Am Sonntagmorgen, 05.04.2020

von Corinna Mühlstedt, Freising

„Mensch, wohin gehst Du?“ Eine Meditation zur Karwoche

Mit dem Palmsonntag beginnt die letzte Woche vor dem Osterfest. Es lohnt eine Meditation zur Vorbereitung: Wer ist der Mensch, wo ist der Mensch und wie kann der Mensch in dieser Welt wieder menschlich sein?

© Grant Whitty on Unsplash

Hosianna: Mit Jubel und der Bitte um Segen begrüßt das Volk den Rabbi, der auf seinem Esel nach Jerusalem kommt. Man hat viel Gutes von ihm gehört, hofft, er werde auch hier Gutes tun. Aber was ist „gut“? Das, was die eigenen Erwartungen erfüllt? Oder das Unbequeme, das Menschen zum Nachdenken bringt?

Der Palmsonntag leitet nach kirchlicher Tradition die Karwoche ein: Es ist eine heilige Woche, die davon erzählt, dass Jesus in Jerusalem ungerecht angeklagt und zum Tode verurteilt wird. Die Menge, die ihm anfangs zujubelte, wird dann skandieren „Kreuzige ihn!“. Doch Jesus wird seinen Weg mit Gott weiter gehen, den Tod überwinden und der Menschheit den Weg zum Leben zeigen, von dem sie vor Urzeiten abgekommen.

Adam als Symbol für menschliches Versagen

Papst Franziskus denkt in seinen Ansprachen immer wieder über die Abgründe im Wesen des Menschen nach. Sie kommen bereits am Ende des biblischen Schöpfungsberichts zur Sprache: Schon dort weist der erste Mensch, Adam, Gottes weltumspannende Liebe zurück, die Ursprung allen Lebens ist. Mit diesem so genannten „Sündenfall“ beginnt der Irrweg der Menschheit:

„Adam, wo bist du?“, lautet die erste Frage, die Gott an den Menschen nach dem Sündenfall richtet. „Wo bist du, Adam?“ – Adam ist ein Mensch ohne Orientierung, der seinen Platz in der Schöpfung verloren hat, weil er glaubt, alles beherrschen zu können, Gott zu sein.

Franziskus spricht diese Sätze 2013 auf der kleinen Mittelmeer-Insel Lampedusa. Anlass ist das Schicksal Tausender Flüchtlinge, die vor den Küsten Europas ertrinken, weil ihnen keine Hilfe zu Teil wird.

In seiner Predigt prangert der Papst menschliche Egozentrik und Herzenskälte an: Der erste von Gott geschaffene Mensch, Adam, wird dabei zum Symbol. Er steht für eine Menschheit, die sich von ihrem Schöpfer lossagt, ohne die Folgen zu bedenken:

„Die Harmonie geht zu Bruch, der Mensch geht fehl, und dies wiederholt sich. Der Traum, mächtig zu sein, groß wie Gott, ja, Gott zu sein, führt zu einer Kette von Fehlern, zur Kette des Todes. Er führt dazu, das Blut des Bruders zu vergießen!“

Wozu der Mensch fähig ist

Ein orthodoxer Mystiker vom Berg Athos, der Mönch Silouan, hat die Tragödie Adams in einem Gedicht beschrieben. Der estnische Komponist Arvo Pärt hat es vertont.

„Adam, der Vater aller Menschen, lebte im Paradies, und er lebte in der Fülle der Liebe Gottes. Doch durch seine eigene Schuld verlor er diese Liebe. Seiner Seele blieb nichts als die Sehnsucht nach ihr.“

Nur tief in seinem Inneren ahnt der Mensch noch den Lebensatem, den Gott ihm schenkte. Die christliche Mystik des Mittelalters spricht vom „Seelenfünklein“, das in jedem Einzelnen leuchtet. Diese Vorstellung formuliere eine bis heute gültige Wahrheit, meint der Regensburger Jesuit und Psychologe, Hans Zollner.

„Ich glaube, dass es das Göttliche gibt im Menschen. Das liegt darin, dass der Mensch viel weiter gehen kann, sehen kann, spüren kann, als das, was man so an der Oberfläche wahrnimmt. Der Mensch denkt an Unendlichkeit. Es gibt unglaublich viel Schönes, was Menschen erleben können, wie sie sich ausdrücken können, und wo eine Sehnsucht nach mehr drinsteckt. Es gibt im Grunde des Herzens, des Empfindens, so etwas, das über den Menschen hinausweist.“

Doch die Nachkommen Adams, von denen die Bibel spricht, verlieren in ihrem Machthunger Gott zunehmend aus dem Blick. Die Folgen sind fatal: Adams Sohn Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Das Motiv: Neid! Der Mensch, der wie Gott sein will, kann anderen nichts gönnen. Er will alles für sich.

