Feiertag, 29.03.2020

von Angela Krumpen, Tönisvorst

„Ich bin dein Hüter, Bruder!“ Helge Burggrabes Oratorium LUX IN TENEBRIS als neue Friedensvision

Warum gibt es Gewalt und Krieg? Und wo zeigt sich das Göttliche im Irdischen, wenn die Menschen sich nicht mehr als Geschwister erkennen? Um diese Fragen geht es im Oratorium „Lux in Tenebris“.

© bph/Moras

„Lux in Tenebris ist ein Oratorium und erzählt von Licht und Finsternis. Die Ursprungsidee entstand natürlich in Hildesheim, aber für mich war wichtig von Anfang an, dass es diese universelle Thematik hat, wie kann Frieden geschehen im Zwischenmenschlichen, im Gesellschaftlichen. Das war mir von Anfang an wichtig.“

Helge Burggrabe erzählt hier von seinem jüngsten großen Werk, LUX IN TENEBRIS. Seinen Durchbruch hatte der Komponist mit STELLA MARIS, einer Auftragskomposition für die Kathedrale von Chartres, der Burggrabe europaweite Aufführungen und Folgeaufträge einbrachte. Einer davon: LUX IN TENEBRIS, eine Auftragskomposition für den Hildesheimer Dom.

Von Adam und Eva bis Jesus

Burggrabe liebt es, Geschichten mit seiner Musik zu erzählen. LUX IN TENEBRIS, lateinisch für „Licht in der Finsternis“, wählt dabei das vielleicht größtmögliche Thema überhaupt: die Geschichte der Menschheit und ihr Kampf um Licht und gegen Finsternis. 

Die Handlung folgt großen Stationen in der biblischen Erzählung der Menschheit. Zu Beginn befinden sich die ersten Menschen, Adam und Eva, quasi die Stammeltern aller Menschen, noch im Paradies. Dem Ort, an dem nach jüdischer Vorstellung die Menschen zu Anfang ihrer Existenz lebten, bis der sogenannte Sündenfall sie aus dem himmlischen Paradies und einem Leben ohne Tod, in das vom Tod begrenzte irdische Leben verbannte. Adam und Eva gründen eine Familie, bekommen die beiden Söhne Kain und Abel. Der biblischen Erzählung folgend, vertont Burggrabe das dramatische Ende Abels: Sein eifersüchtiger, neidischer und gekränkter Bruder Kain erschlägt Abel am Ende des ersten Teils.

Der zweite Teil des Werkes erzählt dann Stationen aus dem Neuen Testament, von der Geburt Jesu, über die Kreuzigung bis zur Auferstehung und darüber hinaus.

Burggrabe verbindet seine Musik immer auch mit anderen Künsten. Im Fall von LUX IN TENEBRIS setzt er gewaltige Lichtkunst und gewaltige Lyrik ein.

Insgesamt sind über 150 Künstler bei LUX IN TENEBRIS beteiligt. Vier Chöre verkörpern die Menschen als Gemeinschaft, die auf die Erzählungen des Oratoriums reagiert und damit selbst die Handlung weiterführt.

Hauptprotagonist: das Licht

LUX IN TENEBRIS versteht den Brudermord von Kain und Abel als Urdrama aller Kriege, verbindet den Brudermord in diesem Werk deshalb konkret mit den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, der am 8. Mai in diesem Jahr vor 75 Jahren zu Ende ging.

Aber das Werk bleibt nicht bei den Ursachen von Krieg stehen, sondern bietet eine Vision an, mit der Frieden möglich ist.  Vorausgesetzt, die Menschen orientieren sich am Licht und nicht an der Finsternis.

Die wichtigste Figur in diesem Stück ist: das Licht. Burggrabe lässt es deshalb als Person auftreten.

„Ich bin da

Bis in die eisigste Finsternis und über sie hinaus.

Wer mich mit ganzem Herzen sucht

Wird mich wiederfinden

Ich bin da.“

Helge Burggrabe:

„Bevor ich als Komponist mit der Musik loslege, muss natürlich die Textvorlage da sein. Und da war ziemlich schnell klar, es braucht neue Texte. Und deswegen habe ich Angela Krumpen gefragt: ‚Gib doch bitte diesem Licht eine Stimme.‘ Also in Ich-Form die Menschen anzusprechen hat eine ganz andere Kraft, als wenn man in dritter Person über das Licht nur spricht. Und das ist ja das letztendliche Ziel eines solchen Werkes. Es soll uns berühren über Sprache und auch über Musik.“ 

Musik, Sprache und Lichtkunst

Fünf Solisten treten in LUX IN TENEBRIS auf: Das Licht – als die Stimme des Göttlichen, die im zweiten Teil als Mensch gewordenes Licht zu Jesus wird, der von den Menschen ans Kreuz genagelt und hingerichtet wird. Ein Engel – der Erzähler, Beobachter und Mittler zwischen dem Göttlichen und den Menschen.

Ein Bariton und eine Sopranistin stellen im ersten Teil Adam und Eva dar. Im zweiten Teil stehen sie dann für Mann und Frau im archetypischen Sinne. Komplettiert wird das ganze durch eine Sprechstimme. Ihre Rolle sind nachrichtenartige Passagen und Gedichte von Rainer Maria Rilke bis Hilde Domin. Helge Burggrabe:

„Die Musik selbst hat eine große Bandbreite. Manchmal klingt es gregorianisch, manchmal ist aber auch Percussion dabei oder eben auch ein Sprechchor, wenn es so die Wucht haben soll, wie auf einer Demonstration: ‚Weg mit ihm, tötet ihn‘, das kann nicht einfach so brav gesungen werden, finde ich. Und dann gibt es natürlich ganz leise Stellen, die in Arien dann vorkommen und wenig instrumental begleitet sind oder auch wuchtige, große Stellen, wenn es um die Bombardierung der Stadt geht und wirklich die Kathedralen und die Häuser einstürzen, das muss laut erzählt werden.“

Wie zwischen Licht und Irrlicht unterscheiden?

LUX IN TENEBRIS folgt Adam und Eva auf ihrem Weg. Erforscht, was mit ihnen passiert, als sie das himmlische Paradies, in dem sie ohne Leid, Krankheit oder Tod leben konnten, verlassen mussten. Außerhalb des Paradieses, im Leben auf der Erde mit all seinen Begrenzungen und dem Tod unterworfen, müssen Adam und Eva lernen, dass es verschiedene Lichter gibt. Hinter manchem verheißungsvoll funkelnden Licht verbirgt sich in Wirklichkeit ein Irrlicht, das in Finsternis, Not und Elend führt.

„Das Licht hat uns getäuscht. Es hat uns in die Finsternis geführt. Ein Irrlicht.“ (Auszug aus Lux in Tenebris)

Adam und Eva sind nicht die Einzigen, die sich blenden lassen. Den Menschen will die Unterscheidung von Licht und Irrlicht, von Heil und Unheil nicht gelingen. Dieses Unvermögen führt am Ende des ersten Teils des Werkes zum Brudermord, zu Krieg und Katastrophe. Licht und Engel warnen, selbst mit im Duett vereinten Kräften, vergeblich:

„Ihr irrt im Irrlicht und seid jetzt in der Irre, In der Irre erkennt ihr nichts, nicht Licht und nicht Irrlicht, nicht Gut und Böse, nicht, wie aus Lieben Morden wird.“

 „Wehe, Wehe, dass nicht etwa Kain Abel erschlage.“

„Mein Kind ist tot.“

„Ich bin Opfer und manchmal bin ich Täter“

Alle Warnungen waren umsonst. Kain erschlägt Abel. Fassungslos stehen die Eltern Adam und Eva vor der größtmöglichen Katastrophe, die Eltern ereilen kann: Ihr Kind ist tot. Getötet von ihrem anderen Kind. Verzweifelt fragen sie singend nach ihrer eigenen Verantwortung, fragen sich, ob sie etwa ihren Sohn das Morden, ihre Söhne den Krieg gelehrt haben? Helge Burggrabe:

„Die Grausamkeit eines Krieges kann man mit Musik natürlich nur andeuten. Wichtig war, dass diese Frage, wer ist Kain, wer ist Abel, letzten Endens niemanden entlässt. Und man eigentlich dann übrig bleibt mit dieser tiefen Erschütterung: Ich bin sowohl Kain, ich bin auch Abel. Ich bin Opfer und manchmal bin ich Täter.“

„Es ist genug – ich bin nicht besser als meine Väter – es ist genug.“ (Auszug aus Lux in Tenebris)

Das Licht will den Menschen helfen

Der Krieg und die dunkelste Finsternis hinterlassen zu Tode erschöpfte, ratlose Menschen, die sich doch nach Licht und Frieden sehnen. Aber nicht nur die Menschen leiden. Auch das Licht leidet darunter, dass es zwar immer da ist, die Menschen es aber nicht erkennen können. Das Licht fragt sich, was es anders machen könnte – und findet seine ganz eigene Lösung:

„Welche Not, welch’ Elend!

Sie sehen, fühlen, finden sichmich nicht

Sie haben michsich lichtverlassen.

Ich bin nah, näher als sie sich selbst je sein werden

und kann doch nicht für sie da sein.

Sie suchen mich als Gestalt.

Ich muss ihnen nachgehen, meinen geliebten Menschen,

um ihnen auf ihrem Weg vorangehen zu können.

Ich will ihnen als Mensch erscheinen,

damit sie mich durch sich leuchten lassen können.“

Mit dieser Wendung beginnt der zweite Teil von LUX IN TENEBRIS. Die Erzählung verlässt das Alte Testament. Im zweiten Teil erzählt Burggrabes Werk Geschichten aus dem Neuen Testament, beginnt dabei mit Weihnachten. Dem Fest von dem die Christen glauben, dass in der Gestalt Jesus das göttliche Licht in die Welt kommt. Die Tenorstimme zitiert nun als Jesus ein zentrales Wort aus dem Johannesevangelium: Ich bin das Licht der Welt:

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
(Johannes 8,12)

Alles, was das Licht will, ist die Menschen wie ein Polarstern über das Meer ihres Lebens zu bringen. Im Frieden. Das geht nur, wenn die Lichtfunken auf die Menschen überspringen. Helge Burggrabe:   

„Der Funke springt über, wenn wir selbst ins Handeln zu kommen, wenn wir Licht tatsächlich Leben in die Welt bringen, wenn wir es schaffen, dem, der hungert essen zu geben, wer durstet, dem gebt zu trinken, wer der Feind ist, den zu lieben. Und so mündet das dann eben in das Johannes Wort: ‚Wer in der Liebe bleibt, bleibt im Licht und das Licht in ihm.‘“ 

Eigentlich könnte alles gut sein

Eigentlich könnte ja jetzt alles gut sein. Das Licht, das immer da ist, hat mit dem neuen Anfang zu Weihnachten und der Geburt Jesu den Menschen einen neuen Weg gezeigt. Vorbildlich, also in des Wortes wahrer Bedeutung, geht Jesus diesen Weg voran. Die Menschen können mit ihm gehen, zuhören, zuschauen, dabei sein, miterleben, wie sich Menschen und die Welt ändern, wenn jemand wirklich die Liebe an die erste Stelle im Leben setzt.

Die Menschen können erleben, dass es dann heller, wärmer und das Leben ganz anders werden kann. Die Menschen können sich anstecken lassen und eigene Erfahrungen sammeln. Wie gesagt, eigentlich könnte jetzt alles gut sein.

Aber erstmal wird nichts gut. Was Jesus lehrt halten einflussreiche Priester für Irrlichter. Oder eine Irrlehre. Gerade haben die Menschen Jesus noch gefeiert und bejubelt, da schlägt die Stimmung um.
Ein Mob bildet sich, der seinen Tod fordert:

„Weg mit ihm, tötet ihn, weg mit ihm, kreuzigt ihn!“ 

So gibt es scheinbar kein Happyend. Jesus, der doch gekommen ist, um das Licht so zu verkörpern, dass alle ihm nachfolgen können, wird hingerichtet.

Wie die Menschen die Finsternis besiegen können

Die Menschen haben nichts, oder, zumindest, zu wenig verstanden. Die Menschen liebten die Finsternis, die Angst vor Veränderung, die Angst vor der Liebe mehr, als das Licht. Wieder schreit eine Mutter abgrundtief verzweifelt:

„Mein Kind ist tot! Mein Kind ist tot!“

Sind wir Menschen also verdammt, die Geschichte von Mord und Totschlag, bei allem, was uns ängstigt oder erschrickt, was wir ablehnen und auf keinen Fall haben wollen, immer und immer um ein neues Kapitel fortzuschreiben? Nein, widerspricht LUX IN TENEBRIS, die Menschen können die Finsternis besiegen, sie können den Brudermord abwenden, sie können das Licht durch sich leuchten lassen.  

LUX IN TENEBRIS schildert die Erfahrung des leeren Grabes an Ostern, die die Christen mit der Auferstehung feiern. Jesus bleibt für seine Freundinnen und Freunde und für alle Menschen, die ihm nachfolgen, weiter erfahrbar! Das Licht bleibt in der Welt, besiegt selbst den Tod. Im Oratorium folgt auf die Ostererzählung ein Gedicht der großen Hilde Domin. Ein Gedicht, von dem Helge Burggrabe sagt, es sei wie geschrieben worden für sein Werk.

