5. Fastensonntag, Misereor-Sonntag

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche Hl. Johannes XXIII., Köln

Predigt von Pfarrer Ralf Neukirchen

Liebe Schwestern! Liebe Brüder – an den Radiogeräten hier in Köln und in ganz Deutschland!

„Wie man in den Wald hineinruft – so schallt es heraus!“

Nicht immer. Denn Grabesruhe "verweigert" jedes Echo. Ich frage mich: Was hat Lazarus eigentlich gehört, unten im Grab - als Jesus dort hineinrief? Und „was“ kam heraus?

1999 war ich drin – im Grab des Lazarus. Nahe bei Jerusalem. Eine Steintreppe, wenige Meter tief, führte in die kleine Grabkammer. Dort unten beschlich mich ein Gefühl von Grabesstimmung. Der Raum dunkel und eng. Ich dachte: Hier bist Du ins Aus gesetzt. Unerreichbar. Allein. Ich hab gefroren im Grab. Hier wollte ich nicht bleiben. Es fühlte sich gut an, wieder hinauf in das warme Tageslicht steigen zu können.

Oben angekommen fragte ich mich: Wie mögen die Worte Jesu dort unten geklungen haben? Im Johannesevangelium steht: Jesus schrie!

Daniel Hanna ist Diakon unserer syrisch-orthodoxen Nachbargemeinde St. Simon Zaite hier in Chorweiler. In deren Liturgie wird noch die Sprache Jesu gesprochen: Aramäisch. Lieber Diakon Hanna, welche Worte hat Jesus gewählt, als er "...mit lauter Stimme rief: Lazarus, komm heraus!"?

Diakon Hanna: "In der Schrift steht:  Lo` ozor to lbar" –

Pfr. Neukirchen: Mir macht das Gänsehaut! Wörtlich heißt es: "Lazarus, hier hin!"
In unserer Kirche ist das dargestellt. Auf einer Lazarus-Ikone. Sie zeigt den Moment nach dem Schrei Jesu. Am Grab stoßen er und die Trauergemeinde aufeinander. In der Bildmitte: zwei Hände. Die eine zeigt offen auf Jesus. Es ist die Hand eines alten Mannes. Weise wirkt er und lebenserfahren. Die Geste sagt:

Jesus, Lazarus ist tot. Das liegt doch auf der Hand! Finde dich damit ab. Traurig, aber wahr. Gib Ruhe!“

Niemand will durch das Tor des Todes. Aber jeder muss diese Tür öffnen. Das ist traurig, aber wahr! Wirklich? Das kann doch nicht alles sein. Dass irgendeine Krankheit oder Todesleid uns endgültig ins Aus setzt! Wir brauchen jetzt jemanden – dringend – der uns bei der Hand nimmt!

Die zweite Hand gehört Jesus. In ihm kennt Gottes Liebe keine Grenzen! Bei jeder Beerdigung muss ich daran denken, wenn ich ein Grab segne, bei jedem Kranken, an dessen Bett ich stehe.

Mit starker Hand drückt Jesus aus, was in ihm steckt. Er zeigt auf Lazarus, stört die Grabesruhe und schreit ins Grab hinein – dem Tod mitten ins Gesicht. Herr Hanna: "Lo` ozor to lbar"! Jesus kann nicht anders! Aus ihm bricht heraus, was er von Kopf bis Fuß ist: göttliches Leben! Das bringt er! Das tut er! Für seinen Freund Lazarus, aber genauso für uns! Gott gibt keine Ruhe!

Der Diaspora-Jude Aristobul denkt im zweiten Jahrhundert vor Christus darüber nach:

"Niemals ruht der tätige Gott! So, wie es dem Feuer eigen ist, zu brennen, dem Schnee, kalt zu sein, so ist es Gott eigen, tätig zu sein."

Gott tut etwas! Und daran nehmen wir teil!

