Wort zum Tage, 17.03.2020

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Liebeserklärung an eine Tote

Liebe ein Leben lang. Wer wünscht sich das nicht. Und ja, es gibt sie noch, die großen Lieben, die ein Leben lang halten. Trotz aller Beziehungskrisen und Scheidungsraten. Aber sie werden halt nicht so an die große Glocke gehängt und wenn, dann gleich so hoch auf einen Sockel gestellt, dass sie so einmalig wie unerreichbar scheinen.

Darum hat es mich gefreut und auch berührt, als ich in einer Radiosendung eine ganz wunderbare, Liebeserklärung gehört habe. Weil sie so beiläufig wie schön war. Der Künstler Christo, in Deutschland vor allem durch die Verhüllung des Reichstages bekannt – hat in einem Interview immer wieder von seiner Frau gesprochen. Das ist ja erst einmal nichts Ungewöhnliches. Er hat aber immer im Präsens, in der Gegenwartsform von ihr gesprochen, was auch noch nichts Ungewöhnliches wäre, wenn sie zum Zeitpunkt des Interviews nicht schon lange tot gewesen wäre.

Christos Frau Jeanne-Claude ist im November 2009 gestorben. Und ihr Mann hat von ihr gesprochen, als sei sie noch da gewesen. Er hat von Projekten gesprochen, die sie noch machen wollen, er hat von „wir" geredet, wo doch nur noch er am Leben war. Sie war in diesem Interview, das mit Christo allein geführt wurde, irgendwie anwesend. Und zwar die ganze Zeit.

Man könnte jetzt natürlich sagen, dass er es noch nicht verinnerlicht hatte, dass seine Frau nicht mehr lebt, oder dass er es einfach nicht wahrhaben wollte. Aber wenn man weiß, dass Christo und Jeanne-Claude im selben Jahr und am selben Tag geboren wurden, dass sie wegen ihrer Liebe lange in Armut leben mussten, dass sie 47 Jahre verheiratet waren und fast alles gemeinsam gemacht haben, in der Kunst wie im restlichen Leben, dann versteht man, dass der Tod dieses Paar nicht trennen kann.

Und vielleicht passt das ja auch zu ihrer Art von Kunst. Nicht nur, weil sie jahrzehntelang all ihre Kunstwerke gemeinsam geplant, finanziert und durchgeführt haben. Sondern weil der Kern ihrer Kunst das Enthüllen durch die Verhüllung war. Dadurch, dass sie Gegenstände, Teile der Natur oder Bauwerke eine Zeitlang verhüllten, wollten sie auf den inneren Wert von Dingen, Bauwerken und der Natur hinweisen. – Und vielleicht ist der Tod ja auch nur eine Verhüllung, die uns das so intensiv enthüllt, was uns über ihn hinaus verbindet: die Liebe.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 17.03.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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