Am Sonntagmorgen, 22.03.2020

von Ina Rottscheidt, Köln

„Sie können mich töten, aber nicht die Stimme der Gerechtigkeit.“ Vor 40 Jahren starb Oscar Romero

Oscar Romero stand am Altar, als er erschossen wurde. Der Tod des Erzbischofs von San Salvador löste einen Bürgerkrieg aus, von dem das Land sich noch immer nicht erholt hat. Auch 40 Jahre nach seinem Tod ist der mittlerweile Heiliggesprochene vielen Menschen in El Salvador eine Quelle der Kraft und Zuversicht.

© Wikimedia

„Ningún soldado está obligado…“

Es ist der 23. März 1980: Der Erzbischof von San Salvador Oscar Romero hält eine flammende Predigt: Kein Soldat sei verpflichtet, Befehle auszuführen, die gegen das Gesetz Gottes verstoßen, ruft er den Gläubigen zu. In El Salvador herrscht zu dieser Zeit ein Militärregime, das brutal gegen jede Form von Opposition vorgeht.

Immer wieder hatte Romero das Blutvergießen und die Unterdrückung kritisiert. Wie die meisten seiner Predigten wurde auch seine letzte damals im Radio übertragen. Das ganze Land hört zu, als Romero an die Militärs appelliert:

„In seinem Namen und im Namen unseres gequälten Volkes bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich Euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Unterdrückung!“

Einen Tag später ist Romero tot. Erschossen, während der Messe. Die Rache der Mächtigen, weil der Erzbischof unbequeme Wahrheiten ausgesprochen hatte. 

Was für ein Mensch war Oscar Romero?

Doch eigentlich war er zunächst weder Rebell noch wortgewaltiger Redner. Oscar Romero wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, studierte Theologie und wurde Priester: Ein frommer, stiller Mann, konservativ und gegen die Politisierung der Kirche. Nicht zuletzt deshalb kletterte er die kirchliche Karriereleiter hinauf und wurde 1977 Erzbischof von San Salvador. In dieser Zeit wurde der Priester Gregorio Rosa Chávez einer seiner engsten Vertrauten. Heute ist er Weihbischof von San Salvador, Kardinal und Hüter des geistlichen und kirchenpolitischen Erbes von Romero:

„Romero war ein zaudernder Mensch, fast ängstlich. Oft fragte er um Rat, ihm war die Meinung der Menschen wichtig und zugleich war er ein wenig menschenscheu, er ging ihnen eher aus dem Weg.“

In El Salvador herrscht zu diesem Zeitpunkt Ende der 70er Jahre bittere Armut. Der Grundbesitz und die Macht liegen in der Hand einiger Weniger, erklärt der Historiker Michael Huhn, der für das katholische Lateinamerikahilfswerk Adveniat arbeitet:

„El Salvador war damals de facto eine Diktatur. Eine Herrschaft, eine Koalition aus Militärs und den wirtschaftlich Mächtigen. Die wirtschaftlich Mächtigen, das waren die so genannten 14 Familien, die das Land im Griff hatten, und die natürlich überhaupt kein Interesse hatten, dass es zu sozialen Veränderungen kommen sollte. Aber es gab eine kräftige oppositionelle Bewegung an den Hochschulen. Und es gab die große Not, die Armut und die Verzweiflung der Tagelöhner, der landlosen Bauern und auch der Bauern, die von ihren Flächen weggedrängt werden sollten, weil da noch mehr Kaffeeplantagen angelegt werden mussten.“

Auf den Protest der Bevölkerung reagieren die Mächtigen mit zunehmender Repression. Finanzielle und logistische Unterstützung bekommen sie dabei aus den USA.

„Sei Patriot, bring einen Priester um!“

Romero erlebt mit, wie die Armee Massaker an Demonstranten verübt, wie Kritiker entführt und gefoltert werden. Er predigt Barmherzigkeit – doch Stellung bezieht er nicht.

Bis im März 1977 sein Freund, der Jesuitenpater Rutilio Grande, erschossen wird. Es ist die Wende – Romero wird politisch. In seinen Predigten kritisiert er fortan die Ungleichheit und die Gewalt, er benennt Missstände und deren Verantwortliche. Politik und Justiz wirft er Käuflichkeit vor. Und von seinen Amtsbrüdern fordert er, ebenso Position zu beziehen. 

Jetzt richtet sich der Hass des Regimes auch gegen die Kirche und Romero selbst. „Kommunistenführer“ nennen sie ihn und einen „Terroristen“. Es tauchen Flugblätter auf mit dem Aufruf: „Sei Patriot, bring einen Priester um!“ Die Botschaft war deutlich, sagt der Historiker Huhn:

„Noch wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass es ja nicht nur um die Priester ging, sondern dass unendlich mehr Laienmitarbeiter der Kirche, unendlich mehr Katecheten umgebracht worden sind, Leiter von Basisgemeinden und so weiter… Es war physischer Mord und es war gleichzeitig der Aufruf: ‚Die zählen nicht mehr!‘ Die Rolle von Romero war die, dass er für viele zu einem Ankerpunkt geworden ist. Die Sensation war ja, dass es jemand aus der Höhe der Hierarchie war, der quasi die Seiten wechselte und sich zu den ‚Kleinen‘ bekannte – und dessen Stimme gehört wurde.“

Romeros Tod löst einen Bürgerkrieg aus

Diese Stimme wurde vor 40 Jahren zum Schweigen gebracht – am 24. März 1980. Romero feiert gerade die Heilige Messe in der Kapelle der göttlichen Vorsehung in San Salvador, als ein Scharfschütze vorfährt: Er drückt nur einmal ab. Blutüberströmt bricht der Erzbischof vor dem Altar tot zusammen. Kardinal Chávez erinnert sich:

„Ich wusste, dass das geschehen würde. Ich hatte am Vortag seine Predigt gehört und als er sagte: ‚Hört auf mit der Unterdrückung!‘, war mir klar, dass das sein Todesurteil sein würde. Er wusste auch, dass er sterben würde. Er hatte keine Angst vor dem Tod, er hatte nur Angst davor, wie sie es machen würden. Am Ende starb er am Altar.“

Romeros Ermordung wird der Auslöser für einen Bürgerkrieg, in dem sich in den folgenden 12 Jahren Militärs, Todesschwadronen und linke Guerillagruppen erbittert bekämpfen. Am Ende wurde es einer der blutigsten Konflikte auf dem Kontinent.

Die Zeit nach Romero: „Eine Zeit der Angst“

José Lazo verehrt Monsignore Romero bis heute. Wenn man ihn nach seinen Erinnerungen fragt, zieht er ein zerknittertes, gelbstichiges Foto aus seiner Geldbörse. Es ist aus dem Jahr 1979 und zeigt den damals 11-Jährigen bei seiner Erstkommunion an der Seite von Romero:

„Ich erinnere mich, dass es während der Messe ständig Applaus gab... und danach liefen alle zu ihm, wollten ihm die Hand schütteln und meine Mutter schob mich auch dahin und plötzlich legte er den Arm und mich und irgendwer machte dieses Foto. Das ist bis heute eine schöne Erinnerung für mich.“

Den Tag, an dem Romero getötet wurde, hat er bis heute nicht vergessen. Und auch nicht die Gewalt, die danach folgte:

„Es war damals gefährlich, einer christlichen Gemeinschaft anzugehören. Es gab Repressionen, wir wurden verfolgt, weil wir uns wie Romero für Gerechtigkeit einsetzten. Ich höre heute noch das Bellen der Hunde in der Nacht und immer dachten wir: ‚Jetzt kommen sie und holen uns.‘ Er war eine Zeit der Angst.“

Im Namen der Aufstandsbekämpfung töteten Militärs zehntausende Zivilisten, Katecheten, Gewerkschafter und einfache Menschen vom Land, die irgendwie zwischen die Fronten geraten waren. Tausende verschwanden.

El Salvador heute: kein Bürgerkrieg und kein Frieden

Erst 1992 beendete ein Friedensvertrag diesen Bürgerkrieg. Doch aufgearbeitet wurde er nie. Die Regierung rief damals eine Generalamnestie aus, Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Auch die Mörder Romeros sind bekannt – angeklagt wurden sie nie.

Heute versinkt El Salvador in Gewalt und Armut. Durchschnittlich zwölf Menschen werden jeden Tag ermordet. Verbrechen werden so gut wie nie aufgeklärt, brutale Jugendgangs, die so genannten „Maras“, mischen im Drogen- und Waffenhandel mit, erpressen Schutzgelder und haben de facto ganze Stadt- und Landesteile unter ihre Kontrolle gebracht.

28 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges findet das Land keinen Frieden. Wer kann, macht sich auf den Weg in den USA. Für José Lazo ist das kein Zufall. Heute arbeitet er für die Menschenrechtsorganisation „Pro-Busqueda“, die 1994 von dem Jesuiten Jon Cortina gegründet wurde und die Schicksale der Verschwundenen aufklärt. Für José ist Oscar Romero heute noch ein Vorbild:

„Wenn uns einer weitermachen lässt, dann Oscar Romero. Seine Worte geben uns Kraft und die Gewissheit: das, was wir machen richtig ist: Die Option für die Armen, die Opfer und die Wahrheit.“

Die Kirche und Oscar Romero

Das hat auch die Kirche am Ende anerkannt. Schon Anfang der 90er Jahre hatte Kardinal Rosa Chávez das Seligsprechungsverfahren auf den Weg gebracht; gedauert hat es fast ein Vierteljahrhundert. Wichtige Frage war, ob Romero aus „Hass gegen den Glauben“ getötet wurde oder ob es ein politischer Mord war. Lange herrschte darüber im Vatikan Uneinigkeit, erzählt der Jesuit Bernd Hagenkord, der lange Jahre Redaktionsleiter bei Radio Vatikan war:

„Lange Jahre hat man das gesagt: ‚Das ist ein rein politisches Ding gewesen‘, und hat dann aber festgestellt: Das kann man so nicht trennen. Und er hat sich ja mit allen angelegt. Also, er wird ja ein bisschen als „linker Märtyrer“ angeschaut. Das ist er ja gar nicht. Als er das letzte Mal in Rom war, hat er gesagt: „Sie werden mich umbringen, ich weiß bloß nicht, ob es die Rechten oder die Linken sein werden.“ Also, er hat sich gegen die Gewalt der linken Guerillas genauso gewendet. Also, da ist er ganz, ganz der Seite der Armen – gegen die Ideologien und gegen den Konsumismus und die Ausbeutung durch das Feudalsystem. Von daher ist das natürlich sehr, sehr eminent politisch, was er da gemacht hat.“

Mehrfach war Oscar Romero zu Lebzeiten nach Rom gereist, um Papst Johannes Paul II. die Situation zu erklären. Das sei am Anfang nicht leicht gewesen, erinnert sich Kardinal Rosa Chávez:

„Johannes Paul II. war durch seine Erfahrungen mit dem Kommunismus Romero gegenüber skeptisch. Es war die Zeit des Kalten Krieges und der Papst verstand zunächst nicht, dass die Verhältnisse in Lateinamerika andere waren. Darum war das erste Treffen zwischen den beiden schwierig. Das war im Jahr 1979.“

Doch schon bei seinem zweiten Besuch ist die Stimmung offenbar versöhnlicher. Am 30. Januar 1980 notiert Romero in seinem Tagebuch:

„Er empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit und sagte mir, er verstehe, wie schwierig die Lage in meiner Heimat sei. Aber wir sollten neben der sozialen Gerechtigkeit und der Liebe zu den Armen auch an die Kirche denken. Er sorgte sich um die Kirche, wenn die Linken durch einen Umsturz an die Macht kämen. Ich sagte ihm: ‚Heiliger Vater, einerseits verteidige ich die soziale Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die Liebe zu den Armen, und andererseits fürchte ich, dass wir in Ideologien geraten, die menschlichen Gefühle und Werte zerstören.‘ Ich spürte, dass der Papst mich verstand. Am Ende umarmte er mich brüderlich und sagte, er bete täglich für El Salvador.“

Ein langer Weg zur Heiligsprechung

Auch Papst Benedikt kannte den Fall gut; er hatte sich damit schon beschäftigt, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation war. 2007 erklärte er während einer Brasilien-Reise, dass Romero aus seiner Sicht die Seligsprechung verdiene. Doch sowohl im Vatikan als auch in Lateinamerika gab es mächtigen Widerstand und Stimmen, die vor Romeros vermeintlich volksrevolutionärer Linie warnten.

Als mit Jorge Mario Bergoglio ein Lateinamerikaner Papst wurde, kam Bewegung in den Prozess. Der wachsende Abstand zum Rechts-Links-Denken aus den Zeiten des Kalten Krieges machte das möglich. Und: Franziskus kennt die Lebenswirklichkeiten Lateinamerikas gut, davon ist Kardinal Rosa Chávez überzeugt:

„Da gab es diese Geschichte 2007 beim lateinamerikanischen Bischofstreffen in Brasilien. Damals war Bergoglio Kardinal und jemand fragte ihn: ‚Was halten sie von Oscar Romero?‘ – Und er antwortete: ‚Für mich ist er ein Heiliger und ein Märtyrer. Wenn ich Papst wäre, hätte ich ihn schon heiliggesprochen.‘ Als er dann Papst wurde, ging alles sehr schnell.“ 

2015 sprach Franziskus Oscar Romero selig und 2018 heilig. Damit erkannte die Kirche an, dass sein Eintreten für die Armen und für Gerechtigkeit untrennbar mit seinem Glauben verbunden waren.

Romero habe immer daran erinnert, so Papst Franziskus 2018 bei der Heiligsprechung, dass jeder so sein solle wie die Märtyrer – denn Märtyrer zu sein bedeute, Zeugnis abzulegen für die Botschaft Gottes.

Erst kürzlich – im Februar 2020 – machte er auch den Weg frei für die Seligsprechung von Romeros Weggefährten Rutilio Grande, dessen Ermordung 1977 den Beginn von Romeros Protest gegen das Regime markierte: Es ist eine späte Anerkennung des Leids, das viele mutige Kirchenmänner und -frauen in El Salvador erleiden mussten. Für die Menschen in Lateinamerika ist Oscar Romero längst eine Symbolfigur – und ein Prophet.

„Podrán matar al profeta“ – „Sie können den Propheten töten, aber nicht die Stimme der Gerechtigkeit“.

Das Lied ist Oscar Romero gewidmet, der mit seiner Gesellschaftskritik damals schon Weitblick bewies. Allein: Seine Botschaften wurden offenbar nicht gehört.

Seine Forderungen nach Überwindung der sozialen Ungleichheit, Aussöhnung und einem Ende der Gewalt haben auch 40 Jahre nach seiner Ermordung nichts an Aktualität verloren.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

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Musik: El profeta


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Dieser Beitrag wurde am 22.03.2020 gesendet.


Über die Autorin Ina Rottscheidt

Ina Rottscheidt ist Redakteurin bei DOMRADIO.DE. Sie studierte Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Romanistik in Köln und Madrid. Ihre Journalistenausbildung absolvierte sie beim ifp in München. Sie arbeitete für diverse Sender, u.a. für die Deutsche Welle, WDR 5 und den Deutschlandfunk. Ihr Schwerpunkt sind die Themen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Lateinamerika und Weltkirche.  

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