Morgenandacht, 12.03.2020

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Das Schicksal der Kirchen

„Die Kirchen scheinen sich durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise selbst im Wege zu stehen. Wir haben durch unsere Existenz den Menschen das Vertrauen zu uns genommen. 2000 Jahre Geschichte sind nicht nur Segen und Empfehlungen, sondern auch Last und schwere Hemmung.“

Das Zitat, das ich gerade vorgetragen habe, stammt nicht etwa aus einem Statement eines Teilnehmers des Synodalen Prozesses der Katholischen Kirche. Der hat im Februar zum ersten Mal in Frankfurt getagt. Da wird über die Zukunft der Katholischen Kirche in Deutschland debattiert. Nein, der Text ist über 75 Jahre alt und stammt vom Jesuitenpater Alfred Delp. Er schrieb diese Zeilen in einem Text mit dem Titel „Das Schicksal der Kirchen“. Da saß er im Gestapogefängnis der Nazis in Berlin. Seine Kirchenkritik ist scharf. So manche Formulierung könnte man als aktuellen Kommentar zur Kirche im 21. Jahrhundert lesen. Und deshalb möchte ich Delp einfach selbst zu Wort kommen lassen. Er schreibt:

„Das Schicksal der Kirchen wird in der kommenden Zeit nicht von dem abhängen, was ihre Prälaten und führenden Instanzen an Klugheit, Gescheitheit, `politischen Fähigkeiten` usw. aufbringen. Auch nicht von `Positionen`, die sich Menschen aus ihrer Mitte erringen konnten. Das alles ist überholt. Man muss wieder  spüren und erfahren, dass die Hierarchie die Rufe der Sehnsucht und der neuen Aufbrüche hört und beantwortet, dass die Anliegen der jeweils neuen Zeiten und Geschlechter nicht nur in den Aktenschränken abgelegt werden, sondern als Sorgen und Aufgaben gewertet und behandelt werden.“ 

Man meint Delp spräche direkt zu den Teilnehmern des Synodalen Prozesses, die über Macht und Gewaltenteilung in der Kirche diskutieren, über das Leben der Priester, über Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche und das Thema Sexualität und Partnerschaft.

Darüber hinaus sieht Delp zwei große Themen, von denen es schon aus seiner Sicht 1944 abhängig sein wird, „ob die Kirche noch einmal den Weg zu den Menschen finden wird“. Dabei geht es zum einen um die Zerrissenheit und Einheit der Kirche:

„Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Christenheit zumuten, dann sind sie abgeschrieben, schreibt Delp. …(Die Trennung der Kirchen) soll .. unsere dauernde Schmach und Schande sein, da wir nicht imstande waren, das Erbe Christi, seine Liebe, unzerrissen zu hüten.“

Delps anderes Hauptthema ist der Dienst an den Menschen, die „Rückkehr in die Diakonie“. Er versteht darunter:

„das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen, das Nachgehen  auch in die äußersten Verlorenheiten des Menschen. Jesus habe schließlich gesagt: ‚Geht hinaus‘ und nicht: ‚Setzt euch hin und wartet ab, ob einer kommt’. …. Es habe keinen Sinn, so Delp wörtlich, mit einer Predigt- und Religionserlaubnis, mit einer Pfarrer- und Prälatenbesoldung zufrieden die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen.“

Vor 75 Jahren wurde Pater Alfred Delp in Plötzensee hingerichtet. Im Angesicht des Todes schreibt er:

„Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“

Der Theologe Gotthard Fuchs kommentiert diesen Satz im Jahr 2020 so:

„Ob Delp für uns und alle gestorben ist, zeigt sich darin, ob und wie wir ihn auf den synodalen Weg mitnehmen und als einen Kirchenvater jener deutschen Kirche begreifen, die sich aufbrechen lässt. Mindestens sein Vermächtnistext ‚Das Schicksal der Kirchen‘ sollte Pflichtlektüre sein.“ (Christ in der Gegenwart, 5/2020. S.629)

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

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Delp-Zitate aus:  Alfred Delp, Gesammelte Werke, hrsg. von Roman Bleistein, Band 4, S.318-323


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Dieser Beitrag wurde am 12.03.2020 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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