Wort zum Tage, 30.03.2020

von Andreas Brauns, Schellerten 

Nachfolge

Das ist so sicher wie das „Amen“ in der Kirche! Damit war früher alles klar. Doch das „Amen“ in der Kirche ist längst nicht mehr sicher. All die Formeln, die zur Tradition des christlichen Glaubens gehören, haben ihr Haltbarkeitsdatum überschritten. Viele Glaubenstraditionen werden nicht mehr verstanden. Darum braucht es in der Kirche dringend eine Kurskorrektur.

Für den Religionspädagogen Hubertus Halbfas ist es nicht mehr entscheidend, welche Glaubensartikel Menschen glauben. Was für ihn zählt, ist das, was sie als Glaubende tun, wie sie wahrgenommen werden: Also im Hinblick auf den christlichen Glauben, inwiefern sie Jesus Christus nachfolgen - konkret in der Nächstenhilfe und Solidarität. Dann können Menschen auch heute von diesem Jesus die gelebte Menschlichkeit übernehmen und sie fortsetzen.

Lange Zeit galt: Die Kirche vermittelt zwischen Himmel und Erde. Ihrer Segensmacht und Fürbitte vertrauen sich Menschen an. Gemeinsam loben und preisen sie den „Gott-in-der-Höhe“. Allmächtig, allwissend und gütig. Für viele ist das längst eine leere Formel. Denn oft erfahren sie: dieser Gott schweigt und handelt nicht… Jedenfalls nicht so, wie es von einem allmächtigen Gott erwartet wird.

Menschen bestürmen diesen Gott mit ihren Bittgebeten. Doch viele bleiben nicht stehen beim Gebet, sie handeln. Damit folgen sie Jesus nach. Ihm, der vom Reich Gottes gesprochen hat. Ein Reich, das mitten unter den Menschen ist, weil Grenzen überschritten werden, Menschen an einem Tisch sitzen, die von der Gesellschaftsordnung getrennt sind. Jesus ging sogar noch weiter: Er hat sich nicht arrangiert mit den engen Grenzen der Familie, er propagierte so etwas wie eine offene Gesellschaft. Damals wie heute für viele eine Provokation.

Jesus, das ist in der Kirche – ganz in der Tradition des Apostels Paulus – der Gekreuzigte und Auferstandene. Der Sohn Gottes, der sich hingegeben hat am Kreuz, um seinen Vater mit den sündigen Menschen zu versöhnen, um eine neue Gemeinschaft mit Gott zu eröffnen.

So bekennen es Christen im Glaubensbekenntnis. An das darüber hinaus gehende Wirken Jesu wird darin nicht erinnert. Als ob das nichts zählt. Dabei ist für mich das Leben Jesu die Botschaft. Jesus hat andere überzeugt mit seinem so ganz anderen Handeln, das sich nicht an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hält, sondern die Menschen am Rand im Blick hat, ihnen dient. Jesus, das ist nicht der allmächtige Gott-in-der-Höhe, er ist der Gott, der mitten unter den Menschen ist, mit offenen Augen und einem offenen Herzen, das wahrnimmt, was so gern versteckt wird oder einfach übersehen.  

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 30.03.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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