Dieses Gedicht, „Abel steh auf“, kommt mit der Geschichte von Kain und Abel zurück auf Krieg und Frieden. Und auf die hunderten von Entscheidungen, vor der jeder Mensch jeden Tag im Kleinen steht und die im Großen über Krieg und Frieden, Tod und Leben entscheiden.

Als Kain in der biblischen Erzählung auf den Brudermord angesprochen wird, zuckt er gleichgültig die Schultern und antwortet mit der Frage:

„Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“

An dieser Stelle wechselt Hilde Domin so schlicht wie kunstvoll die Perspektive, lenkt den Focus von Kain, dem Täter, auf Abel, das Opfer:

„Abel steh auf

es muss neu gespielt werden

täglich muss es neu gespielt werden

täglich muss die Antwort noch vor uns sein

die Antwort muss ja sein können

wenn du nicht aufstehst Abel

wie soll die Antwort

diese einzig wichtige Antwort

sich je verändern

wir können alle Kirchen schließen

und alle Gesetzbücher abschaffen

in allen Sprachen der Erde

wenn du nur aufstehst

und es rückgängig machst

die erste falsche Antwort

auf die einzige Frage

auf die es ankommt

steh auf

damit Kain sagt

damit er es sagen kann

Ich bin dein Hüter

Bruder“

LUX IN TENEBRIS bietet mit Hilde Domin eine neue Vision des Friedens. Der Schlüsselsatz, die neue Perspektive, der alles entscheidende Satz lautet: „Ich bin Dein Hüter, Bruder.“  Wenn wir weiter wie Kain gleichgültig mit den Schultern zucken und weiter gleichgültig fragen: „Ja, bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ – dann haben wir keine Chance.

Eine Chance haben wir nur, wenn wir lernen uns als Hüter aller unserer Geschwister zu begreifen und lernen diese Geschwister zu lieben.  

Oratorium wird im Internet übertragen

In der Erschütterung durch die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, gelang es den Menschen in Europa in einer wahren Sternstunde ihr Zusammenleben demokratisch und freiheitlich neu zu ordnen. Frieden und Freiheit, die nun schon 75 Jahre währen.

Aus diesem Anlass sollte eigentlich das Oratorium LUX IN TENEBRIS am 7. und 8. Mai, also 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Kölner Dom aufgeführt werden. Aufgrund der Corona-Krise ist die Veranstaltung abgesagt worden. Doch es ist zu erwarten, dass das Oratorium zu einem späteren Zeitpunkt aufgeführt wird. Dann soll das Ereignis im Internet live gestreamt werden. Das Signal kann dann überall für eigene Gedenkveranstaltungen genutzt werden.

Wie unsere Geschichte in Europa weitergeht, entscheiden wir. Alle. Gemeinsam. Wenn unsere Geschichte in Freiheit und Frieden weitergehen soll, darf der Engel nicht länger, wie im ersten Teil von LUX IN TENEBRIS, vergeblich singen.
Auf das Licht können wir uns dabei verlassen.

„Ich war immer da.

Ich bin immer da.

Ich werde immer da sein.

In allen Welten, zu allen Zeiten.

Ich bin.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

LUX IN TENEBRIS - Ein Oratorium für den Frieden

für Sopran, Alt, Tenor, Bass, Sprechstimme, Streichquartett, Bläsertrio, Schlagwerk, Orgeln, Schola und Chöre von Helge Burggrabe 

Die Musikbeispiele der Sendung entstammen dem Konzertmitschnitt der Uraufführung im Hildesheimer Dom im Jahr 2015, der als Doppel-CD vorliegt. Ausführende sind Geraldine Zeller (Sopran), Anne Bierwirth (Alt), Manuel König (Tenor), Stephan Freiberger (Bariton), Elbtonal Percussion (Schlagwerk), Alberti-Quartett, Bläsertrio, Chöre der Hildesheimer Dommusik, Helmut Langenbruch und Georg Oberauer (Orgeln) unter der Leitung von Dommusikdirektor Thomas Viezens und Domkantor Dr. Stefan Mahr.

Weitere Informationen zum Oratorium und CD-Bestellmöglichkeit unter www.burggrabe.de.

Kurze Filmabschnitte unter www.youtube.com/musicainnova


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Dieser Beitrag wurde am 29.03.2020 gesendet.


Über die Autorin Angela Krumpen

Angela Krumpen arbeitet als freie Hörfunkjournalistin, Moderatorin und Autorin. Ihre Bücher, Feature und Geschichten haben sie ins Exil der Tibeter, in die Slums von Chile, den Holocaust und die rettende Welt der Musik und ins Herz von Afrika, in Völkermord und Versöhnung in Burundi geführt. Kontakt: www.angela-krumpen.de

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