Morgenandacht, 23.03.2020

von Martin Korden, Köln

So viel Fastenzeit war noch nie

Wissen Sie noch, was Sie heute vor 10 Tagen gemacht haben? Wahrscheinlich sind Sie ganz normal zur Arbeit gegangen, haben sich mit Freunden getroffen, ihren Alltag gelebt eben – so normal, dass Sie spontan jetzt gar nicht sagen können, was heute vor 10 Tagen war. Es war alles noch so selbstverständlich. Doch nun ist ALLES eben anders, so sehr, dass man selbst gar nicht mitkommt.

Ein Freund aus der Kirchengemeinde sagte mir:

„So viel Fastenzeit wie jetzt war noch nie.“

Die Corona-Krise mit den erzwungenen Maßnahmen des persönlichen Rückzugs trifft uns in den Wochen der christlichen Fastenzeit. Die Zeit im Jahr, in der den Christen empfohlen ist, ihren Alltag von allzu viel Alltag zu befreien: Also auf Dinge bewusst zu verzichten, die vielleicht der angenehmen Zerstreuung dienen und stattdessen Auszeiten zu suchen. Um ruhig zu werden und nach innen zu horchen. Und dabei zu erkennen, wo vielleicht wichtige Kurskorrekturen anstehen. Und nicht zuletzt, um auf diesem Weg nach innen dann auch Gottes Willen für mein Leben zu entdecken, seinen Anruf an mich.

Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch: Ich will die Corona-Krise hier nicht als willkommene Auszeit preisen oder etwa als „Wink Gottes“. Nein, diese Zeit der Krise ist vor allen Dingen eine enorme Belastung, sie bedeutet für viele Menschen Not und Leid. Diese Zeit wird Opfer fordern und Auswirkungen, die unsere Welt und unser je eigenes Leben noch lange beschäftigen werden.

Ich werde deshalb in diesen Tagen beten: Dass Gott uns zur Hilfe komme. Dass er denen Kraft schenke, die als Helfer unermüdlich im Dienst sind. Dass er denen beistehe, die vom Virus schwer getroffen werden. Dass er diejenigen, die daran sterben, aufnehmen möge in sein Licht.

Und ich bete auch darum, dass Gott uns alle begleiten möge durch diese Wüstenzeit. Viele Menschen vor allem in längst vergangenen Zeiten suchten tatsächlich die Wüste auf, ganz bewusst, um sich zurückzuziehen. Um ihr Leben für eine gewisse Zeit radikal einfach zu gestalten, runterzufahren, um gerade dadurch aus einer Lebenskrise heraus zu kommen; um in einer wichtigen Frage eine Antwort zu finden, oder um den abhanden gekommenen Sinn Ihres Lebens zu suchen; und ja, auch um Gott in ihrem Leben zu finden. Um zu sehen, ob er da ist. 

Ich meine daher, dass in diesen Wochen der Extremsituation für Viele auch eine Chance liegt. Nämlich: die vor uns liegende Wüste zu durchqueren. Die Zeit zu gestalten. Nicht etwa, mithilfe der vielen Streaming-Dienste, die dabei helfen können, die kommenden Wochen schon irgendwie verstreichen zu lassen. Sondern indem ich das immer Gleiche dieser Tage und auch das Belastende darin bewusst annehme. Indem ich die Zeit strukturiere und dabei mich selbst wahrnehme. Dann nämlich kann ich in diesen Tagen vieles erkennen, zum Beispiel was mir in meinem Leben unsagbar wertvoll ist, und mir derzeit eben so schmerzlich entzogen.

Genauso klar sehe ich dann auch, was ich nicht vermisse in diesen Tagen und worüber ich fast schon erleichtert bin, dass ich darauf verzichten darf. Und dann sind da auch die Menschen, um die ich mir in diesen Tagen besonders Sorgen mache. Gerade jetzt kommen Erinnerungen hoch, die mir auf so überraschend deutliche Weise klar machen, wer wirklich zählt in meinem Leben, wo Liebe im Spiel ist.

So wünsche ich uns allen, dass wir diese Tage bewusst angehen können, dass wir aufeinander achten und solidarisch sind. Dass wir die Krise wie eine auferlegte Prüfung angehen und in der Ohnmacht, die wir dabei spüren, vielleicht auch wieder neu lernen zu vertrauen. Und vor allem wünsche ich uns, dass wir gut durch diese Zeit kommen – mit Gottes Hilfe.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 23.03.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche