Wort zum Tage, 02.04.2020

von Andreas Brauns, Schellerten 

Par coeur

Die französische Sprache kennt eine wunderbare Redewendung: „par coeur“, „Mit dem Herzen“. Das heißt: Ich bin nicht mit dem Kopf dabei, sondern mit ganzem Herzen. Was das bedeutet, habe ich in einer unscheinbaren Kirche gelernt in einem kleinen Dorf im Burgund in Frankreich: In Taizé.

Wer aus dem strahlenden Licht der Sonne in die dämmrige Kirche kommt, staunt: Die Kirche ist voll - vor allem von jungen Leuten. Viele sitzen auf kleinen Gebetshockern oder knien auf dem Boden. Und alle singen, doch nur wenige haben Lied-Zettel in den Händen. Die ruhigen und meditativen Melodien mit wenig Text in verschiedenen Sprachen erfüllen den Raum. Und ich kann nicht schweigen. Ich muss einstimmen in den Gesang. Einstimmen mit dem Herzen: par coeur. Wie viele andere singe ich mit, ohne dabei auf ein Textblatt zu schauen. Ich brauche es nicht. Ich bin mit meinem Herz ziemlich textsicher.

Taizé, das ist eine internationale ökumenische Ordensgemeinschaft, die nicht nur junge Menschen begeistert. Die Jugendlichen nehmen weite Wege auf sich, um in Taizé mit den Brüdern und vielen anderen zu singen und zu beten. Dort einen so ganz anderen Gottesdienst zu feiern, in großer Gemeinschaft - das zieht auch Menschen an, die sonst nur selten eine Kirche betreten und sich in einem klassischen Gottesdienst fremd vorkommen.

Wer aus seinem Alltagstrott entflohen ist, kann in Taizé womöglich eine bisher unbekannte Seite an sich entdecken. Es gibt manche, die wollten nur mal vorbeischauen, doch seitdem kommen sie immer wieder. Denn sie haben sich mitnehmen lassen von den ruhigen Klängen. Sie wurden berührt und haben in ihrem Inneren etwas entdeckt.

Die Gesänge in Taizé öffnen die Herzen. Und so klingen junge und alte Stimmen zusammen. Und es fällt überhaupt nicht auf, wenn im Singen Ungeübte die Melodie noch suchen müssen. Es kommt der Moment, da singen auch sie. Sie loben Gott und bitten ihn.

Ich staune immer wieder, wie die Gesänge von Taizé die Menschen zur Ruhe bringen, wie sie im Gesang aus sich herausgehen und nach den Liedern oft noch in Stille verharren. Als ob die Gesänge, die das Herz berührt haben, nachklingen.

Um die Lieder und Gesänge aus Taizé zu singen, muss niemand bis nach Frankreich fahren. Es gibt in manchen Kirchengemeinden Taizé-Abende, an denen steht die Musik aus dem Burgund im Mittelpunkt.

Ich glaube: Wer einmal in Taizé war, oder wo auch immer die ruhigen Lieder mitgesungen hat, trägt sie im Herzen.     

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 02.04.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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