Wort zum Tage, 18.03.2020

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Sich trauen zu trauern

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 900.000 Menschen. Aber irgendwie kriegt man das gar nicht mit. Wenn man nicht im Krankenhaus, im Altenpflegeheim, beim Friedhof oder als Bestatter arbeitet. Und irgendwie kriegt man auch die Trauer der Angehörigen nicht mit. Bei 900.000 Verstorbenen im Jahr müssten doch theoretisch auch mindestens 900.000 Menschen trauern. Wenn nicht mehr!

Aber man sieht sie nicht. An der Kleidung zum Beispiel erkennt man die Trauer so gut wie nicht mehr. Nur noch selten werden schwarze Kleider als äußere Zeichen der Trauer getragen. Und man spürt die Trauer auch oft nicht. Weil viele Menschen nicht trauern können. Weil sie sich keine Zeit dafür nehmen können oder wollen. Und manche trauen sich nicht zu trauern, weil es zu weh tut oder weil Menschen in ihrem Umfeld nicht damit zurechtkommen.

Unsere Seele braucht aber die Trauer, damit wir den Menschen, den wir loslassen müssen, auch wirklich gehen lassen können. Sie beginnt mit dem Schock, mit dem Leugnen-Wollen dieser unfassbaren Realität, die wir Tod nennen. Meistens versuchen wir dann uns zusammen zu nehmen, wieder Kontrolle über uns selbst und den Alltag zu bekommen. Dabei helfen die Trauerfeiern und auch die ganzen Formalitäten, die ein Todesfall mit sich bringt. Nach denen aber oft ein großes Loch kommt bevor das Leben wieder einigermaßen normal wird. All das braucht Zeit. Zeit zum Weinen, zum Lachen, zum Erinnern und auch zum zwischenzeitlichen Vergessen. Denn man kann und darf auch nicht dauernd trauern. Sonst wird man chronisch traurig. Darum ist es auch gut, sich den eigenen Gefühlen zu überlassen und nicht den Vorstellungen, Erwartungen oder den Ängsten anderer Menschen.

Wenn die Traurigkeit kommt, sie kommen lassen. Und wenn sie geht, sie gehen lassen. Trauer ist wie das Meer. Sie kommt in Wellen. Am Anfang eine riesige Welle, die einen mit Wucht umwerfen kann. Manchmal kommt sie von ganz unerwarteter Seite und dann ist sie auf einmal weg, Windstille als ob nichts gewesen wäre. Und dann irgendwann werden die Wellen weniger und kleiner. Aber selbst wenn man meint, dass man nun endgültig in ruhigen Gewässern ist, kann nochmal eine Welle kommen. Das ist normal, das gehört dazu, wenn man liebt. So ist die Trauer. Wie das Meer.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 18.03.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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