Morgenandacht, 25.03.2020

von Schwester Melanie Wolfers SDS, Wien

Check-In bei sich selbst

„Du hast null Freunde!“ In großen Lettern blinkte mir diese Nachricht entgegen, als ich aus beruflichen Gründen eine Facebook-Seite eröffnete. Keine erfreuliche Ansage! Doch glücklicherweise schloss sich unmittelbar die Ermutigung an: „Wir helfen dir, Freunde zu finden.“ Ich bin auf dieses Angebot von Facebook ebenso wenig eingegangen wie ich der Null-Freunde-Aussage Glauben geschenkt habe. Aber ich wurde nachdenklich: „Melanie, du weißt um Freunde an deiner Seite, auf die du bauen kannst, und die sich auf dich verlassen können. Doch wie sieht es im Umgang mit dir selbst aus? Wie kommst du mit dir selbst klar? Bist du – im Großen und Ganzen – mit dir und deiner Geschichte befreundet?“

Diese Frage zu stellen lohnt sich! Denn ich selbst bin die Person, mit der ich lebenslang zusammenlebe. Manchmal fühle ich mich wohl in meiner Haut und manchmal finde ich es ziemlich anstrengend, ‚Ich‘ zu sein. Und das gilt für jeden Menschen: Von morgens bis abends, vom ersten bis letzten Atemzug verbringen wir in unserer eigenen Gesellschaft. Daher gehört es zum Wichtigsten im Leben, mit sich selbst Freundschaft zu schließen!

Doch wie geht das, mit sich selbst befreundet zu sein?

Eine zwischenmenschliche Freundschaft lebt vom wohlwollenden Interesse aneinander und davon, gemeinsam Zeit zu verbringen. Ich meine: In ähnlicher Weise gilt dies für die Freundschaft mit sich selbst. Es braucht zuallererst ein waches Interesse an der eigenen Person. Manch einer denkt vielleicht: „Was soll denn daran besonders sein? Jeder und jede ist sich selbst die Nächste und schaut auf sich.“ Doch sich selbst mehr kennenlernen zu wollen ist alles andere als selbstverständlich! Zwar seufzen viele sehnsüchtig: „Hätte ich doch mehr Zeit für mich!“, doch häufig setzen sie ihren Wunsch nicht in die Tat um. Karl Valentin bringt es launig auf den Punkt: „Morgen gehe ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich zu Hause!“

Wie entschlossen jemand ist, in Tuchfühlung mit sich selbst zu kommen, zeigt sich darin, ob er oder sie sich tatsächlich Zeit und Aufmerksamkeit schenkt.

Ein kleiner Realitätscheck: Pflege ich eine Kultur des Rückzugs und der Selbstreflexion? Schenke ich den verschiedenen Stimmen in mir Gehör: der Sprache des Körpers und der Gefühle, der Träume und Ängste? Lausche ich auf die substanziellen Fragen, die auftauchen, wenn ich mit mir allein bin?

Wer regelmäßig bei sich selbst eincheckt, öffnet die Tür zu einem Leben in Freundschaft mit sich. Es braucht den Rückzug in die Stille, um Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Um weniger gelebt zu werden und mehr das eigene Leben zu führen.

Was passiert, wenn nichts passiert? Wenn Schweigen zur Stille wird? Stille hat eine beruhigende und heilende Kraft. Die Stimmen, die etwas von einem wollen, verstummen: Die Stimme des Ehrgeizes oder die Angst, nicht zu genügen. In der Stille lässt sich erleben: Ich darf einfach da sein, ohne etwas leisten oder machen zu müssen. Nichts und niemand will etwas von mir – nicht einmal ich selbst.

In dem Maß, in dem wir den „inneren Raum der Stille“ aufsuchen, werden wir bei uns selbst ankommen. Ich persönlich erlebe dies auch als ein spirituelles Geschehen: Wenn ich näher zu mir selbst finde, erahne ich zugleich einen umfassenderen Grund, der mich und alles von innen her trägt. Und umgekehrt: Je mehr ich in Berührung komme mit dem göttlichen Geheimnis, umso mehr komme ich in Kontakt mit mir selbst und der Welt.

Bernhard von Clairvaux bringt diesen inneren Zusammenhang so auf den Punkt: „Geh deinem Gott entgegen bis zu dir selbst.“

Vgl. Melanie Wolfers, Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, adeo-Verlag 4. Auflage 2019, 20-32.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 25.03.2020 gesendet.


Über die Autorin Dr. Melanie Wolfers

Dr. Melanie Wolfers, geb. 1971, ist Philosophin und Theologin. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene, auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Die Seelsorgerin ist Autorin zahlreicher Bücher, Speakerin und SPIEGEL-Bestellerautorin.  Kontakt
Internet: www.melaniewolfers.de

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