Wort zum Tage, 05.03.2020

von Guido Erbrich, Magdeburg

„War schon immer so“

„Das war schon immer so“, ist eine der beliebtesten Antworten für jemanden, der keine wirkliche Antwort hat. In einer spanischen Kaserne, so wird erzählt, standen lange Jahre zwei Soldaten vor einer Parkbank Wache. Tag und Nacht, bei jedem Wetter.

Niemand regte sich darüber auf, niemand fragte, bis eines Tages ein General zu Besuch in die Kaserne kam. Er sah die Soldaten, ging zur Bank, setzte sich und fragte dann, warum sie dastehen. „Weil es uns befohlen wurde“, antworteten die Soldaten. „Das ist ein alter ehrwürdiger Brauch und gehört zu den besonderen Ehrenbezeigungen unserer Kompanie.“ „Ist das so?“ fragte der General verschmitzt und setzte fort:

„Vor 20 Jahren war ich Kompaniechef in dieser Kaserne. Am Tag meiner Verabschiedung wurde die Bank gestrichen und ich befahl zwei Soldaten aufzupassen, dass sich keiner draufsetzt. Vermutlich ist die Farbe jetzt trocken. Darum können Sie jetzt abtreten.“

Diese Geschichte zeigt: Lassen Sie sich nicht beeindrucken, wenn ihnen jemand mit wichtiger Stimme sagt, etwas wäre schon immer so.

Erstens stimmt das meistens nicht, zweitens ist damit überhaupt nicht gesagt, dass es sinnvoll sei und drittens sollte man ruhig ab und an versuchen, ob es nicht auch anders besser gehen könnte.

Einige Diskussionen heute, besonders auch in Kirchen, scheinen nach dem gleichen Muster zu funktionieren. Zu dem „das war schon immer so“ gesellen sich dann zwei weitere Totschlagargumente: Wo kommen wir denn da hin? und: Wenn das jeder so machen würde?

Damit versucht man, oft erfolgreich so manche Diskussion abzuwürgen. Beim näheren Hinschauen wird deutlich, wo wir hinkommen, wenn wir gingen, ist hier noch lange nicht klar. Ganz anders klingt das in einem Lied, dass 1989 in vielen Kirchen der damaligen DDR gesungen wurde. „Vertraut den neuen Wegen“. Es war auf die Melodie des 450 Jahre alten Liedes „Lobt Gott getrost mit singen“ komponiert worden. Wenige Wochen vor dem Fall der Mauer schrieb es Klaus Peter Hertzsch zur Hochzeit seiner Patentochter in Eisenach.


Die Worte passten für den neuen Weg des Paares und genauso auf die Umbruchstimmung im Land. Schnell erklingt das Lied für eine Hoffnung, die gehen lernt. Die alten SED Kader beharrten auf dem alten Modell. Das Realitätsverweigerungsmodell, indem angeblich die Welt untergeht, wenn es jeder so machen würde. Die Welt ging damals nicht unter – im Gegenteil, die Mauer fiel und das, wo man hinkam, war zwar nicht das Paradies aber deutlich besser, als das was bisher da war.

Diesen Mut, neuen Wegen zu vertrauen, dürfen wir immer wieder wagen. Nicht zuletzt, weil Gott versprochen hat, mitzugehen. „Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 05.03.2020 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Seit 2010 ist er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg.

Kontakt
Guido.Erbrich@roncallihaus.de

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