Wort zum Tage, 16.05.2020

von Sabine Lethen, Essen

Träumt gut!

Ich bin Mutter von vier Töchtern, die es allesamt geliebt haben, mit einem Schlaflied ins Bett gebracht zu werden. Wie oft habe ich an ihren Betten gesessen und gesungen?

Einen Abend werde ich nie vergessen: „Der Mond ist aufgegangen“ war gewünscht. Ich war bei der siebten Strophe angelangt: „Nun legt euch denn ihr Brüder …“ Da reklamiert meine Älteste: „Wir haben doch gar keinen Bruder. Sing das Lied von den Schwestern!“ Recht hatte sie, also haben wir versucht eine neue Strophe zu dichten. Die erste Zeile war schnell gefunden: „So legt euch hin ihr Schwestern und schlaft so gut wie gestern.“ Und weiter? Die Mädchen forderten, dass jetzt etwas mit ‚schönen Träumen‘ kommen müsse. Also der nächste Vers: „Schlaft fest und träumt ganz gut.“

Klar, dass wir uns nicht mit dem großen Matthias Claudius würden messen können – aber Inhalt sollten die nächsten Zeilen schon haben. Nach einigem Probieren einigten wir uns auf den Schluss: „Und morgen lasst uns leben, was uns im Traum gegeben – mit neuer Kraft und frischem Mut.“

Unser Dichten liegt nun schon fast dreißig Jahre zurück. Wir haben die Strophe noch oft miteinander gesungen. Und schon oft habe ich gedacht, wie schön es doch wäre, wenn Träume mir quasi auf Bestellung Kraft und Mut für den kommenden Tag geben würden. Wenn ich in kniffeligen Lebenslagen über Nacht Regieanweisungen bekäme, die ich am Morgen einfach in die Tat umsetzten könnte. … Aber so einfach ist das nicht.

Doch die Erinnerung an die Entwicklung unserer Familienstrophe lässt mich bis heute dankbar schmunzeln. Was habe ich nicht alles mit diesen Kindern gelernt. Auf wie viele „kleine Dinge“ haben sie mich aufmerksam gemacht – die ich ohne sie glatt übersehen hätte. Wie gut, dass sie mich so oft herausgefordert haben, Lösungen zu suchen, Alternativen zu entwickeln, gemeinsam zu überlegen, wie etwas auch „anders“ gehen könnte.

Sie haben mich erleben lassen, wie wertvoll es sein kann, ein Team mit recht unterschiedlich tickenden Typen zu sein. Sie brachten verschiedene Sichtweisen und ihre je individuelle Art ein. Die eine eher nüchtern und sachlich, die andere neugierig ausprobierend. Und auch wenn es mitunter ziemlich kompliziert war, zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen – mindestens eine verbreitete Zuversicht und mindestens eine hatte eine gute Idee.

All das gibt mir bis heute Kraft und macht mir Mut – und ich singe noch immer gerne „unsere“ Strophe vor mich hin.


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Dieser Beitrag wurde am 16.05.2020 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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