Wort zum Tage, 19.03.2020

von Martin Korden, Köln

So viel Fastenzeit war noch nie

So viel Fastenzeit wie jetzt war noch nie. Die Corona-Krise mit den erzwungenen Maßnahmen trifft uns in den Wochen der christlichen Fastenzeit. Die Zeit im Jahr, in der den Christen empfohlen ist, ihren Alltag von allzu viel Alltag zu befreien: Um stattdessen ruhig zu werden und nach innen zu horchen. Und dabei zu erkennen, wo vielleicht wichtige Kurskorrekturen anstehen. Und nicht zuletzt, um dabei auch Gottes Willen für mein Leben zu entdecken, seinen Anruf an mich.

Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch: Ich will die Corona-Krise hier nicht als „Wink Gottes“ verstanden wissen. Nein, diese Zeit der Krise ist vor allen Dingen eine enorme Belastung, sie bedeutet für viele Menschen Not und Leid und wird und alle noch lange beschäftigen.

Ich werde deshalb in diesen Tagen beten: Beten, dass Gott uns zur Hilfe komme. Dass er denen Kraft schenke, die als Helfer unermüdlich im Dienst sind. Dass er denen beistehe, die vom Virus schwer getroffen werden. Dass er diejenigen, die daran sterben, aufnehmen möge in sein Licht.

Und ich bete auch darum, dass Gott uns alle begleiten möge durch diese Wüstenzeit.Viele Menschen – vor allem in längst vergangenen Zeiten – suchten tatsächlich die Wüste auf, um ihr Leben für eine gewisse Zeit radikal einfach zu gestalten: Runterzufahren, um dann in einer wichtigen Frage eine Antwort zu finden, oder um den abhanden gekommenen Sinn ihres Lebens zu suchen. Und ja, auch um Gott in ihrem Leben zu finden. Um zu sehen, ob er da ist.

Ich meine daher, dass in diesen Wochen der Extremsituation für viele auch eine Chance liegt. Nämlich: Die vor uns liegende Wüste zu durchqueren, indem ich die Zeit strukturiere und dabei mich selbst wahrnehme. Dann nämlich kann ich in diesen Tagen vieles erkennen, zum Beispiel was mir in meinem Leben unsagbar wertvoll ist – und mir derzeit eben so schmerzlich entzogen.

Genauso klar sehe ich dann auch, was ich nicht vermisse in diesen Tagen und worüber ich fast schon erleichtert bin, dass ich darauf verzichten darf. Und dann sind da auch die Menschen, um die ich mir in diesen Tagen besonders Sorgen mache. Gerade jetzt kommen Erinnerungen hoch, die mir auf so überraschend deutliche Weise klar machen, wer wirklich zählt in meinem Leben, wo Liebe im Spiel ist.

So wünsche ich uns allen, dass wir diese Tage bewusst angehen können, dass wir aufeinander achten und solidarisch sind. Dass wir in der Ohnmacht, die wir dabei spüren, vielleicht auch wieder neu lernen zu vertrauen. Und vor allem wünsche ich uns, dass wir gut durch diese Zeit kommen – mit Gottes Hilfe.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 19.03.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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