3. Fastensonntag

 

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Nikolaus, Langeoog

Generalvikar Theo Paul:

Liebe Schwestern und Brüder,

immer wieder treffe ich Menschen, die von den ostfriesischen Inseln fasziniert sind. Sie verbringen schon seit Jahrzehnten dort ihren Urlaub. Sie sind von der Atmosphäre, von den Angeboten begeistert. „Ich kann hier intensiver leben“, sagen sie.

„Intensiv leben“, dazu möchte uns auch der heutige Sonntagsgottesdienst einladen. Das Evangelium berichtet von einer Frau der ersten Stunde, die mit Jesus und Gott starke Erfahrungen gemacht hat. Das mag uns heute erstaunen. Gott, Jesus, christlicher Glaube – eine Quelle für Intensität und Begeisterung? Ist das nicht eine Übertreibung von Schwärmern? Kann Christsein in unserer Erlebnisgesellschaft noch mithalten als ein Angebot für ein intensives Leben?

Schauen wir auf unsere katholische Inselkirche hier auf Langeoog: Sie bekommt eine neue Orgel. „Eine Kirche ohne Orgel ist wie ein Körper ohne Seele“, hat Albert Schweitzer einmal gesagt. Kein anderes Instrument verfügt über so viele Klangfarben, Klanghöhen und Klangtiefen. Fast alle 850 Töne, die ein Mensch hören kann, vermag sie erklingen zu lassen. Die Orgel kann fast alles: brausen, säuseln, klagen, jauchzen, in Ekstase versetzen.

Warum gibt es seit fast 1000 Jahren Orgeln in den Kirchen des Westens? Warum haben sich die kleine Inselgemeinde und viele Gäste darum bemüht, auf Langeoog eine Orgel zu hören? Die Orgel ist für sie wie ein tiefer Brunnen, aus dem sie etwas Lebenswichtiges schöpfen können.

Die Frau am Jakobsbrunnen ist in einer alltäglichen Situation: Wasser schöpfen. Für Frauen im Orient und Afrika bis heute eine schwere körperliche Arbeit. Viele Stunden am Tag verbringen sie damit.

Die Frau kommt also mit einem leeren Krug. In dem biblischen Bericht ist das auch ein Bild für ihr Leben: Leere. Sie hat keine Erwartungen mehr. Und nun wird sie angesprochen: „Gib mir zu trinken!“ Ausgerechnet von einem Fremden. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Männergeschichten hat sie genug gehabt. Jedes Mal eine neue Hoffnung, und dann bittere Enttäuschung. Doch jetzt, bei Jesus, wird alles anders.

Viele Menschen kommen nach Langeoog wegen der gesunden Luft. Auch die Orgel hat mit Wind und Luft zu tun. Sie kann Hilfe sein, das Kreisen um sich selbst aufzubrechen. Wo wir nur noch dicke Luft verspüren, will sie uns den frischen Atem Gottes zuwehen. Sie führt uns aus der Leere der Resignation. Die Orgel macht uns weit. Musik wird zur Quelle der Kreativität und Inspiration. Unser Durst und unsere Sehnsucht münden in den Lobgesang der ganzen Gemeinde.

Dabei hat jede Orgel einen unverwechselbaren Klang, so wie Langeoog eine eigene Süßwasserlinse hat, um den Wasserbedarf der Insel zu stillen. Übrigens findet sich der Brunnen der Insel in dieser Kirche wieder. Der Wasserturm steht in einer Linie mit dem Taufbrunnen dort drüben.

Ob der Klang der Orgel oder das Verweilen am Brunnen: Jesus will uns die Quelle „ewigen Lebens“ erschließen. Er spricht von sich selbst als dem Messias, der gekommen ist, um unseren Lebensdurst zu stillen (vgl. Joh 4,13 f). Der Klang einer Orgel oder das Gespräch am Brunnenrand: Sie wollen unsere Alltäglichkeit durchstoßen auf den Sonntag hin, auf den Tag des Herrn, auf das Leben bei Gott.

Der Jakobsbrunnen in Palästina nahe dem Berg Garizim wird heute von orthodoxen Mönchen verwaltet. Wer dorthin kommt, findet direkt vor dem Brunnen einen alten Taufstein. Mit dem Wasser aus der immer noch sprudelnden Quelle wird die Taufe gespendet. Die Taufe wiederum ist noch immer die Quelle, aus der alle Christen leben. An dieser Quelle treffen wir uns trotz aller Verschiedenheiten durch den Lauf der Geschichte.

Als eine der ersten Frauen hat unser Bischof Franz-Josef Frau Susanne Wübker zur Pfarrbeauftragten ernannt und ihr damit die Leitung der katholischen Gemeinde hier auf Langeoog anvertraut - Susanne: Die Taufe als Quelle, aus der alle Christen leben - wie konkretisiert sich das im Alltag der Kirchengemeinde St. Nikolaus?

Pfarrbeauftragte Susanne Wübker:

Taufe ist Anfang. Unser Kirchturm, der wie ein markantes Alpha die Dünenlandschaft überragt, erinnert uns unaufhörlich daran. Auch bei Hausbesuchen und im Gespräch mit Inselgästen kommen wir immer wieder darauf zurück: Wie herausfordernd es ist, immer neu anzufangen, aber auch wie nötig! Wie sehr merken wir gerade jetzt in der Situation mit dem Corona-Virus! Es ist beeindruckend für mich zu sehen, wie viel Elan Menschen aufbringen für einen Neuanfang.

Anfangsfreude gibt es auch. Wie jetzt bei unserer neuen Orgel, zu der so viele beigetragen haben. Als eine altgediente Langeooger Musiklehrerin bei der Erst-Ton-Feier der frisch aufgestellten Orgel den Kammerton A anschlug, konnten wir hier diese Anfangsfreude auch hören!

Die Taufe muss niemand alleine ausbaden. An den kirchlichen Orten Langeoogs erleben Einheimische und Gäste  Offenheit, Gemeinschaft und Zusammenhalt. Und tragen selbst dazu bei. So wie wir es auch gegenwärtig erfahren. Wie beim sommerlichen Bad im Meer ist für alle Platz. Mögen auch Grenzen verschwimmen – die Taufe eint alle Konfessionen und würdigt und wahrt die Besonderheit jeder einzelnen Lebensgeschichte.

Getauft zu sein heißt auch – angewiesen zu sein. Wir sind dem Leben ausgesetzt. Die Kräfte der Natur, Ebbe und Flut, Sturm und Windstille, machen hier auf der Insel auch äußerlich erfahrbar, was innerlich bewegt. Da zeigen uns auch die Herausforderungen im Umgang mit dem Corona-Virus: Gerade in Krisenzeiten ist es gut, um die Solidarität der anderen zu wissen und ihre Hilfe anzunehmen. Und Gottes Nähe zu spüren, sein Wirken, das sich in der Taufe mit dem Element des Wassers verbindet und in ihm zeigt. Sehr schön drückt das ein Lied im Gotteslob-Anhang der Kirchenprovinz Hamburg aus: Das Lied Nr. 863 - Wasser des Lebens…

Wasser des Lebens, fließe und ströme, du lässt uns wachsen, blühn und gedeihn.
Wasser des Lebens, Wasser des Lebens, Gott stillt den Durst.

Wasser des Todes, Sturzbach und Sintflut, brechen die Dämme, zieh uns heraus.
Wasser des Todes, Wasser des Todes, Gott trägt hindurch.

Wasser des Segens, rein und kristallklar, zu unserm Ursprung kehrn wir zurück.
Wasser des Segens, Wasser des Segens, Gott schöpft uns neu.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 15.03.2020 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche