Feiertag, 15.03.2020

von Harald Schwillus, Halle/Saale

„Ich habe geweint und gefastet…“ – Vom Sinn des Fastens in Judentum, Christentum und Islam

Fasten ist längst nicht mehr nur Sache religiöser Menschen. Auch beim Heilfasten oder Detox-Kuren fasten Menschen, indem sie auf etwas verzichten. In Judentum, Christentum und Islam bedeutet Fasten aber weit mehr als nur Entsagung. Es geht um eine intensive Auseinandersetzung mit dem Transzendenten.

© Ahna Ziegler von Unsplash

Bei einem Friseurbesuch im Mai des vergangenen Jahres wurde ich ungewollt Ohrenzeuge eines Gesprächs. Inhaber und die meisten Angestellten des Geschäftes sind Muslime, die das Fastengebot des Islam im Monat Ramadan befolgen: Nichts essen und nichts trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Der Friseur, der am Platz neben mir eine Kundin bediente, bot ihr ein Glas Wasser an. Sie lehnte es dankend ab, worauf er sie voller Interesse fragte: „Fasten Sie auch?“ Die Dame erwiderte dann kurz und knapp, dass sie nicht mehr in dem Alter sei, um sich durch Diäten quälen zu müssen, die ihre körperliche Attraktivität steigern sollten. Die zurückhaltenden Versuche des Friseurs, seine religiöse Fastenpraxis zu erklären, ließen dann aber kein Gespräch zwischen den beiden entstehen.

Wozu fasten?

Fasten als Weg zu körperlicher Attraktivität, aber auch Heilfasten und Detox-Angebote zur Entgiftung von Leib und Seele sind ein gern aufgegriffenes Thema in den Medien und in persönlichen Gesprächen – über Fasten aus religiösen Gründen wird öffentlich weniger gern gesprochen.

Fasten ist mit Anstrengung verbunden – das ist klar. Beim religiösen Fasten kann es zudem auch um die Auseinandersetzung mit eigenem Versagen gehen – um die Konfrontation mit falschen Entscheidungen, mit der Erfahrung des Bedrängtseins.

Der Psalmvers „Ich habe geweint und gefastet…“ [Ps 69,11] kennt diesen Zusammenhang und weiß um seine Bedeutung. Da spricht einer, der von Anfeindungen und Skandalisierungen bedrängt wird – und der schließlich mit Gottes Hilfe eine neue Perspektive gewinnt. Fasten ist hier keine Leistungserfüllung, sondern eine Hilfe zur Neuausrichtung.

Judentum, Christentum und Islam – die sogenannten abrahamitischen Religionen, die in Abraham ihren gemeinsamen Stammvater haben – sie wissen von der Bedeutung solcher Neuausrichtung und sehen dafür regelmäßige Zeiten vor – Fastenzeiten eben. Wenn sich auch Anlässe und Formen des Fastens unterscheiden, so geht es doch immer um die Beziehung des Menschen zu Gott und Welt. Ich habe darüber mit Geistlichen dieser drei Religionen gesprochen.

Judentum: Verzicht und Trauer

„Ich habe geweint und gefastet…“ Dieser Vers aus Psalm 69 gehört wie alle Psalmen des Alten Testaments zum gemeinsamen biblischen Erbe von Judentum und Christentum. Und auch die neutestamentliche Überlieferung des 40-tägigen Fastens Jesu in der Wüste bekommt durch diesen gemeinsamen biblischen Hintergrund Tiefe. Daher lohnt ein Blick auf die Formen und Zeiten des Fastens von Jüdinnen und Juden. Ich habe darüber mit Rabbiner Nils Ederberg gesprochen. Er unterrichtet am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und Berlin Studierende für das Rabbinat.

„Fasten ist ganz banal erstmal nichts essen und nichts trinken eine bestimmte Zeit lang. Und wir haben zwei verschiedene Arten von Fasten: Wir haben zweimal im Jahr große Fastentage von 18 Minuten vor Sonnenuntergang bis den nächsten Abend es dunkel geworden ist, das heißt, ungefähr 25 Stunden. Das ist einmal der Versöhnungstag Jom Kippur und einmal Tischa Be‘aw, der neunte Tag des Monats Aw, an dem sowohl der erste als auch der zweite Tempel zerstört worden sind und das ist der größte Trauertag im jüdischen Kalender und der Tag, an dem nicht nur Tempelzerstörung, sondern auch alle späteren Katastrophen der jüdischen Geschichte erinnert werden. Das sind die großen Fastentage. Neben dem Nicht-Essen, Nicht-Trinken gehört auch dazu, weil es Trauertage sind, dass man nicht badet, sich nicht schminkt, nicht sich parfümiert, keine körperlichen Beziehungen hat – solche Geschichten.“

Die kleinen Fastentage, das sind vier Tage im Jahr, die festgelegt sind, die alle zusammenhängen mit der ersten Tempelzerstörung, das heißt, als die Armee sichtbar wurde, als die Stadt Jerusalem umschlossen wurde, als die Stadtmauer gebrochen wurde und so weiter und so fort. Und dann gibt es in der jüdischen Geschichte mal Zeiten, wo ganz viel freiwillig gefastet wird, nach dem Modell der kleinen Fastentage, das heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; also so wie Muslime heute fasten. Es war üblich, das zweimal die Woche zu machen. Im Moment, in unserer Zeit, ist das nicht üblich. Mit Heilfasten und so etwas wird das wieder üblicher. Das sind Sachen, die kommen und gehen. Aber ganz zentral im Judentum sind diese beiden großen Fastentage: Jom Kippur und Tischa Be’aw.

Der jüdische Kalender ist ein Mondkalender, sodass die Festzeiten und Fastentage kein festes Datum im üblichen Sonnenkalender mit seinen 365 Tagen haben. Diese Differenz wird regelmäßig ausgeglichen – anders als im muslimischen Kalender, der ebenfalls ein Mondkalender ist. Dieser Ausgleich funktioniert ähnlich wie die regelmäßige Einfügung eines 29. Februar in den bürgerlichen Kalender – nur wird hier ein ganzer Monat hinzugefügt: Es folgt dann nach dem Monat Adar ein Monat Adar 2. Aufgrund dieses Ausgleichs liegen die jüdischen Fast- und Feiertage auch immer in der gleichen Jahreszeit.

Fasten als Verhandlungsmasse mit Gott

Der höchste jüdische Fast- und Feiertag ist Jom Kippur, der Versöhnungstag. Er schließt die zehn vorausgegangenen Bußtage ab. Das wohl bekannteste Gebet von Jom Kippur ist das Kol Nidre – zu deutsch: alle Gelübde. Es wird zu Beginn des Abendgottesdienstes, der den Feiertag einleitet, feierlich gesungen. Die Gläubigen widerrufen dabei alle unüberlegt oder unwissentlich gegenüber Gott abgelegten Gelübde. Übereiltheit und Schwachheit des Menschen werden so vor Gottes Angesicht getragen, damit sich neue Wege eröffnen können. Den gesamten folgenden Tag nimmt der Gottesdienst in der Synagoge ein. Eine wichtige Rolle haben dabei Gebete, die alle erdenklichen Sünden auflisten und die fastende Gemeinde zum Sündenbekenntnis auffordern.

Doch welche Bedeutung hat das Fasten für gläubige Jüdinnen und Juden? Dazu noch einmal Rabbiner Nils Ederberg:

„Warum fasten wir? Wenn wir uns den biblischen Bericht anschauen, dann ist Fasten eine Art Verhandlungsmasse mit Gott. Wir fasten, damit wir Regen bekommen, wir fasten, damit ein Kind nicht stirbt – und das ist etwas, was natürlich im allgemeinen Bewusstsein auch heute noch anklingt. Ich faste und damit tue ich ‘was und dafür will ich auch ‘was haben, aber es ist in der jüdischen Tradition ganz zentral, dass wir nicht am Jom Kippur, am Versöhnungstag, fasten, damit wir Gott gnädig stimmen, sondern wir fasten, damit wir uns befreien von den ganzen alltäglichen Zusammenhängen, die auch den Blick verstellen auf das, was in unserem Herzen eigentlich vor sich geht. Also: Judentum ist positiv, Judentum sagt nicht: ‚Oh, wir armen Sünder‘, Judentum sagt, Gott hat dich geschaffen, Gott hat dich gut geschaffen und du hast die Chance, was Gutes zu tun. Aber einmal im Jahr drehen wir die Perspektive um und gucken in unser Herz hinein: Was haben wir getan, was wir nicht hätten tun sollen, was haben wir unterlassen, was wir hätten tun müssen? Und um diesen Blick, diese Blickumkehr zu ermöglichen, fasten wir. Und: Das Fasten ist keine Leistung, sondern das Fasten ist ein Mittel auf dem Wege der inneren Erkenntnis.“

Christentum: Fasten als Zeit der Vorbereitung

Ebenso wie das Judentum kennt auch das Christentum bestimmte festgelegte Tage und Zeiten für das Fasten. Dazu gehören unter anderem das etwas außer Gebrauch gekommene regelmäßige Fasten am Freitag, das an den Tod Jesu am Kreuz erinnert, aber vor allem die längeren Zeit der Abstinenz und Vorbereitung vor den großen christlichen Festen.

Ich habe mich darüber mit Pfarrer Lutz Nehk unterhalten. Er ist Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin.

„Wie geht fasten christlich? Ja, das ist eine interessante Frage, weil – so oft fasten wir ja nicht. Es gibt in der Woche einen Fasttag, der Freitag, ein ganz klassischer Fasttag, und im Jahresverlauf eigentlich zwei Fastenzeiten, das ist einmal – obwohl es kaum bekannt ist – die Adventszeit vor Weihnachten und dann die große Fastenzeit von Aschermittwoch bis zum Osterfest. In der Liturgie sind das immer die Zeiten, in der dann die violette Farbe im Gottesdienst getragen wird als Zeichen der Buße und der Umkehr. Das zeigt auch schon: Buße und Umkehr, dass Fasten eigentlich kein Selbstzweck ist, dass man sagt: Ich faste jetzt mal, weil es mir eben Spaß macht zu fasten; sondern, es ist immer eine Vorbereitungszeit, zumindest die Adventszeit und die Fastenzeit vor Ostern – eine Vorbereitungszeit eben auf das große Fest, das bevorsteht.

Die 40 Fastentage vor Ostern sind eigentlich klassisch die Vorbereitungstage derer, die am Osterfest getauft werden, in der Osternacht. Für die galt früher eine lange Fastenzeit, um sich auf dieses Sakrament vorzubereiten; und das ist in der Liturgie für alle übernommen worden, um sich eben auf dieses Osterfest vorzubereiten, in dem ja dann auch alle eingeladen sind, ihr Taufbekenntnis zu erneuern, also quasi sich an die eigene Taufe als Kind zu erinnern und das, was da gesagt wurde, noch einmal zu wiederholen.“

40 Tage Fasten – außer sonntags

Die 40 Tage der Fasten- und Bußzeit vor Ostern, von denen Pfarrer Lutz Nehk hier spricht, haben eine lange biblische Tradition: Die Dauer der Sintflut wird mit 40 Tagen angegeben [Gen 7,4-6], das Volk Israel zog 40 Jahre durch die Wüste auf seinem Weg ins Gelobte Land [Ex 16,35], Mose blieb 40 Tage auf dem Berg [Ex24,18], Elija wanderte 40 Tage und Nächte zum Gottesberg Horeb [1 Kön 19,7], Jona teilte der Stadt Ninive eine Frist von 40 Tagen mit, um zu Gott umzukehren [Jon 3,4]. Und schließlich: 40 Tage fastete Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten in der Wüste [Mk 1,13; Mt 4,2; Lk 4,1-2] und 40 Tage nach seiner Auferstehung fuhr er in den Himmel auf [Apg 1,3].

Von diesen 40 Tagen hat die Fastenzeit dann auch ihren lateinischen Namen erhalten: Quadragesima – von lateinisch: der 40. Tag. Mit dem Aschermittwoch beginnt Jahr für Jahr diese christliche Zeit des Verzichts und der Buße.

Über Jahrhunderte hinweg waren die 40 Tage der Fastenzeit eine durchlaufende Periode. Erst die Synode von Benevent legte im Jahr 1091 endgültig fest, dass die Sonntage dabei nicht mitgezählt werden. Sie erinnern an die Auferstehung Christi und sind deshalb kleine Ostertage, an denen nicht gefastet wird. Der Beginn der Fastenzeit rückte daher um sechs Tage auf den heutigen Aschermittwoch vor.

Fasten heißt: Weniger und mehr machen

Doch, wie sieht christliches Fasten während dieser 40 Tage aus? Welches Ziel verfolgt es? Dazu noch einmal Pfarrer Lutz Nehk:

„Ja, wie geht fasten? Eigentlich denkt man dabei immer an das körperliche Fasten, das Sich-Enthalten von Speise und Getränken, kein Alkohol, kein Fleisch, keine Süßigkeiten, nicht viel essen, also körperliches Speisefasten. Das ist durchaus richtig.

Aber neben dem Fasten in der Form von Speisefasten geht’s auch darum, dass man nicht nur ein Weniger macht, sondern auch ein Mehr. Diese Bußwerke des Verzichts zum einen, aber dann auch die Bußwerke der Frömmigkeit und der Nächstenliebe. Da wird nicht weniger, sondern eigentlich auch mehr erwartet; das heißt also, dass man sich in diesen Fastenzeiten oder Fastentagen noch einmal darauf konzentriert, ja wie ist denn mein Verhältnis zum Nächsten, wo sehe ich denn Not, wo kann ich denn etwas tun und habe es bisher nicht getan. Dass man das an diesem Tag bedenkt und in dieser Zeit intensiviert.

Und auch die Bußwerke der Frömmigkeit; dass man sich fragt: na, wie ist denn mein Dialog mit Gott, meine Einstellung zum Gottesdienst, auch die fromme Lektüre, mach ich da was, mach ich da nichts? Und: Was könnte ich da mehr machen und dass man sich in dieser Fastenzeit eben auch dann Vorsätze nimmt und kuckt, dass man da eben auch Fortschritte macht. Nicht so wie die Vorsätze zum neuen Jahr, die dann am nächsten Tag vergessen sind, sondern dass man sich ganz konkrete Vorsätze nimmt. So, wie man sagt, ich trinke jetzt keinen Alkohol oder esse kein Fleisch in der Fastenzeit; dass man sagt, ich lese vielleicht eine Stunde mal oder eine halbe Stunde in der Bibel oder unterstütze ein ganz bestimmtes Projekt. Also Fasten nicht Selbstzweck, sondern immer sinnerfüllt durch Verzicht und ein Mehr an Frömmigkeit und Werken der Nächstenliebe.

So unterschiedlich fasten Christen

Die Praxis des Fastens kann im Christentum ganz unterschiedliche Formen annehmen. Vom individuellen Verzicht bis hin zu Fastenvorsätzen. Auch die Wochen der Fastenzeit können unterschiedlich gestaltet werden. So bezieht das Programm „Sieben Wochen ohne“ auch die Sonntage der Fastenzeit in Verzicht und Neuausrichtung ein. Es ist vor allen in den evangelischen Kirchen verbreitet.

Die orthodoxen Kirchen kennen vier Fastenzeiten: das Apostelfasten vom Sonntag nach Pfingsten bis zum Peter-und-Pauls-Tag, die Maria-Entschlafungszeit im August, das Philippus-Fasten vor Weihnachten und die große 40-tägige Fastenzeit vor Ostern. Die Gläubigen der syrisch-orthodoxen Kirche fasten vor Ostern von Montag bis Freitag. Traditionell verzichten sie dabei bis zum Abend auf Essen und Trinken.

Islam: Enthaltsamkeit und Selbstläuterung

Diese Form erinnert an das Fasten von Musliminnen und Muslimen im Monat Ramadan. Gefastet wird dann, solange das Tageslicht scheint, die Dunkelheit unterbricht es. Der Termin des Ramadans richtet sich nach dem islamischen Kalender, der ein Mondkalender ohne Schalttage und Schaltmonate ist. Der Ramadan ‚wandert‘ daher durch das Sonnenjahr und alle Jahreszeiten.

Darüber und über das Fasten im Islam allgemein habe ich mit Kadir Sanc? gesprochen. Er ist Imam in Berlin und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Potsdam.

„Das läuft so im Ramadan – 29 bis 30 Tage – und von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang ist Enthaltsamkeit eigentlich gefragt und zwar: Es wird nichts gegessen, auch nichts getrunken. Und zugleich die Nähe zu der Frau oder Mann, da ist auch eine Enthaltsamkeit gefragt; also die sexuelle Nähe wird dann eigentlich in dieser Zeit weggelassen. Man hört schon heraus, also es ist nicht der ganze Tag oder 40 Tage lang, sondern 29 bis 30 Tage lang, den ganzen Tag über. Und je nachdem in welcher Region und in welcher Jahreszeit man ist, kann es dann eigentlich mehrere Stunden dauern. Also es kann 12, 13, 14 Stunden haben oder auch sogar vielleicht 19, 20 Stunden haben, wo man fastet.“

Also, das ist das Fasten im Groben. Und die Verpflichtung, die erfahren wir eigentlich aus dem Koran; und das ist auch noch einmal ganz interessant zu hören. Die Stelle ist der Koranvers 183 in der Sure Al-Baqarah, die zweite Sure, und da heißt es: „Euch ist vorgeschrieben zu fasten, wie es auch denjenigen, die vor euch gelebt haben, vorgeschrieben worden war“. Also, da hört man auch ganz schnell und ganz stark heraus, es ist jetzt nichts spezifisch Islamisches, neu-Islamisches, sondern man liegt da in der Tradition; und um es ein bisschen enger zu sehen, man liegt da in der abrahamitischen Tradition.

