Wort zum Tage, 06.03.2020

von Guido Erbrich, Magdeburg

Gallien leistet Widerstand

Jedes Asterix-Heft beginnt mit dem kleinen gallischen Dorf, dass Widerstand leistet. Übermächtig bewacht von Römern. Die versuchen immer wieder das Örtchen aus der Welt zu schaffen. Es gelingt ihnen nie. Neben dem Zaubertrank des Druiden ist die wichtigste Waffe der gallischen Dorfbewohner ihr Zusammenhalt. Den Mut und die Menschlichkeit, welche die genialen Erfinder von Asterix und Obelix beschreiben, hat es in den Tagen der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wirklich gegeben. Le Chambon-sur-Lignon heißt der Ort im Zentralmassiv, im Herzen Frankreichs.

Von 1942 an nahmen die Dorfbewohner auf Initiative des Pfarrers André Trocmé und seiner Frau Magda, Juden auf, die von der Verschleppung in die Konzentrations- und Vernichtungslager bedroht waren. „Warum er das tue?“ wurde er von Widerstands-kämpfern gefragt, als er mit ihnen im Gefängnis saß. „Weil der Glaube auf Erde wirken muss“, antwortete Pfarrer Trocmé. „Er wolle nicht tatenlos auf den Himmel warten“. Deshalb saßen sie gemeinsam in einer Zelle.

Auf die polizeiliche Aufforderung, Verstecke von geflohenen Juden zu verraten, reagiert er beinahe schlitzohrig: „Wir wissen nicht, was Juden sind. Wir kennen nur Menschen“, hatte er geantwortet. Ohne Beweise musste die Polizei den Pfarrer wieder freilassen.

Eigentlich hätten die Nazis am liebsten sein ganzes Dorf verhaftet. Denn es war das Herz eines Rettungssystems, das verfolgte Juden über die Alpen in die Schweiz brachte. Dabei halfen Menschen, egal ob sie evangelisch oder katholisch waren, ob Reformierte oder Quäker, Sozialisten oder Kommunisten. Im Pfarrhaus des kleinen Ortes planten die Bewohner die unglaublichsten Rettungsaktionen. Die Flüchtlinge wurden bei Familien und in Pfarrhäusern, in Hotels, Scheunen und in Werkstätten untergebracht. Für Kinder wurde Schulunterricht organisiert. Viele Flüchtlinge wurden unter falschem Namen sogar polizeilich angemeldet, um notwendige Lebensmittelkarten zu erhalten.

Wenn die Patrouillen der Deutschen anrückten, wurden die Menschen auf dem Land außerhalb des Ortes versteckt. Waren die Patrouillen wieder abgezogen, gingen die Einwohner in die Wälder. Dort sangen sie ein bestimmtes Lied und zeigten, dass die Gefahr erst einmal vorüber sei.

Die Bewohner der Region retteten auf diese Weise ungefähr 5000 Deutsche, Österreicher, Niederländer und Franzosen jüdischen Glaubens vor dem sicheren Tod. Einige der Retter bezahlten diese Hilfe mit ihrem Leben.

Pfarrer Trocmé starb 1971.  Sein Credo in dieser Frage war eindeutig: „Wir kennen nur Menschen.“ Es ist eine Haltung, die uns auch heute in der Diskussion um Flüchtlinge bescheiden machen kann. Im Jahr 1990 zeichnete die israelische Regierung die ganze Region für ihren Mut als „Gerechte unter den Völkern“ aus.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 06.03.2020 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Seit 2010 ist er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg.

Kontakt
Guido.Erbrich@roncallihaus.de

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