Aber Jesus will nicht wiederbeleben, wie es Rettungssanitäter tun, sondern "wieder neu beleben!" Vor allem die Hoffnung in uns! Wie oft stehen wir hoffnungslos an Gräbern oder kommen in Situationen wo erstmal „Ende“ ist. Der "Corona-Virus" ist nicht das Ende der Welt. Es bringt uns an Grenzen. Derzeit schränkt es "weltweit" Lebendigkeit ein – aber vieles lebt jetzt auch auf! Mitgefühl, Hilfsaktionen, die Natur, die jetzt bestimmt staunt, wie zurückgefahren der Verkehrsbetrieb jetzt gerade ist... und ich weiß nicht, ob es Ihnen schon klar ist, aber nach dieser Krise wird vieles neu belebt sein. Wir werden unsere Lieben und Freunde anders besuchen..., wir werden einander anders begegnen. Hoffentlich respektvoller und dankbarer...

Aber vergessen wir nicht das Leid und den Kummer, den viele spüren, weil sie sich den Virus eingefangen haben, in Quarantäne sind...und alle, die für sie sorgen! Beten wir für die vielen, die gestorben sind. Allein in Deutschland zur Zeit schon über 430! Und so viele weltweit. Machen wir uns an diesem Misereor-Sonntag auch die große weite Sorgenwelt bewusst!

Denken Sie nur an das tausendfache Flüchtlingsleid. Das Mittelmeer: mittlerweile ein Massengrab. Grenzzäune werden zu Sackgassen. Dabei suchen die, die vor Krieg und Terror flüchten, meistens doch nur einen Rettungsweg in die Sicherheit und den Frieden. Überall liegt Leid und Tod auf der Hand. Es ist zum Heulen. Grabesstimmung.

Gott sei Dank hat die Lazarus-Geschichte einen doppelten Boden! – Sie erzählt davon, was bei Gott auf der Hand liegt: Leben und Frieden! Wieso Frieden? Weil Lazarus und die Trauernden merken: Kein Schicksal kann Menschen bei Gott ins Aus setzen. Keinen lässt er allein. Niemand ist für ihn unerreichbar.

Was will Gott eigentlich? Vielleicht will er dem Menschen einfach nur gerecht werden. Wir empfinden es als ungerecht, dass unsere Lieben und wir einmal das Leben lassen müssen. Der Tod ist unter unserer Würde. Krank sein, leiden, sterben müssen – das gehört zwar zum Leben, es wird uns aber einfach nicht gerecht. Und Unrecht führt früher oder später zu Unfrieden! Grabesstimmung ist keine Lösung.

Frieden kann meines Erachtens nur werden, wenn die Wahrheit ans Licht und die Liebe an den Tag kommt! Und deswegen redet uns Gott heute im Lazarus-Evangelium gut zu.

Was weist uns eigentlich als Christen aus? Dass wir nicht den Mund halten dürfen, wenn es ums Leben geht! Nicht Sterbe-, sondern Lebenshilfe brauchen wir! Das Lazarus-Grab wird da zur Lebensschule aller Gläubigen. Wir sollen die Hoffnung nicht begraben und uns für ein friedliches Miteinander stark machen.

Wie das gehen kann? Vielleicht, indem wir gemeinsam an vier wichtigen Säulen für den Frieden arbeiten: Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe![1]

Wer Wahrheit sucht, Freiheit liebt, Gerechtigkeit achtet und Liebe lebt, der schenkt Würde. Anspruchsvoll ist das schon, aber es macht lebendig!

Das Lied, das Misereor singt, ist Hoffnung! Und unsere Chorweiler Friedensglocke schließt mit ihrem Klang daran an!

Was Jesus ins Lazarus-Grab hineinrief, wissen wir: Komm heraus! Und für Lazarus begann das Leben neu! Das sagt Jesus aber auch – hier & heute – Ihnen an den Radiogeräten und uns wenigen hier in Köln: „Lo` ozor to lbar“Komm heraus!“  Und darauf antworten wir, mit dem Willen, das Leben zu lieben und den Frieden zu suchen.

Deswegen ist das Misereor-Motto nicht „Gib Ruhe!“, sondern: „Gib Frieden!“.

Amen.


[1] Vgl. Enzyklika „pacem in terris“, Papst Johannes XXIII.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 29.03.2020 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche