Wort zum Tage, 01.04.2020

von Andreas Brauns, Schellerten 

Angst essen Seele auf

„Angst essen Seelen auf.“ Das ist ein Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Er erzählt von der Einsamkeit und von einem Tabu: Der Liebe einer älteren Deutschen zu einem jungen und dunkelhäutigen Ausländer. Was für ein Skandal. „Angst essen Seele auf“ hält einer Gesellschaft, die sich für liberal hält, den Spiegel vor. Zeigt der Film doch, wie mächtig die Angst ist.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Angst ist sogar größer als der Glaube. Ja: „Angst essen Seele auf“. Die Angst vor fremden Menschen zerstört die Seele Europas, zerstört die Seele des christlichen Abendlandes. Menschen fühlen sich bedroht, haben Angst vor Frauen, Männern und Kindern, die aus anderen Kulturen kommen. Haben Angst vor Menschen, die nichts mehr haben als ihr Leben. Und aus Angst werden sogar die verfolgt, die den fremden Menschen helfen wollen. So wurden in einem katholischen Land wie Italien Schiffe beschlagnahmt, die Menschen vor dem Ertrinken gerettet haben. Und nicht nur eine Kapitänin muss sich für ihr Tun vor Gericht verantworten.

Da beten Menschen zum dreifaltigen Gott, zum Schöpfer des Himmels und der Erde. In Fürbitten wird dieser Gott angerufen, sich der Verfolgten anzunehmen. Doch folgt jemand diesem Ruf, findet er sich mitunter vor Gericht wieder. Was sind das für Gebete, die folgenlos bleiben sollen? Die Angst sitzt den Betenden im Nacken, sie ist mächtig, diktiert das Handeln. Es ist immer und immer wieder die eine Angst: selbst zu kurz zu kommen.

Doch Christen haben nicht nur den Auftrag zu beten oder in sich zu gehen, wie es nicht Wenige in den Wochen vor Ostern tun, um sich selbst auf die Schliche zu kommen.  

Den Frauen und Männern, die mit ihm umherzogen, hat Jesus ein Gleichnis erzählt. Darin urteilt der Menschensohn am Ende der Zeit über die Völker. Und zu einigen sagt er:

“Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;… Amen, ich sage euch: Was ihr für einen der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

(vgl. Mt 25,35f, 40)

Das sind deutliche und unbequeme Worte, doch sie gehören zur christlichen Botschaft. Und sie machen unmissverständlich klar: Gott sieht auch die Niedrigen, die Menschen in Not. Sie hat er im Blick - und darum ist er Gott. Wer ihm vertraut, muss keine Angst haben zu kurz zu kommen. Keine Angst vor fremden Menschen, vor anderen Lebensentwürfen.

Nein, die Seele ist in der Lage, der immer wieder aufkommenden Angst die Stirn zu bieten. Und dann kann ich mit Gottes Hilfe meine Schwestern und Brüder in Not sehen und menschlich handeln.  

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 01.04.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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