Im Gedicht des Mönches Silouan erkennt Adam entsetzt die Konsequenzen seines Handelns:

„Aufgrund meiner Sünde ist der Frieden für die ganze Menschheit verloren! Völker werden von mir abstammen. Leid wird ihr Schicksal sein. Sie werden in Feindschaft leben und danach streben, einander zu töten.“

„Wo bist Du, Mensch?“

Ein blutiger Konflikt nach dem anderen zeichnet seither den Weg der Menschheit. Am Holocaust-Mahnmal von Yad Vashem fragt Papst Franziskus 2014 abermals:

Adam, wo bist du? – Wo bist du, Mensch? –  Wohin bist du geraten? An diesem Ort hören wir die Frage Gottes wieder erschallen. Der Ruf „Wo bist du?“ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust wie eine Stimme, die sich in einem Abgrund ohne jeden Boden verliert. Niemals mehr, Herr, niemals!“

Was bleibt, ist oft nur ein Schrei. In Hiroshima und Nagasaki, dort, wo die USA 1945 mit den ersten Atombomben Hunderttausende von Zivilisten töteten, hört man von Papst Franziskus 2019 erneut die Mahnung: „Nie wieder“!

Und doch: Nicht nur die Produktion von Atombomben geht weiter, sondern auch das Morden: in Syrien, im Jemen und in vielen anderen Ländern gehört das Grauen von Terror und Kriegsverbrechen längst zur Tagesordnung.

„Wer bist Du, Mensch?“

Für Papst Franziskus steht fest: Der Mensch verliert auf diesem Weg seine Menschlichkeit. Er verliert sich selbst:

Mensch, wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr, sagt Gott. Zu welchem Gräuel bist du fähig? Was hat dich so tief fallen lassen? Es ist nicht der Lebensatem, den ich in deine Nase geblasen habe. Jener Atem kommt von mir, er ist sehr gut. Nein, dieser Abgrund kann nicht allein dein Werk sein, ein Werk deiner Hände, deines Herzens… Wer hat dich verdorben? Wer hat dich angesteckt mit der Anmaßung, dich zum Herrn über Gut und Böse zu machen?“

Man habe schon viele psychologische Erklärungsmodelle bemüht, um die Irrwege des Menschen zu erklären, überlegt Hans Zollner. Doch am Ende aller Analysen bleibe die Frage nach der unheimlichen Macht des Bösen.

Was genau passiert, das wissen wir nicht. Wir stellen nur fest:  Es gibt im Menschen, in jedem Menschen, in jedem, eine Wurzel des Bösen auch. Und das kommt immer wieder zum Vorschein. Das Böse ist nicht einfach nur irgendetwas Vages in der Luft, sondern es personalisiert sich dadurch, dass Menschen aufeinander einschlagen oder sich auch umbringen.“

Papst Franziskus ermahnt die Menschheit stets aufs Neue, wachsam zu sein. Denn das Böse treibe sein Unwesen oft „getarnt“. Es maskiere sich durch scheinbar logische oder gar religiös klingende Argumente. Damit meint Franziskus nicht nur die gefährliche Ideologie von Extremisten, sondern auch Aktivitäten von Waffen-Produzenten oder Geheimdiensten, wie Folter oder gezielte Tötungen.

Wohlstandskultur führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit

Fest steht: Die Grausamkeit nimmt derzeit rund um den Globus in erschreckendem Maß zu. Der Papst spricht sogar vor einem „Dritten Weltkrieg“, der „stückweise“ ausgetragen wird. Man müsse alles tun, um das Bewusstsein dafür zu schärfen und einer weiteren Eskalation vorzubeugen. – Aber was bedeutet das in der Praxis?

Gott fragt einen jeden von uns. Doch niemand in der Welt fühlt sich heute dafür verantwortlich. Die Wohlstandskultur, bringt uns dazu, nur an uns selbst zu denken. Sie macht uns unempfindlich gegenüber den Schreien der anderen. Sie lässt uns in Seifenblasen leben, die schön sind, aber nichtig, und die zur Gleichgültigkeit gegenüber anderen führen, ja zu einer Globalisierung der Gleichgültigkeit.“ 

Zwischen Traum und Wirklichkeit liegt ein Abgrund, den zu überbrücken fast unmöglich scheint. Als der Adam, von dem der Mönch Silouan erzählt, keinen Ausweg mehr aus dem Widerspruch seines Lebens sieht, wirft er sich zu Boden und weint bitterlich.