Drei Wege um zu Fasten

Neben dem verpflichtenden Fasten im Ramadan wird den Musliminnen und Muslimen empfohlen, auch über das Jahr verteilt freiwillige Fastentage einzuhalten. Dabei geht es immer um eine Ausrichtung der eigenen Perspektive auf Gott. Von der Intensität her gibt es dabei drei Wege:

Der einfachste ist der, die Vorschriften der Enthaltsamkeit genau einzuhalten und zu befolgen.

Ein zweiter nimmt während des Fastens die eigenen Verhaltensweisen in den Blick, das eigene Handeln und Versagen.

Ein dritter versucht auf den Grund des eigenen Handelns vorzudringen und sich mit den eigenen negativen Eigenschaften zu konfrontieren, um sich von ihnen lösen zu können.

„Das wichtigste beim Fasten im Islam ist eigentlich die Selbstläuterung. Es geht um die eigene Person. Und es ist eine Reise, wo ich einmal in dem Stress, den ich im Alltag habe, sage ‚stopp!‘, ich möchte jetzt ‘mal verstehen, ob ich jetzt in einer Routine mich verloren habe und wo ich dann jetzt nicht mehr weiß, ob ich das mit wahren Intentionen, mit Ehrlichkeit noch weiterhin mache oder ob es nur jetzt ‘mal so sich eingefleischt hat. Und das ist genau die Zeit für uns: Halt machen, nochmal nachdenken, weswegen bin ich auf diesem Weg gewesen, und wo stehe ich, was muss ich verändern?“

Fastentage sind geschenkte Zeiten für eine Neuausrichtung des eigenen Lebens. Sie konfrontieren uns mit uns selbst. Sie stehen gegen eine Tendenz, sich selbst freizusprechen und alle Schuld in gesellschaftlichen, politischen, sozialen oder psychologischen Ursachen zu suchen. Sie können helfen, still zu werden und nachzudenken.

Entgiften der Haltung zu mir und der Welt

Das Fasten von jüdischen, christlichen und muslimischen Gläubigen empfiehlt daher mit dem Blick auf Gott ein ‚Heilfasten‘, ein ‚Entgiften‘ der eigenen Haltung zu mir selbst, zu den Menschen um mich herum, zur Welt als Gottes Schöpfung. Der Verzicht und damit die Konzentration auf Wesentliches können Raum geben, Gottes Angebot und Anruf wahrzunehmen.

Für mich als Christen bedeutet dies: Ich versuche mein Fasten auf Jesus Christus, seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung auszurichten. So geht der Blick schon in der Fastenzeit auf Ostern hin. Da passt dann ganz gut auch der alte lateinische Name für den heutigen dritten Fastensonntag.

Er wird nach einem Vers aus Psalm 25 ‚Oculi‘ – zu deutsch ‚die Augen‘ – genannt:

„Meine Augen schauen stets auf den HERRN;*

denn er befreit meine Füße aus dem Netz.“ (Ps 25,15)

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

Musik:

Max Bruch: Acht Stücke, op. 83, VIII. Moderato, Max Bruch, Chamber Music, Trio Apollon, Trio Apollon, Matthias Glander (Klarinette), Felix Schwartz (Viola), Wolfgang Kühnl (Klavier)

Max Bruch: Kol Nidrei, op. 47, Nils Mönkemeyer: Walton, Bruch, Pärt, Nils Mönkemeyer (Viola), Bamberger Symphoniker (Markus Poschner)

Max Bruch: Canzone, op. 55 in B-Dur für Klarinette und Klavier, Max Bruch, Chamber Music, Trio Apollon, Trio Apollon, Matthias Glander (Klarinette), Felix Schwartz (Viola), Wolfgang Kühnl (Klavier)

Max Bruch: Acht Stücke, op. 83, I Andante, Max Bruch, Chamber Music, Trio Apollon, Trio Apollon, Matthias Glander (Klarinette), Felix Schwartz (Viola), Wolfgang Kühnl (Klavier)

Max Bruch: Romance for viola & orchestra, op. 85, Nils Mönkemeyer: Walton, Bruch, Pärt, Nils Mönkemeyer (Viola), Bamberger Symphoniker (Markus Poschner)


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Dieser Beitrag wurde am 15.03.2020 gesendet.


Über den Autor Harald Schwillus

Harald Schwillus, geboren 1962, ist seit 2005 Professor für katholische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Kontakt
Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Franckeplatz 1/Haus 31
06110 Halle (Saale)
harald.schwillus@kaththeol.uni-halle.de

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