Wort zum Tage, 20.03.2020

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Seelennahrung

Seelennahrung, ein Wort das ich sehr mag. Es ist scheinbar abstrakt und doch so konkret. Mit dieser unfassbaren Seele und der so fassbaren Nahrung. Kann also die Seele essen? Nein, aber auch sie hat Hunger, in Form von Bedürfnissen, Hoffnungen und Nöten. Und die Bedürfnisse können gestillt, die Hoffnungen erfüllt und die Nöte gelindert werden, das ist dann Seelennahrung.

Doch wie könnte die konkret aussehen? Ich denke da gibt es zweierlei Nahrung. Die Seelennahrung, die ich mir selbst geben kann und die, die ich nur von anderen bekommen kann. Mir selbst kann ich die Seele nähren, wenn ich zur Ruhe komme, eine Pause mache, innehalte und die Welt und mich selbst richtig wahrnehme. Bei einem Spaziergang zum Beispiel. Denn Bewegung tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch der Seele. Bei Sorgen und Problemen, weil die Bewegung den Fluchtreflex bedient und so Ängste lindern kann.

Und auch bei Arbeitsüberlastung tut das Gehen oder Laufen gut, weil es den Horizont weitet und den Kopf frei macht. Seelennahrung ist auch, wenn ich etwas tue, bei dem ich mich vergessen kann und dadurch ganz bei mir selbst bin: ein Musikinstrument spielen, etwas handwerken oder schreiben.

Meine Seele bekommt auch Nahrung durch die Natur, wenn ich sie sehe, höre und rieche. Im Wald, im Park, im Garten. Und nicht zuletzt bekommt meine Seele auch Nahrung, wenn ich mich öffne für Gott. Meinen unruhigen Geist abschalte, alle technischen Kommunikationsmittel ausschalte und versuche in die Stille zu kommen. In die Stille, die mich zu mir selbst führt und über mich hinaus. Es gibt aber Menschen, die all das nicht können oder nicht mehr können. Oder es gibt Phasen in denen das alles nicht mehr geht. Dann ist es ein großes Glück, ja ein Geschenk, wenn es Menschen gibt, die Anderen Seelennahrung geben. Durch eine Hand, die hält oder streichelt. Durch ein offenes Ohr, für jemanden, dem lange nicht zugehört wurde. Durch ein gutes Wort, wenn jemand traurig ist oder verzweifelt.

Wenn jemand aus der Einsamkeit geholt wird oder aus einem Übermaß an Arbeit. Oder wenn jemand zu einem geht, der es braucht. Einfach nur da ist, bei ihm ist ohne viel zu reden. Wenn das zwischen zwei Menschen geschieht, dann ist das etwas vom Schönsten, das es gibt. Weil es beiden gut tut. Dem einen tut es gut, sich wieder gut oder besser zu fühlen. Und dem anderen tut es gut, gut zu tun. Oder anders ausgedrückt: Einer gibt, der andere nimmt und beide werden satt.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 20.03.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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