„Solange ich bei Gott war, war meine Seele glücklich und in Frieden. Der Feind konnte mich nicht besiegen. Aber nun hat der Geist des Bösen Macht über mich… Herr, erbarme dich meiner!“

Erster Schritt: ehrliche Tränen

Letztlich geht es um Selbsterkenntnis: Den Weg dorthin können oft nur Tränen öffnen, meint Papst Franziskus bei einem internationalen Jugendtreffen auf den Philippinen:

Der Welt von heute fehlt das Weinen! Gewisse Realitäten des Lebens sieht man aber nur mit Augen, die durch Tränen reingewaschen sind. Ich lade jeden von Euch ein, sich zu fragen: Habe ich gelernt zu weinen? Habe ich gelernt zu weinen, wenn ich ein hungriges Kind sehe, ein verlassenes Kind, ein missbrauchtes Kind? – Lernen wir zu weinen!“

Durch ehrliche Tränen macht der verirrte Mensch den ersten Schritt, um den Nächsten wieder zu finden. Aber auch um Gott, und nicht zuletzt sich selbst wieder zu finden. Das wissen schon die Psalmen. Junge Komponisten der internationalen Musikgruppe Gen Rosso haben die alten biblischen Gebete neu vertont.

Sie gehören zur katholischen Fokolar-Bewegung, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der Lehrerin Chiara Lubich gegründet wurde. Im Januar 2020 wäre die charismatische Italienerin 100 Jahre alt geworden. Gen Rosso vermittelt ihre Ideale der Jugend:

„Herr, ich weine – kannst Du mich hören in dieser Nacht? Du kennst mich, Du weißt um die Tränen in mir. … Herr, meine Seele wartet auf Deine Stimme so sehr wie auf den Sonnenaufgang…“

Tränen öffnen das Herz, sie lassen den Menschen wieder Mensch werden. Tränen sind sogar ein Symbol für die Radikalität, mit der sich Gott in Jesus auf das Leid der Menschheit einlässt, meint Franziskus:

Jesus – im Evangelium – hat geweint. Er weinte um seinen verstorbenen Freund. Er weinte in seinem Herzen um die Familie, die ihre Tochter verloren hatte. Er war innerlich bewegt und weinte in seinem Herzen, als er die Menschenmenge wie Schafe ohne Hirten sah. Erst als Christus weinte, als er fähig war zu weinen, hat er unsere Tragödie voll und ganz verstanden.“

Die bittersten Tränen weint Jesus im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung. Das „Hosianna“ des Palmsonntags ist längst verklungen. Das „Kreuzige ihn“ liegt schon in der Luft. In diesem Moment spricht Jesus den alles entscheidenden Satz: 

„Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine!“
(Lukasevangelium 22,42)

Jesus: der neue Adam

Jesus legt sein Leben bedingungslos in die Hände des Vaters, dessen weltumspannender Liebe er vertraut. Diese Haltung Jesu überbrückt – nach ältestem christlichen Verständnis –  den Abgrund, der zwischen Gott und Adam aufgebrochen ist. 

Jesus wird im Neuen Testament als der Neue Adam bezeichnet. Er bringt in seiner Person zum Leuchten, was Gott in uns angelegt hat. Der neue Adam, Jesus Christus, ist der neue Mensch, derjenige, der wirklich das lebt und in die Tat umsetzt, was Gott mit den Menschen vorhat: Nämlich, dass sie sich Gutes tun, dass sie nicht zuerst schauen: „Was bekomme ich?“ Jesus zeigt uns, was Menschsein eigentlich ausmacht.“

Am Kreuz verzeiht Jesus in grenzenlosem Mitgefühl sogar der Menge, die zuvor das „Kreuzige ihn“ rief.

„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
(Lukasevangelium 23,34)

Der Mönch Silouan lässt Adam beim Anblick des Kreuzes die Wahrheit erkennen:

„Gott ist endlose Liebe, ja, eine Liebe, die man nicht mit Worten beschreiben kann. Wer dies einsieht, wird demütig und liebt sogar seine Feinde. …“

Die Liebe, die durch das Kreuz in die Welt kommt, öffnet Adam den Weg in ein „neues Paradies“, meint Silouan.

Fest steht: Vergebung und Versöhnung schaffen Alternativen zu Hass, Vergeltung und Gewalt. Jesus hat der Menschheit einen Ausweg aus der Spirale des Todes gezeigt. Es liegt am Menschen, ihn zu gehen.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

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Musik:

Arvo Pärt – Adams Lamento

Arvo Pärt – De profundis

Gen Rosso – Oh Lord, I cry

Arvo Pärt – De profundis


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Dieser Beitrag wurde am 05.04.2020 gesendet.


Über die Autorin Corinna Mühlstedt

Dr. Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Corinna Mühlstedt lebt in Freising und in Rom.

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