Morgenandacht, 10.03.2020

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Liebe

Oskar war Schauspieler, erfolgreich auf der Bühne und im Fernsehen. Es ging ihm gut beruflich und privat. Er war bekannt dafür, dass er nichts ausgelassen hat. Die Frauen in seiner Umgebung mussten sich in Acht nehmen. Er galt als Schürzenjäger. Heute ist Oskar alt, sitzt im Rollstuhl, lebt in einem Heim und fühlt sich einsam. Im Interview erzählt er, dass er sich nach einer Umarmung sehnt, ab und zu. Nein, er meint jetzt nicht unbedingt Sex, aber die Nähe, eine zärtliche Berührung ab und zu, das fehlt ihm schon arg, sagt er.

Zärtlichkeit, das gibt mir Lebenskraft, sagt Heinz. Er ist 75, seit über 50 Jahren verheiratet. „Ich bin noch nie aus dem Haus, ganz egal wann, ohne mich mit einer zärtlichen Geste oder einem Kuss von meiner Frau zu verabschieden. Und wenn ich zurückkomme, dann mache ich es genauso. Was für ein  herrliches Gefühl, was für eine Lebenskraft uns die Zärtlichkeit gibt, das kann nur der verstehen, der es täglich erlebt.“

Wir sitzen in einem Kreis älterer Menschen zusammen und unterhalten uns über „Sex im Alter“. Heinz findet es toll, in so einem geschützten Rahmen über das Thema reden zu können. Und er sagt auch warum „Weil wir in einer so berührungs- und körperfeindlichen Zeit aufgewachsen sind. Deshalb tauschen wir heute noch im höheren Alter täglich so viel wie möglich Zärtlichkeiten aus. Das hält jung und gibt die gegenseitige Geborgenheit, die jeder Mensch so dringend braucht.“

Ruth erzählt über die Probleme mit ihrem Sohn, der Schwierigkeiten hat, die Einstellung seiner Mutter zu akzeptieren. Sie sagt: „Warum sollen sich im Altersheim nicht Mann und Frau lieben, sogar begehren? Warum muss es nur der Hund, die Katze oder der Vogel sein? Ich bin seit fünf Jahren Witwe. Wenn ich heute einen Mann finde, der mich aufrichtig liebt - auch mit weißen Haaren -, der meine Zärtlichkeit braucht, wie ich die seine, dann wollen wir öffentlich dazu stehen und den jungen Menschen zeigen, das ist normal, das ist schön. Lächelt nicht darüber, seid tolerant, auch ihr werdet einmal alt.“

Einig sind sich alle im Kreis, dass wir Zärtlichkeit brauchen, wir nehmen und geben sie, mit oder ohne Sexualität. Ist im hohen Alter kein Gegenüber, kein „Du“ mehr da, dann kann schon ein lieber Blick eines Mitmenschen helfen. Ein Tischnachbar ist schwerhörig. Will ich ihm etwas mitteilen, nehme ich seine Hand oder berühre sachte seinen Arm, und sofort ist körperlicher Kontakt da und wird auch von mir als Zärtlichkeit empfunden.

Für Anna ist die Natur eine Möglichkeit, Zärtlichkeit zu empfinden. Mit der Hand über Gras streichen, an einer Blume riechen. Für sie ist die Natur Gottesgabe. Und auch ein Haustier vermittelt Zärtlichkeit, mit dem Hund, der Katze zu plaudern, sie zu streicheln und ihre Anhänglichkeit zu spüren.

„Ich gehöre meinem Geliebten, und er verlangt nach mir. Komm, mein Geliebter, wandern wir auf das Land, schlafen wir in den Dörfern. Früh wollen wir dann zu den Weinbergen gehen und sehen, ob der Weinstock schon treibt, ob die Rebenblüte sich öffnet, ob die Granatäpfel blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe.“  (Hld 7,11-13)

Das ist ein Ausschnitt aus dem  Hohen Lied  im Alten Testament der Bibel. Da geht es um die Liebe zwischen Mann und Frau und um die Ausdrucksweise der Liebe, um Zärtlichkeit, um Berührung, um Sexualität. In unserem Gesprächskreis sind wir uns am Ende einig: Das alles ist Gottes gute Gabe, ganz egal wie alt jede und jeder von uns ist.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 10.03.2020 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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