Wort zum Tage, 04.04.2020

von Andreas Brauns, Schellerten 

Bibel und Zeitung

Vor kurzem habe ich mir in einem Museum einen wunderschönen Flügelaltar aus dem frühen 15. Jahrhundert angeschaut. Er stammt aus dem ehemaligen Kloster St. Michael in Lüneburg. Auf einem goldenen Hintergrund sind 36 biblische Szenen dargestellt.

Einige Besucherinnen und Besucher haben sich allerdings gewundert über die Auswahl der Szenen, die das Leben Jesu zeigen: Denn da gibt es im Prinzip nur Bilder von Weihnachten und den österlichen Tagen: Also vom Einzug Jesu in Jerusalem bis hin zur Auferstehung. Was Jesus auf Erden getan hat, fehlt fast vollständig.

Es ist wie im christlichen Glaubensbekenntnis. Auch da wird vom Handeln Jesu gar nichts gesagt. Es geht nur um den Beginn seines irdischen Lebens und um das Ende, an das Christen in der kommenden Woche erinnern.  

Da gehen die Jünger Jesu mit ihrem Meister nach Jerusalem. Und wenn man den Schriften trauen darf, dann wird dieser Einzug in die Stadt bejubelt. Die Menschen sind begeistert, denn endlich kommt er, von dem sie schon so viel gehört haben. Er kommt, um sie zu befreien – von den römischen Besatzern, so hoffen es manche zumindest.

Die Schriften erzählen, wie Jesus die Händler und ihre Kunden aus dem Tempel vertreibt und damit sicher für Unruhe sorgt in der Stadt. Wie er die Menschen warnt vor den Schriftgelehrten, die für ihn nur Scheinheilige sind, bedacht vor allem auf sich und ihre Ehre. Und mit Blick auf den Tempel, das Zentrum des jüdischen Glaubens, sagt er: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben!

Jesus geht massiv vor gegen die religiösen Autoritäten, die mit Gott Geschäfte machen. Und sie suchen nach einer Möglichkeit, ihn in ihre Gewalt zu bringen, so heißt es im Markus-Evangelium. Die religiösen Autoritäten wollen Ruhe in der Stadt, steht doch das hohe Paschafest an. Was dann passiert, ist bekannt: Jesus wird verhaftet, verhört, verurteilt und schließlich gekreuzigt. Er aber leistet keinen Widerstand, gibt sich hin. Alle, die mit ihm umhergezogen sind, verharren in Schockstarre.

Es ist alles aus und vorbei. Und der Himmel schweigt. Gott handelt nicht. Gott wird behandelt – von Menschen. Er ist da. Und was wäre das für ein Gott, der vom Kreuz heruntersteigt? Er wäre Gott, aber nicht Mensch, in allem uns gleich, wie Jesus es war. Gott ist im Leidenden da. Das hoffen und glauben Menschen bis heute, wenn Unschuldige sterben, sie willkürlich zu Opfern werden; wenn Kinder leiden und hungern, während die Welt wegschaut, weil anderes die Nachrichten beherrscht.

Gott ist da. Er weicht dem Leid nicht aus. Wenn Christen sich daran in der nächsten Woche erinnern, dann haben sie hoffentlich nicht nur die Bibel in der Hand sondern auch die Zeitung.       

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 04.04.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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