Wort zum Tage, 31.03.2020

von Andreas Brauns, Schellerten 

Spannungen und Ruhe

„Herr, lehre uns beten.“ Das haben die Jünger zu Jesus gesagt. Und er hat sie das Vaterunser gelehrt. Doch er hat sie viel mehr gelehrt als nur diese Worte. Er hat sie gelehrt, was es auch braucht für das Gebet: Einsamkeit und Stille.

Wie oft haben sie ihn gesucht und er hat in der Einsamkeit gebetet – allein mit seinem himmlischen Vater.

Doch, wo gibt es heute Raum und Zeit für ein Gebet in der Stille? In der Kirche hat diese Art zu beten schon eine lange Tradition - als so genanntes „Ruhegebet“. Peter Dyckhoff betet es seit knapp 50 Jahren und hat einige Bücher darüber geschrieben. Der geistliche Autor findet sich nicht ab mit der Hektik unserer Zeit. Er schreibt:

„Wir müssen uns in der Begrenztheit unseres menschlichen Wesens immer wieder zurückziehen in die Stille, um nicht leer zu werden und krank. Es darf nicht sein, dass wir in Spannungen hineingeraten, die uns dem wahren Leben mehr und mehr entfremden.“

(aus: „Das kleine Buch vom Ruhegebet“, Peter Dyckhoff, Verlag Herder)

Doch die Realität sieht anders aus: Spannungen prägen das Leben. Und viele Menschen kommen nicht mehr zur Ruhe, sind getrieben. Erleben sich als Fremde im eigenen Leben. Manche versuchen jetzt, in der Fastenzeit vor dem Osterfest, bewusst umzusteuern.   

Das Geheimnis des Ruhegebetes ist das Eintauchen in die Stille mit einem Wort, das Betende immer und immer wiederholen. Auf dem Weg nach innen erfährt der Betende: Niemand erwartet etwas von mir, ich muss nichts leisten. In der Stille steigen Gedanken und Gefühle auf, die zu mir gehören. Peter Dyckhoff rät:

„Lass dich durch rein gar nichts während des Ruhegebetes stören, sondern nimm die Gedanken und Gefühle, Vorstellungen und Bilder einfach an“,

schenke ihnen aber keine große Beachtung. Denn es geht nicht um diese Gedanken und Gefühle, es geht um das Wort, das im Betenden aufsteigt. Es steigt aus der Tiefe auf, und wer bei ihm verweilt, spürt seine Kraft. Das Wort befreit von Spannungen, es schenkt Lebensenergie. Das bestätigen viele, die das Ruhegebet zu ihrem Gebet gemacht haben.

Wer sich einlässt auf diese Art zu beten, erlebt so etwas wie eine Fahrt in einem selbstfahrenden Fahrzeug.

„Wenn der Betende sich ganz der Führung überlässt, das heißt weder gedanklich noch willentlich eingreift, wird er von selbst und sicher auf das Ziel allen Betens hingeleitet“.

Für Peter Dyckhoff ist dieses Ziel die Nähe Gottes. Für den Gebetslehrer ist das ein Geschenk. Und es gibt noch mehr:

„Wir bereiten durch das Ruhegebet Gott den Weg, bei uns einzukehren und uns so zu wandeln, wie er uns gedacht und erschaffen hat.“

Gott befreit von Spannungen und Zwängen, die Menschen zu Fremden in ihrem eigenen Leben machen. Ich muss mich also nicht zwanghaft optimieren. Es ist vielmehr meine Aufgabe, mich einzulassen und absichtslos hinzugeben, damit Gott an mir wirken kann.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 31.03.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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