Morgenandacht, 26.03.2020

von Schwester Melanie Wolfers SDS, Wien

Ein Lächeln, das geweint hat

In einem Buch von Max Frisch las ich von einem Lächeln, das einen Menschen aufatmen lässt. Dort heißt es:

„Es ist ein fast unmerkliches Lächeln, das den Partner von vielem Getue erlöst. Es lässt ihn sein. Wie rar ist solches Lächeln! Nur wo einer selbst einmal geweint hat und sich selbst zugibt, dass er geweint hat, erblüht so ein gutes, in seinem Wissen sehr präzises […] Lächeln.“

Mich fasziniert diese Beschreibung: ein Lächeln, dem man die geweinten Tränen ansieht. Eine Heiterkeit, in der Freude und Trauer Platz haben, Lachen und Weinen, Singen und Klagen. Eine solch‘ geerdete, ja ich möchte sagen: eine solch‘ weise Heiterkeit ist gar nicht einfach in einer Gesellschaft, die länger anhaltende Traurigkeit gleich für den Beginn einer Krankheit hält.

Aber die Erwartung, dass das Leben pausenlos aus angenehmen Erfahrungen besteht, lässt alle, die sich unglücklich fühlen, gleich dreifach leiden: Erstens fühlen sie sich unglücklich. Zweitens müssen sie sich Vorwürfe anhören, dass sie nicht genügend für ihr Glück investieren. Und drittens tendieren viele dazu, sich selbstkritisch zu beäugen, denn: „Alle anderen sind glücklich, bloß ich nicht! Was mache ich nur falsch?“ Es klingt paradox, trifft aber zu: Viele wären glücklicher, wenn sie auch mal unglücklich sein dürften!

Denn es gibt gute Gründe, traurig zu sein! Ein realistischer Blick zeigt die Unausweichlichkeit des Leidens. Vieles, was unglücklich macht, bricht ungefragt über einen herein: etwa der Verlust des Arbeitsplatzes oder ein schwerer Unfall …

Traurig-Sein kann aber auch damit zusammenhängen, dass man eine Situation verfehlt hat. Etwa wenn jemand die Gelegenheit verpasst hat, einer anderen Person seine Liebe zu gestehen. Vor allem aber meldet sich Trauer zu Wort, wenn wir uns von einem vertrauten Menschen verabschieden. Und wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann weicht die Trauer darüber oft viele Jahre nicht von unserer Seite.

Es zeigt sich: Es gibt gute Gründe, traurig zu sein! Die Fähigkeit, traurig sein zu können, ist daher nicht der Beginn einer Krankheit, sondern ein Zeichen von seelischer Gesundheit! Sie ist ein Zeichen von Realismus und einem wahrhaftigen Blick auf die Wirklichkeit. Natürlich: Es tut weh, unglücklich zu sein! Trauern schmerzt. Wie kann das Traurig-Sein „glücken“?

Oft werde ich als Ordensfrau gefragt, ob mein Glaube mich vor Schmerz und Trauer schützt. Meine Antwort lautet: Nein! Mir erscheint es als eine nachvollziehbare, aber infantile Versuchung, gegen die eigene Trauer anbeten zu wollen. Wer das Gebet als Sprungbrett ansieht, um seinen bedrängenden Gefühlen zu entkommen, irrt. Denn selbst mit Gottes Hilfe lässt sich kein spiritueller Salto an der eigenen Wirklichkeit vorbei machen. Ganz im Gegenteil: Im Schweigen und Beten meldet sich die innere Not umso lauter zu Wort. Beten konfrontiert mit sich selbst und führt manchmal die Tiefe eines Schmerzes oder der Trauer erst wirklich vor Augen.

Doch im Beten stellt sich bisweilen auch das Ahnen ein, dass ich mit meiner Trauer nicht allein bin. Als ob ich von innen her liebevoll angeschaut würde. Vertrauen keimt auf, dass ich die schmerzhaften und absurden Erfahrungen nicht bis ins Letzte verstehen oder bewältigen muss. Sie dürfen fremd und beängstigend bleiben – in der Hoffnung, dass alles eingebettet ist in ein À-Dieu, in ein „Zu-Gott“. In einen unbegrenzten göttlichen Zusammenhang, der Leben und Liebe verspricht.

Als ein Mensch, den ich sehr liebte, im Sterben lag und mir À-Dieu sagte, lag ein heiteres Lächeln auf seinem Gesicht. Ein Lächeln, dem man ansah, dass es auch geweint hatte. Ein Lächeln, aus dem ein erfülltes Leben sprach.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 26.03.2020 gesendet.


Über die Autorin Dr. Melanie Wolfers

Dr. Melanie Wolfers, geb. 1971, ist Philosophin und Theologin. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene, auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Die Seelsorgerin ist Autorin zahlreicher Bücher, Speakerin und SPIEGEL-Bestellerautorin.  Kontakt
Internet: www.melaniewolfers.de

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