Morgenandacht, 13.03.2020

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Wege ins Leben

Meister Eckhart lebte im 13. Jahrhundert. Er war ein großer Theologe und er war ein Mystiker. Mystiker sind Menschen, die nach innen schauen. Nach innen schauen heißt jetzt nicht, die Augen schließen vor der Realität, es ist keine Weltflucht. Es ist ein notwendiges Innehalten, um Distanz zu bekommen. Dank dieser Distanz kann ich bewusster wahrnehmen, was im Leben jetzt wirklich ansteht. Die christliche Fastenzeit, in der wir uns gerade befinden, ist eine gute Gelegenheit, diese Distanz einzuüben. Würde ein Mensch wie Meister Eckhart zu uns ins 21. Jahrhundert katapultiert, würde er uns sicher einige seltsame Fragen stellen.

Warum redet ihr immer von einem fernen, von einem schweigenden Gott? Warum redet ihr überhaupt so wenig von Gott? Warum sucht ihr nicht nach einem gnädigen Gott, der euch annimmt mit euren Schwächen. Warum soll er sich immer vor euch rechtfertigen, weil er doch so unzulänglich ist und all das zulässt, was die Welt und die Menschen quält? 

Und wenn ich einem Meister Eckhart heute das Elend unserer Welt zeigen würde und all die Menschen, die vielleicht verzweifelt auf eine Antwort Gottes warten, dann würde er Folgendes sagen: Vielleicht suchst du Gott an der falschen Stelle? Vielleicht sind deine Ohren verschlossen? Vielleicht hast du noch nicht den Ort gefunden, wo du Gott antreffen kannst? Vielleicht hast du dich selbst noch nicht gefunden, nicht entdeckt, was wirklich in dir steckt. Und Meister Eckhart würde uns zunächst einmal auf eine Reise nach Innen schicken.

Einer, der frei von jedem Vorwurf falscher Frömmigkeit ist, ist der Komiker Karl Valentin. Von ihm stammt ein Satz, den auch ein christlicher Mystiker gesagt haben könnte:

„Morgen gehe ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich zu Hause.“

Und tatsächlich: Meister Eckhart, der Mystiker, hat etwas ganz ähnliches gepredigt. Er sagt:

„In unserem tiefsten Innern, da will Gott bei uns sein. Wenn er uns nur daheim findet und die Seele nicht ausgegangen ist mit ihren fünf Sinnen.“

Für Meister Eckhart ist klar: Gott will bei uns sein, Gott will mit uns reden, wenn seine Stimme auch oft schmerzlich vermisst wird. Davon sind die Frommen, sind die Mystiker zu allen Zeiten überzeugt. Sie sagen: Sei du selbst, komm bei dir selber an, sei zu Hause: Dann kann auch Gott bei dir ankommen.

Das ist einer der Wege, die auch moderne Mystiker zeigen. Heißt das jetzt, dass jeder nur noch nach innen schauen soll, und dabei seine Umwelt, all die Fragen, Probleme und Nöte der Zeit vergessen und außer Acht lassen?  Nein, würden die Mystiker antworten. Wer die Erfahrung machen kann: Gott ist ganz nah bei mir, der hat die Kraft, die „Power“, Leben hier und jetzt in die Hand zu nehmen.

Ora et labora“ – „Bete und arbeite“ – dieses Leitwort vieler Ordensleute hat seinen Ursprung genau darin. Und weil Menschen wie Meister Eckhart eben nicht nur nach innen schauten, sondern dann auch laut dachten und handelten, gab es zwangsläufig Ärger. Denn Konflikte sind so gut wie vorprogrammiert, wenn ein Christ anfängt, auf seine eigene Weise zu sehen, was um ihn her und in ihm selbst ist. Das geschieht eben, wenn man an den Geist Gottes glaubt und nicht nur an ein Dogma. Wenn man eine Zukunft ins Auge fasst und nicht nur eine Überlieferung. Wenn man seinen Horizont so weit und so offen um sich hersieht, wie er in Wahrheit ist. Wenn man den Geist Gottes in allen Zeiten und an allen Orten wiederfindet, auch in sich selbst. Uns Menschen des 21. Jahrhunderts würde diese Haltung gut zu Gesicht stehen.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 13.03.2020 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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