Wort zum Tage, 21.03.2020

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Grüßen

Vor Kurzem ist mir was sehr Schönes passiert. Mit meinem Team der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR war ich auf einem Betriebsausflug im schwäbischen Hechingen. Bei der Stadtführung abends war es so aasig kalt, dass wir uns in ein Lokal geflüchtet haben. Und wie es sich halt manchmal so ergibt, bekam ich den Platz direkt neben der Ausgangstür. Mist, dachte ich, jetzt geht es mit der Kälte grad so weiter. Und es war auch ein reges Kommen und Gehen, die Tür ging permanent auf und zu. Was mir aber erstaunlicherweise nichts ausgemacht hat. Im Gegenteil es war eine so schöne wie seltene Erfahrung. Weil jeder und jede, die dieses Lokal betreten oder verlassen hat, mich freundlich gegrüßt hat. Das hab‘ ich so noch nie erlebt. Erst recht nicht in letzter Zeit.

Ich habe den Eindruck: Grüßen, dieser minimalste Ausdruck von guten Manieren ist zur Seltenheit geworden. Ich sitze im Flugzeug und jemand wuchtet sich in den Sitz neben mich ohne ein Wort, ohne ein Blick, und das wo man doch im Flieger so dermaßen eng nebeneinander sitzt. Auf der Straße, Menschen, die einen flüchtig kennen gehen ohne ein „Muh“ oder ein „Mäh“ an einem vorbei. Oder sind bewusste „Zweitgrüßer“, das heißt, sie warten ab ob der andere zuerst grüßt und reagieren erst dann. Oder zu viele Kinder scheinen es heute nicht mehr zu lernen, dass man Bekannte, Nachbarn oder ältere Menschen freundlich grüßt. Was ist es nur, dass viele Menschen so unpersönlich, so anonym und auch unhöflich geworden sind?

Natürlich gibt es den Unterschied zwischen Stadt und Land. Dass man in der Stadt nicht jeden grüßen kann der an einem vorbeiläuft ist klar. Und auch, dass man sich auf dem Land, wo man sich noch kennt, eher grüßt. Und natürlich verhindern auch die allgegenwärtigen Handys diese Mindestform an Kontaktaufnahme. Durch den gesenkten Blick oder die Zustöpselung die den digitalen Menschen von seiner realen Umwelt abschottet.

An dem Abend neben der Tür in Hechingen ist mir aufgefallen, wie viel wir verloren haben in unserem Alltag. Diesen wohltuenden, emotionalen Dreiklang von Wahrnehmung, Würdigung und Wertschätzung den ein freundlicher Blick oder ein Gruß auslöst.  Auch und gerade in der Fremde oder wenn Menschen sich fremd sind. Es kostet doch nichts und tut auch nichts anderes als gut: Ein freundliches Grüß Gott, guten Tag oder Ade.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 21.03.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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