertrauen gewachsen ist, wenn Menschen wegen ihres Glaubens zu einer Grundhaltung finden, die ihr Denken, Reden und Handeln verändert, wenn sie andere Menschen nicht auf ihre Defizite reduzieren, sondern sie aufbauen, Vertrauen schenken, Mut machen, – dann wächst durch diese Menschen „Reich Gottes“, da wird etwas spürbar von einem „erlösten“ Sein – da wird die Vision Gottes vom Leben geerdet. „Denn das Leben, zu dem wir streben, fängt im hier und heute an!“

Amen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 13.04.2020 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche