Morgenandacht, 11.03.2020

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Geschichten

„Heute fällt die Predigt aus, denn ich muss euch etwas Wichtiges sagen.“

Ob dieser schöne Satz jemals einem Pfarrer über die Lippen gekommen ist, weiß ich nicht. Aber es ist schon etwas Wahres daran. Denn oft rauschen die Worte bei der Predigt eines Pfarrers links ins Ohr hinein und rechts wieder raus. So geht es mir zumindest. Und ich glaube, dass es sicher nicht nur an meiner fehlenden Aufmerksamkeit liegt. Manchmal denke ich, dass wir verlernt haben, Geschichten zu erzählen. Und sie so zu erzählen, dass sie meinen Zuhörer mitnehmen und fesseln.  Und dann noch so von meinem christlichen Glauben zu erzählen, wie ich ihn lebe, wie er mir hilft, mein Leben zu leben – das fällt doppelt schwer.

Jesus hat das wohl gekonnt, er hat in Bildern und Gleichnissen gesprochen, leicht verständlich und vor allen Dingen kurz. Was die Bibelwissenschaftler an originalen Jesusworten erkannt haben, ist klar, einfach und deutlich. Und er unterstreicht das Ganze oft genug durch konkrete Taten. Wenn er die Kranken anfasst, die Tische der Geldwechsler durch die Gegend schleudert und seinen Jüngern die Füße wäscht. Schon wenige Jahre später redet der Hl. Paulus seinen Zuhörern so lange und wohl auch so langweilig ins Gewissen, dass ein junger Mann einschläft und aus dem Fenster fällt. Das erzählt die Apostelgeschichte.

Der Theologe Karl Rahner hat einem seiner Bücher den Titel „Hörer des Wortes“ gegeben. Er war überzeugt, dass der Mensch die Botschaft Gottes im Hier und Jetzt wahrnehmen könne. Und als Karl Rahner 1984 starb, da war auf dem Totenzettel ein Bild von ihm, wie er seine Hand an das Ohr hält und so die Ohrmuschel vergrößert, um besser hören zu können. Aber man braucht eben nicht nur Menschen, die hören können und wollen, man braucht auch diejenigen, denen man gut zuhören kann. Seit vielen Jahren hängt deshalb neben meinem Schreibtisch ein Blatt Papier mit dem Text einer kurzen jüdischen Weisheitsgeschichte. Die Überschrift lautet: Wie man Geschichten erzählen soll:

„Wie man Geschichten erzählen soll? So, dass sie einem selbst helfen! Mein Großvater war lahm. Einmal bat man ihn, eine Geschichte von seinem Lehrer zu erzählen. Da erzählte er, wie der große Baalschem beim Beten zu hüpfen und zu tanzen pflegte. Mein Großvater stand und erzählte, und die Erzählung riss ihn so hin, dass er hüpfend und tanzend zeigen musste, wie der Meister es gemacht hatte. Von der Stunde an war er geheilt. So soll man Geschichten erzählen.“

Ach, was wäre das schön, wenn ich so auch von meinem Glauben erzählen könnte. Dabei ist es eigentlich ja ganz einfach. Man braucht sich nicht anstrengen, keine großen Überlegungen anstellen. Wichtig ist, dass es aus dem Herzen kommt. So wie dieses Gebet: 

„Herr, oft weiß ich nicht, was ich sagen soll. Mir fehlen die Worte, es geht mir so viel durch den Kopf. Die volle Straße gleich wieder, und ich müsste unbedingt die Reifen wechseln. Der Kleine hat Fieber und kann heute wahrscheinlich nicht in die Kita gehen. Hoffentlich hat Oma Zeit. Im Büro könnte es lustig werden heute Mittag, Rudi hat Geburtstag, der lässt sich gerne was einfallen. Ach Herr, ich weiß nicht was ich sagen soll.“ - Und dann höre ich eine Stimme, die sagt: „Danke für dein Gebet. Es war eines der schönsten, die ich bis heute gehört habe. Morgen möchte ich mehr davon hören.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 11.03.2020 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche